Spielverhalten bei (Haus-)Hunden

Der Hund – Freund, Begleiter und auch Spielpartner des Menschen. Spielverhalten tritt bei Haushunden bis ins höhere Erwachsenenalter auf – als „ewige Kinder unter den Caniden“ bewahren sie sich viele juvenile Züge auch als adulte Tiere, dennoch findet ein Großteil des Spielens und der Entwicklung des Spielverhaltens im Welpenalter statt.
Spielverhalten fördert die Beziehung zwischen Artgenossen und Mensch und Hund, außerdem schult es diverse Fähigkeiten, die unsere Haushunde im Alltag benötigen. Hunde, die von klein auf lernen, mit anderen Hunden zu spielen, sind besser in der Lage, auf unerwartete Situationen zu reagieren. Darüber hinaus macht es nicht nur uns glücklich, Hunden beim ausgelassenen Toben zu beobachten, sondern sorgt auch bei Hunden für erhöhtes Wohlbefinden: Beim Spielen werden im Gehirn unseres Hundes Hormone (Oxytocin und Cortisol) freigesetzt. Diese Hormone helfen dem Hund, sein Stressniveau zu kontrollieren.
Um Spielverhalten besser zu verstehen, schauen wir uns nachfolgend die verschiedenen Entwicklungsstadien des Spielverhaltens, Spielformen, die soziale Funktion des Spiels und Unterschiede in der Verspieltheit zwischen Haushunden, Wildcaniden und verschiedenen Hundetypen an.

Soziale Interaktionen zwischen Hundewelpen treten etwa ab der 3. Lebenswoche – der sogenannten „Übergangsphase“ in der Welpenentwicklung – auf. Die sensorische und kognitive Entwicklung im Alter von drei Wochen ermöglicht die Bildung von sozialen Beziehungen (Scott & Marston, 1950; Scott, 1962). Die primären sozialen Beziehungen werden mit der Mutter und den Wurfgeschwistern gebildet – Hunde lernen ihr kommunikatives und soziales Verhalten zunächst innerartlich.
Welpen entwickeln ihr Spielverhalten bereits in frühem Alter, beginnend mit ersten explorativen Reaktionen mittels ihrer Nase und Schnauze, denen nach und nach eine wachselnde Anzahl von Verhaltensmustern folgen, die sich zum Spielverhalten zusammenfügen (Burkhardt et al., 2016).
Die wichtigste empfindliche Periode in der Entwicklung eines Hundewelpen ist nach allgemeiner Auffassung die 10-wöchige Periode von der 3. Lebenswoche bis zum 3. Lebensmonat. Diese Zeitspanne wird allgemein als „Sozialisierungsphase“ bezeichnet, da in dieser Zeit arttypische soziale Fähigkeiten am schnellsten erlernt werden (Bekoff, 2001).

Ab der 5. Lebenswoche – in der „Sozialisierungsphase“ zeigen Hundewelpen regelmäßige soziale Interaktion und soziales Spiel mit ihren Artgenossen (Lund & Vestergaard, 1998). Solitäres objektorientiertes Spiel zeigen Hundewelpen ab etwa 4.5 Wochen, mit 5 Wochen beginnt dann soziales objektbezogenes Spiel mit ihren Wurfgeschwistern oder den Elterntieren (Burkhardt et al., 2016). Etwa zu der Zeit, in der die Welpen ihr soziales Verhaltensrepertoire durch Interaktionen mit der Mutterhündin erwerben, tragen auch Interaktionen mit Wurfgeschwistern zu ihrer sozialen, kognitiven und physiologischen Entwicklung bei. Angemessene Verhaltensweisen und innerartliche Kommunikation werden weitgehend während der Spielsequenzen zwischen Wurfgeschwistern erlernt, bei denen die Welpen abwechselnd durch spielerische Kämpfe lernen, bestimmte Lautäußerungen ihrer Artgenossen mit Schmerzen in Verbindung zu bringen (Dehasse, 1994; Case, 2005). Durch diese spielerischen Raufereien schulen die Hundewelpen ihre Fähigkeit und lernen, unterwürfige, beschwichtigende, agonistische oder dominante Verhaltensweisen angemessen zu zeigen.

Für eine angemessene soziale Entwicklung gilt die Faustregel, dass Hundewelpen idealerweise mindestens bis zur 8., je nach Rasse jedoch bis zur 10. Lebenswoche zusammen mit ihren Eltern und Geschwistern leben sollten (Case, 2005). Nach dem Umzug zum neuen Halter sind soziale Kontakte zu Artgenossen und die Möglichkeit zum Spiel mit gleichaltrigen Hunden ebenso bedeutsam für die hündische Entwicklung – unzureichender Sozialkontakt in den ersten acht Wochen im neuen Zuhause kann zu einer deutlichen Steigerung des innerartlichen Aggressionsverhaltens bei adoleszenten und adulten Hunden führen (Wormald et al., 2016).

Welpenentwicklung des Haushundes

Was geschieht beim Spiel im (Hunde-)Gehirn? – Zur Neurobiologie des Spiels hier entlang →
https://canisindipendicus.blog/2020/08/28/die-neurobiologie-des-spielverhaltens/

Weshalb spielen (Haus-)Hunde?

Spiel dient der Entwicklung der motorischen Fähigkeiten, als Training für das Unerwartete und unterstützt insbesondere bei adulten Hunden den sozialen Zusammenhalt. Bei den meisten Spielformen, vorrangig beim Sozialspiel, wird der Zusammenhalt zwischen Mensch und Hund oder Hund und Hund verbessert, die Vertrautheit gesteigert und agonistisches Verhalten reduziert. Hund-Mensch-Spiel senkt das Cortisol-Niveau und trägt damit zur Stressreduktion bei (Horváth et al., 2008). Bradshaw et al (2015) vermutet, dass das objektbezogene Spielverhalten bei erwachsenen Hunden in Zusammenhang mit dem Jagdverhalten steht.
Es ist unwahrscheinlich, dass das Spiel bei Hunden nur als Nebenprodukt anderer biologischer Prozesse entstanden ist, sondern wurde vermutlich direkt und indirekt durch künstliche Selektion geformt (Sommerville et al., 2017).

Spiel wird definiert als freiwilliges Verhalten, das von wiederholenden Handlungsmustern gekennzeichnet ist, die sich von funktionellem Verhalten unterscheiden (Burghardt, 2005) und von einem positiven affektiven Zustand begleitet werden (Bateson, 2014).

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Spielverhalten freilebender Haushunde

Bei freilebenden Hunden in Indien wurde hündisches Spielverhalten erstmals außerhalb anthropogener Strukturen beobachtet. Pal (2008) stellte fest, dass indische Hundewelpen erstmalig im Alter von 3 Wochen soziales Spielverhalten zeigen, das nach acht bis neun Wochen allmählich abnimmt.
Die Welpen zeigten zunächst im Alter von 3 Wochen soziales Interesse und untersuchten einander gegenseitig, ab der 4. Lebenswoche zeigten sich spielerische Raufereien, die in der 5. Lebenswoche in agonistisches Spielverhalten übergingen – zeitgleich zeigten die Welpen auch zum ersten Mal objektbezogenes Spiel. Bereits ab der 6. Lebenswoche wurde pseudo-sexuelles Spielverhalten beobachtet (Pal, 2011).
Die beobachteten indischen Hundewelpen zeigten mehr sozial-orientiertes Spiel als andere Spielformen – diese Präferenz wurde auch von Tanner et al. (2007) bei Tüpfelhyänen beobachtet. Eine Zunahme des Spielverhaltens wurde bei den indischen Hunden vor allem zwischen der 8. und 9. Lebenswoche beobachtet, danach nahm das Spielinteresse merklich ab. Eine anfängliche Steigerung der Spielbereitschaft, gefolgt von einem plötzlichen Rückgang der verschiedenen Spielformen mit zunehmendem Alter, wurde zuvor von Ward et al. (2008) bei Haushunden und von Tanner et al. (2007) bei Tüpfelhyänen beobachtet.

Spielen fördert die Entwicklung sozialer Fähigkeiten, denn währenddessen lernen die Spielenden, soziale Bindungen und verschiedene motorische Fähigkeiten auszubilden. Die Welpen können so neue Informationen über ihr soziales und physisches Umfeld durch direkte Interaktion und Reaktion erhalten und daran gekoppelte angemessene Verhaltensweisen erlernen (Lewis, 2005; Palagi, 2007).
Spielerische Interaktionen zwischen den indischen Welpen sind nach Pal (2011) meist intergeschlechtlich – so spielen Hündinnen und Rüden häufiger miteinander als mit gleichgeschlechtlichen Artgenossen. Das trägt dazu bei, später Kompetenz im Umgang mit gegengeschlechtlichen Artgenossen aufzuweisen.

Indigene Hundewelpen in Indien – Steffi Nierhoff Fotografie

Wölfe, Kojoten und Hunde – wer spielt wie?

Viele Carnivore (Tüpfelhyänen, Hauskatzen, Kojoten, Beagles, Frettchen und Wölfe) zeigen ein gleichverteiltes Spielverhalten der Geschlechtern (Bekoff, 1974) – bei Wölfen zeigen sowohl Fähe als auch Rüde ähnlich starke Anstrengung bei kooperativen Aufgaben, um den Gruppenzusammenhalt aufrechtzuerhalten (Paquet & Carbyn, 2003). Das schlägt sich ebenso im wölfischen Spielverhalten nieder (Peterson et al., 2002).
Bei Wölfen in Gefangenschaft gibt es keinen Zusammenhang zwischen der Häufigkeit des sozialen Spiels und der Aggression oder der Qualität der sozialen Beziehungen (Cordoni, 2009). Bei Hunden, die häufiger Spiel zum Zweck des Gewinnens initiieren, wurde jedoch häufiger während der Spielphase aggressives Verhalten oder eine generelle Tendenz zur Aggressivität festgestellt (Rooney und Bradshaw, 2003). Wolfswelpen spielen eher gleichberechtigt mit gleichaltrigen Spielpartnern (Essler et al., 2016)
Spiel wird bei Wölfen zur Beurteilung der physischen und sozialen Fähigkeiten potenzieller Konkurrenten eingesetzt (Cordoni, 2009). Hunde hingegen spielen eher mit bekannten Hunden oder mit ihrem Besitzer als Unbekannten (Prato-previde et al., 2003).

Bei einer vergleichenden Studie (Bekoff, 1974) handaufgezogener Kojoten, Wölfe und Beagles wurden deutliche Unterschiede im Spielverhalten beobachtet. Extreme Unterschiede waren bereits im Alter von 21 Tagen feststellbar. Kojoten zeigten deutlich früher agonistisches Verhalten. Sie bildeten ihre sozialen Beziehungen durch harte, unritualisierte Kämpfe in der vierten Lebenswoche au. Als sich die sozialen Beziehungen etablierten, sank die Häufigkeit des agonistischen Verhaltens, während die des Spielens zunahm.
Die Beagles waren die fürsorglichsten und verspieltesten aller beobachteten Tiere. Sie zeigten durchweg eine hohe Spielfrequenz und ein sehr geringes Maß an agonistischem Verhalten. Die soziale Entwicklung der Wölfe verlief ähnlich wie bei den Beagles, obwohl die Wölfe ein etwas höheres Niveau an agonistischem Verhalten zeigten.
Beagles wurden zur Meutejagd gezüchtet und auf innerartliche Verträglichkeit selektiert (Scott und Fuller 1965), was zu erhöhter Kontaktfreudigkeit und vermindertem agonistischen Verhalten führt. Interessant ist, dass sich die soziale Entwicklung des Wolfes in sehr frühem Alter nicht deutlich von der des Beagles zu unterscheiden scheint – möglicherweise liegt das daran, dass sowohl Meutehunde als auch Wölfe in Sozialgefügen interagieren, die eine hohe Kooperationsbereitschaft und ein hohes Maß an Zusammenarbeit unter den Gruppenmitgliedern erfordern.
Junge Kojoten sind wahrscheinlich aufgrund des anders struktuierten natürlichen Sozialgefüges deutlich abweichend in ihrem Spielverhalten – das könnte darauf hindeuten, dass die die Sozialstruktur einer Spezies auch die Ontogenese des sozialen Spiels beeinflusst.

Hansen-Wheat et al (2018) untersuchten die Verspieltheit von Wolfhunden im Vergleich zu anerkannten Hunderassen.
Wolfshybriden (Wolf-Hund-Kreuzungen mit bis zu 60% Wolfsanteil) waren weniger verspielt als Alaska-Malamuten, Deutsche Schäferhunde und Sibirische Huskys. Die Verspieltheit unterschied sich jedoch nicht zwischen tschechoslowakischen Wolfshunden und Wolfshybriden
.Verspieltheitswerte der tschechoslowakischen Wolfshunde waren
statistisch ähnlich wie zwei der drei untersuchten Hunderassen (Alaskan Malamute und Siberian Husky). Der Siberian Husky und der Deutsche Schäferhund zeigten sich deutlich verspielten als die anderen Hunderassen und die Wolfshybriden.

Levi (Canaan Dog) & Aila (Laika-Mix) im Spiel – Steffi Nierhoff Fotografie

Rassebedingte Unterschiede bei der Verspieltheit

Palagi (2007) stellt die Hypothese auf, dass das Spielverhalten bei vielen Säugetierarten ein ontogenetisches Merkmal ist, das eine wichtige Rolle bei der Konfektionierung der Verhaltensweisen adulter Tiere spielt.
Durch anthropogene Selektion wurde das Verhalten von Hunden im Laufe der Zucht verglichen mit ihren Wolfsvorfahren stark verändert – diese Veränderungen wirken sich auch auf das Spielverhalten von Hunden, vor allem von adulten Haushunden, aus (Sommerville et al., 2017)

Während der Domestikation wurden Hunde nach bestimmten Merkmalen selektiert und andere, unerwünschte Verhaltensweisen diskriminiert, indem man Individuen, die unerwünschtes Verhalten zeigten, aus dem Zuchtpool ausschloss. Es ist davon auszugehen, dass Wildcaniden und phylogenetisch primitive Rassen weniger „erwünschte“ Eigenschaften aufweisen als neuere europäische Hunderassen.
Rassen, die weniger morphologische Ähnlichkeit zu Wölfen aufweisen (beispielsweise Golden Retriever) zeigen weniger wolfähnliches agonistisches Verhalten als Rassen, die optisch (z.B. Siberian Huskies) (Goodwin et al., 1997) und genetisch (Parker et al., 2004) wolfsähnlicher sind. Es ist wahrscheinlich, dass frei lebende und verwilderte Hunde deutlich weniger Spielverhalten und mehr agonistische Tendenzen zeigen, wenn es einen Wettbewerb um wichtige Ressourcen wie Nahrung und Fortpflanzung gibt – experimentelle Studien an Polarfüchsen unterstützen diese Hypothese (Frafjord, 1993). Möglicherweise hat der Selektionsdruck, aus dem Hunde hervorgegangen sind, die bis ins Erwachsenenalter weiterspielen, in erster Linie auf intraspezifisches Spiel gewirkt – daraus könnte die Verspieltheit adulter Hunde im Verlauf der Domestikation als adaptive Eigenschaft hervorgegangen sein, die eine Ressourcenbereitstellung durch den Menschen erleichtert (Burkhardt et al., 2016).
Die soziale Bindung zwischen Mensch und Tier spielt wahrscheinlich eine bedeutende und kontinuierliche Rolle im Domestizierungsprozess (Bradshaw et al., 2015) – bei Hunden ist davon auszugehen, dass insbesondere heterospezifisches Sozialspiel die soziale Bindung zwischen Hunden und Halter fördert (Bradshaw et al., 2015; Horowitz & Hecht, 2016)
Spiel zwischen Hund und Mensch hat möglicherweise dazu beigetragen, im Laufe der Domestikation starke soziale Bindungen aufzubauen und aufrechtzuerhalten (Hansen-Wheat et al., 2018).

Hunderassen weisen extreme Unterschiede in Morphologie und Verhalten auf – einige Hunderassen weichen phylogenetisch deutlich von modernen Rassen ab und werden deshalb als urtümliche oder primitive Rassen klassifiziert (Miklósi, 2007; Larson et al., 2012)
Die Selektion auf unterschiedliche Verwendungszwecke (z.B. Hüten, Bewachen, Kämpfen) haben das Verhaltensrepertoire des Wildtyps (Wolf) signifikant verändert (Coppinger & Coppinger, 1998; Coppinger & Feinstein, 2015) so weichen moderne Hunderassen deutlich stärker in ihren Verhaltensweisen von Wölfen ab als primitive Haushunde.
Die Zuchtziele, denen die verschiedenen Rassen zugrunde liegen, spiegeln sich auch in der Entwicklung und Ausprägung ihres Sozial- und Objektspiels wider (Coppinger & Coppinger, 2001; Käufer, 2014).
Primitive Hunderassen (Hunde vom Urtyp, Spitze und nordische Rassen) sind beispielsweise signifikant weniger verspielt als andere Hunderassen, insbesondere als Begleithunde (Svartberg, 2002), Australische Dingos in Privathaltung zeigten noch geringere Werte bei der Verspieltheit als urtümliche Hunderassen (Smith et al., 2017).
Innerhalb der primitiven Rassen gibt es nur eine geringfügige Varianz bei der Verspieltheit – Basenji und Formosan Mountain Dog zeigen die höchste Verspieltheit, Jindo und Shiba die vergleichsweise geringste. Canaan Dogs und Pariahunde befinden sich im Mittelfeld (Serpell, 2020, pers. Mitt.; C-BARQ-Daten, eigene Auswertung).

Das Spielinteresse unterscheidet sich bei verschiedenen Rassen und innerhalb unterschiedlicher Zuchtlinien einer Rasse – die Verspieltheit wurde stark durch künstliche Selektion auf unterschiedliche Verwendungszwecke beeinflusst und ist deshalb sowohl im Verhaltens als auch in der Genetik der Hunde in unterschiedlicher Ausprägung verankert. Hunde aus Arbeitslinie sind deutlich verspielter als Show-Typen (Sundman et al., 2016). Verspieltheit war bei den zu klassischen Begleithunden gewordenen Rassen („Gun Dogs“) wie Golden Retriever, Labrador Retriever, English Springer Spaniel und Pudel – verglichen mit Arbeitshunden wie Dobermann oder Leonberger sowie Hütehunden (Belgische Schäferhunde, Kelpie, Border Collie, Briard, etc) – am stärksten ausgeprägt (Svartberg, 2006), dennoch zeigten sich die „Gun Dogs“ aus Arbeitslinie deutlich spielfreudiger als jene aus Show-Zucht (Svartberg, 2006; Sundman et al., 2016). Die Showzucht sorgt dafür, dass die jeweiligen Hunde ein geringeres Maß an Aggressivität, Neugier, Trainierbarkeit (Serpell und Hsu, 2005) und Verspieltheit mitbringen und wird mit einem höheren Grad an Ängstlichkeit in Verbindung gebracht, während auf Arbeitstauglichkeit selektierte Linien einer Rasse verspielter sind (Svartberg, 2006).
Grundlegend ist jedoch allen modernen Hunderassen, insbesondere kooperativ jagenden Hunderassen, Begleithunden und kooperativ arbeitenden Hütehunden ein hohes Maß an Verspieltheit mit Artgenossen oder dem Menschen innewohnend.

Literatur

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Die Neurobiologie des Spielverhaltens


Spiel im Tierreich – die Rolle des Spielens für nicht-menschliche Tiere

Spielverhalten wird von allen Säugetieren, sowohl menschlichen als auch nicht-menschlichen Tieren, und einer Vielzahl anderer Tierarten, gezeigt. Dazu gehört eine Vielzahl von Säugetieren, aber auch Vögel, Reptilien, Amphibien, Fische und wirbellose Tiere (Miller, 2017). Aufgrund seiner Komplexität wird das Spiel jedoch als eine Aktivität betrachtet, die fast ausschließlich von Säugetieren ausgeübt wird, was hauptsächlich als Folge einer bedeutenden Entwicklung ihres Nervensystems im Gegensatz zu anderen Organismen angesehen wird.
Obwohl eine Vielfalt von Arten im Spiel ist, ist das Spielverhalten längst nicht einheitlich. Das Objektspiel eines Tintenfischs (Kuba, Gutnick, & Burghardt, 2014) unterscheidet sich in Form und wahrscheinlicher Funktion erheblich von dem Spiel mit imaginären Freunden bei Kindern (Gleason, 2013), ebenso lässt sich die Häufigkeit und Intensität artübergreifenden Spiels zwischen Mensch und Hund nicht mit den selten zustande kommenden interspezifischen Spielsequenzen zwischen beispielhaft Hanuman-Languren und Riesenhörnchen vergleichen.

Tierisches Spielverhalten wird traditionell in bewegungsbasiertes Spiel (springen, rennen, laufen), objektbezogenes Spielverhalten (tragen von Objekten, hinterherlaufen, pföteln), jagdähnliches Spiel und soziales Spiel unterteilt – diese unterschiedlichen Spielweisen können ineinander übergehend auftreten und müssen nicht zwangsläufig mit einem Artgenossen stattfinden, sondern können auch, abgesehen von sozialem Spiel, allein oder, insbesondere bei sozialem Spiel, artübergreifend stattfinden. Bei zwei Hunden, die zunächst beide unabhängig voneinander einem Objekt hinterherjagen und dann ein Tauziehen oder ein Fangspiel um dieses Objekt beginnen, sind verschiedene Spielsequenzen ineinander übergegangen.

Nach Burkhardt (2005) lassen sich fünf objektive Kriterien zur Feststellung des Spielverhaltens festlegen: Sich wiederholende Verhaltensweisen (Repetition), strukturelle Abgrenzbarkeit von besser adaptierten Verhaltensweisen (Dysfunktionalität), übertrieben, unbeholfen und wenig ernsthaft wirkendes Verhalten (Übertreiben von Verhaltensmustern), Freiwilligkeit, Absichtlichkeit und mangelnde Notwendigkeit (zum Selbstzweck), Initiierung in einem entspannten, unstimulierenden oder stressarmen Zustand / Umfeld (Entspanntheit).

Trick & Treat – Spiel als selbstbelohnendes und lohenswertes Verhalten

Spielverhalten ist nach Panksepp (2012) eines der wichtigsten Verhaltensweisen für das Erleben von Freude. Soziale und erkundende Verhaltensweisen, die beim Spiel regelmäßig gezeigt werden, wirken sich positiv auf die inhibitorischen neuralen Kreisläufe des Frontallappens aus und sorgen für eine bessere Regulation der Emotionen. Das Spiel ist ebenfalls für die Gesamtentwicklung eines Tieres wichtig. Fehlt juvenilen Säugetieren die Möglichkeit zum Spiel, sind sie im adulten Stadium sozial, emotional und kognitiv beeinträchtigt (Baarendse et al., 2013; Vanderschuren & Trezza, 2014).

Der Aufbau emotionaler Bindungen zwischen Eltern (insbesondere Müttern) und ihren Nachkommen ist ein wesentlicher Faktor, um sowohl eine normale kognitive als auch emotionale Entwicklung des Jungtieres zu gewährleisten. Auch rudimentäre Gesten seitens der Elterntiere zu den Jungtieren können als basale Spielformen betrachtet werden, die eine gesunde Entwicklung des Nachwuchses fördern (Spinka et al., 2001). Bewegungsintensives Spiel wie jagdähnliches Spiel und körperbetontes Spielverhalten („Raufen“) erzeugt ein Gefühl der Freude. Körperbetontes Spiel trägt dazu bei, Selbstvertrauen zu gewinnen und übt einen wichtigen Einfluss auf die Gehirnorganisation aus, indem somatosensorische Verknüpfungen gestärkt werden (Spinka et al., 2001). Objektbezogenes Spiel fördert die Entstehung neuronaler Verbindungen und ist ein elementarer Teil des Erkundungsverhaltens. Je größer der Grad der Manipulation des Objekts ist, desto ausgeprägter ist die Entwicklung neuronaler Verbindungen (Spinka et al., 2001) – so ist beispielsweise das „Blubbern“ von Delphinen unter Wasser objektbezogenes und objektmanipulierendes Spiel, aber auch Hunde, die einen Ball vor sich herrollen, zeigen objektbezogenes Spiel. Soziales Spiel ermöglicht es, durch die Etablierung verschiedener Verhaltenskodizes und Regeln in der spielerischen Interaktion soziale Fähigkeiten zu entwickeln. Gleichzeitig bereitet das soziale Spiel bei einigen Organismen darauf vor, sich auf eine Vielzahl von Situationen eimzustellen, die im Erwachsenenalter überlebenswichtig sein können, aber bei juvenilen Tieren zunächst in einer sicheren und kontrollierten Umgebung eingeübt werden können (Spinka et al., 2001).

Der primäre Spielprozess ist die im Tierreich am weitesten verbreitete Spielform, bei der Bewegungs-, Objekt- oder Sozialformen in verschiedenen Abstammungslinien vorherrschen (Burghardt, 2005). Die Verhaltensmuster, die bei einem solchen Spiel auftreten, unterscheiden sich nicht wesentlich von ihrem Auftreten in funktionalen Kontexten, aber die üblichen funktionalen Konsequenzen ergeben sich nicht – das heißt, Jagdverhalten dient nicht dem Jagderfolg, agonistisches Verhalten hat keine Konsequenz. Sorgt das Spiel als Sozialspiel dafür, dass der Konkurrent einen Teil seiner Entwicklungsressourcen vergeudet, kann das Spiel einen Vorteil für den Initiator darstellen (Auerbachet et al., 2015).
Sind die Bedingungen günstig und verschafft der primäre Spielprozess den Spielenden einen Vorteil, erhöhen sich die für das Spiel relevanten Verhaltensmuster entweder in ihrer Häufigkeit und/oder werden in ihrer Form modifiziert (Burghardt, 2005; Pellis et al., 2014). Auf diese Weise wird das Spiel noch „spielerischer“ und damit weiter entfernt von anderen Verhaltensweisen und Motivationen – bei dieser Entwicklung geht nach Burkhardt (2005) primäres Spiel in sekundäres und schlussendlich in seiner Komplexität und Ausführungsart in tertiäres Spiel über (Pellis, 2019).

Beim Übergang vom primären Spielverhalten in ein sekundäres Spielverhalten entstehen Veränderungen der subkortikalen Schaltkreise (Pellis & Pellis, 2009). Die kortikalen Schaltkreise, insbesondere die des präfrontalen Kortex, sind entscheidend daran beteiligt, das ausgeführte Spiel so zu modifizieren, dass es sich kontextuell sowohl an die Identität als auch an die Handlungen des Spielpartners anpasst (Pellis & Pellis, 2016). Die Umwandlung des Spiels vom sekundären Prozesses in den tertiären Prozess erfordert ein höheres Maß an neuraler Kontrolle über die regulativen neuronalen Mechanismen, die die Handlungsausübung und die Verhaltensanpassung beeinflussen, damit Spielverhalten in komplexerer Ausführung und angepasst an neuartige Situationen auftreten kann.

Adaption nach Burkhardt (2005)



Das Spielverhalten und die Verspieltheit eines Individuums gibt Aufschluss über die Persönlichkeitsstruktur – Verspieltheit und Reizoffenheit / Erkundungsverhalten stehen in enger Beziehung zueinander; besonders spielfreudige Individuen sind häufiger extrovertiert und offener für neue Erfahrungen (Bateman & Nacke, 2010; Montag & Panksepp 2017)
Bei dem Ausmaß der Verspieltheit sind nicht nur genetische Faktoren ausschlaggebend, auch postnatale Erfahrungen spielen eine Rolle: so sind beispielsweise Ratten, die seitens des Muttertiers häufiger gegroomt und gesäubert werden, weniger ängstlich, deutlich erkundungsfreudiger (Menard et al., 2004; Caldji et al., 1998) und haben eine abgeschwächte Schreckreaktion (Zhang et al., 2005) – Eigenschaften, die positiv mit gesteigerter Verspieltheit korreliert sind (Sivy, 2016).

Spiel dient als Belohnung und hebt das Vorhandensein opioidvermittelter angenehmer emotionaler Erlebnisse hervor; Spiel bringt unmittelbare psychologische Vorteile durch bessere Affektkontrolle wie auch direkten Stressabbau und langfristige Vorteile für Fitness und Gesundheit, wodurch das gegenwärtige und zukünftige Wohlergehen verbessert wird (Held & Spinka, 2011).

Spielverhalten kann positive affektive Zustände erzeugen und zu einer Verbesserung des emotionalen Wohlbefindens führen (Bateson, 2014; Held und Špinka, 2011), da Spielverhalten zur Bewältigung von Stress oder negativen Erlebnissen beitragen kann (Arelis, 2006;  Cloutier et al., 2014; Norscia und Palagi,2011) und längerfristig dazu geeignet ist, Handlungsstrategien und Bewältigungsstrategien in defizitärer Umgebung zu entwickeln  (Marks et al., 2017; Pellis, 2009; Špinka et al., 2001). Spielen kann Tieren helfen, kurzfristig mit Stress zurechtzukommen und verbessert langfristig die Stressresistenz (z.B. Arelis, 2006; Bateson, 2014; Held und Špinka, 2011; Norscia und Palagi, 2011). Die jüngsten Arbeiten von Marks und Kollegen (2017) über Spielverhalten bei Erdhörnchen unterstützen die Hypothese, dass Spielverhalten zu besseren Copingmechanismen in Bezug auf Stress und Unwohlsein in unangenehmen Situationen / Umgebungen beitragen kann.

Eine Spielstraße im Gehirn – die neurobiologischen Grundlagen des Spielverhaltens

Während des Spiels sind verschiedene Areale im Säugetiergehirn aktiv. Beim Spielen zeigen insbesondere Regionen im präfrontalen Kortex bedeutsame Aktivität: dazu gehören anteriorer cingulärer Kortex, prälimbischer Kortex, medialer Orbitofrontalkortex und ventrolateraler Orbitofrontalkortex. Spielverhalten wird vermutlich auf subtile Weise durch kortikale Prozesse moduliert. Es ist wahrscheinlich, dass subkortikale Systeme die Ziele einer solchen Modulation sind, und es gibt mehrere subkortikale Bereiche, die als potenziell wichtige Knotenpunkte in jeder vermeintlichen Spielschaltung hervorstechen. Der parafaszikuläre Bereich des Thalamus ist für die somatosensorische Verarbeitung von Bewegungsmustern bei Raufspielen bedeutsam. Zusammen mit anderen Komponenten der intralaminaren Thalamuskerne kann das spielende Individuum somit während des Raufens direkten somatosensorischen Input aus dem Rückenmark erhalten und exzitatorische Projektionen in Bereiche wie den frontalen Kortex und das Striatum senden (Cesaro et al., 1985; Nakamura et al., 2006; Voorn et al., 2004). Diese Areale können dazu beitragen, somatosensorische Eingaben in die flüssigen motorischen Sequenzen, die während des Spiels gesehen werden, umzuwandeln. Der neuronale Input des parafaszikulären Thalamus in das dorsola Striatum erleichtert beim Spiel die direkte Verhaltensflexibilität (Brown et al., 2010).

Der orbitofrontale Kortex steht in engem Zusammenhang mit dem dopaminergen Belohnungssystem und dem Nucleus accumbens. Dopamin, das im Striatum wirkt, ist an der sensomotorischen Organisation des Spiels beteiligt. Ebenso wirkt das beim Spiel ausgeschüttete Dopamin auf Neuronen im Nucleus accumbens (dem „Belohnungssystem“ des Gehirns) und spielt damit für einige der affektiven Qualitäten – beispielsweise Reduzierung von Stress und positives Erleben / Freude, die mit dem Spiel assoziiert sind, eine Rolle (Berridge, 2007; Humphries & Prescott, 2010; Young et al., 2011).
Außerdem werden innerhalb des ventralen Striatums Opioide ausgeschüttet, die an der positiven Wirkung des Spielverhalten beteiligt sind (Panksepp, 1985; Trezza & Vanderschuren, 2008; Vanderschuren et al., 1995a, 1995b, 1995c, 1996).
Der Hypothalamus als oberstes Regulationszentrum für alle vegetativen und endokrinen Vorgänge ist ebenso bei der Ausprägung von Spielverhalten beteiligt und sorgt unter anderem für die Ausschüttung des Neurotransmitters Oxytocin („Bindungshormon“) während des Erlebens soziopositiver Handlungen.
Ein weiterer subkortikaler Bereich, der erhebliche Bedeutsamkeit für das animalische Spielverhalten besitzt, ist die Amygdala, die eine große Rolle bei der Modulation des Spielverhaltens spielt. Während des Spiels findet eine Koordination der neuronalen Aktivität zwischen frontalem Kortex, Striatum und Amygdala statt, bei der eine erhöhte Freisetzung von Anandamid als Endocannabidoid („Glücksmolekül“) in der basolateralen Amygdala stattfindet, die wiederum zu einer erhöhten Spielfreude führt.

Adaption nach Kris et al. (2018)

Bei sozialem Spiel tragen zusammengefasst die Opioid-, Endocannabinoid-, Dopamin- und Noradrenalin-Systeme eine herausragende Rolle in der Modulation des Spielverhaltens. Dopamin hat hierbei die Schlüsselrolle für die motivierenden und selbstbelohnenden Eigenschaften des sozialen Spiels inne. Der Nucleus accumbens dient als ein Schlüsselstandort für Opioid- und Dopamin-Modulation des sozialen Spiels. Die endocannobidoiden Einflüsse finden ihren Ursprung in der basolateralen Amygdala, Noradrenalin moduliert hierbei die Faktoren für Sozialspiel zusätzlich in der Habenula und im präfrontalen Kortex. Soziales Spielverhalten ist demnach das Ergebnis einer koordinierten Aktivität in einem Netzwerk von kortikolimbischen Strukturen und seiner Monoamin-, Opioid- und Endocannabinoid-Innervation (Vanderschuren et al., 2016).

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Der Wolf – Verbreitung, Ökologie, Verhalten und Gefahrenpotenzial

Den Wolf umgibt eine Vielzahl von Mythen – viele Menschen fürchten das mächtige Landraubtier, das noch immer große Ängste in Menschen schürt. Der Wolf – eine Gefahr für uns Menschen?
Über die letzten Jahre haben sich auch in Deutschland, einem der Länder mit der höchsten Bevölkerungsdichte Europas, immer mehr Wölfe angesiedelt.
Die Sichtungen von Wölfen werden häufiger, ihre Präsenz erregt mediale Aufmerksamkeit und sorgt dafür, dass sich auch Menschen, die zuvor wenig mit Wölfen zu tun hatten, mit der Frage auseinandersetzen, ob der Wolf einen Platz in Deutschland hat.

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Verbreitung des Grauwolfes und Erhebungen zu Gefahren seitens des Wolfes

Laut Untersuchungen aus dem Jahre 2003 existieren derzeit circa 300,000 Grauwölfe (Canis lupus) weltweit. Der größte Teil der Wolfspopulation lebt in Asien, Europa und Amerika. Das größte Verbreitungsgebiet hat der Eurasische Wolf / Europäische Grauwolf (Canis lupus lupus), der in Ostsibirien, Skandinavien, Osteuropa, Südosteuropa, Mitteleuropa, Südeuropa und Westeuropa lebt.

Tatsächlich liegt die Anzahl der gemeldeten Angriffe auf Menschen bei 138 erfassten Übergriffen von 2010 – 2018 weltweit – davon im Jahr 2018 sechs bekannte Attacken, die meisten in Osteuropa. Zu dieser Anzahl zählen sowohl Übergriffe von wildlebenden als auch von in Gefangenschaft lebenden Wölfen.
Die Population in den Ländern, in denen 2018 Angriffe von Wölfen auf Menschen stattfanden, liegt zusammengerechnet bei circa 39,500 Wölfen.
Auf die Anzahl der Individuen gerechnet, liegt die Zahl der Übergriffe von Wölfen auf einen oder mehrere Menschen bei der Gesamtpopulation in den Jahren 2010-2018 bei 0,05%, im Jahr 2018 bei 0,02%.

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Verteilung des Grauwolfes (Canis lupus) über den Globus

In Europa leben derzeit außerhalb von Russland ca. 18.000 Wölfe (Chapron 2014; Salvatori & Linnell 2005; Boitani 2000), Tendenz steigend, verteilt auf 28 Länder.

Die Angst vor einem Angriff des Wolfes ist auch hier in Europa  stark verbreitet – Studien haben bestätigt, dass eine signifikante Anzahl von Personen den Wolf fürchtet und das eigene Verhalten ändern würde, wenn bekannt wäre, dass sich Wölfe in der Region aufhalten (z.B. Kanzaki et al. 1996, Lohr et al. 1996, Blerke & Kaltenborn 2000, Bath 2001, Bath & Farmer 2000, Bath & Madjic 2001).  Diese Ängste haben bisher dazu geführt, dass öffentliche Debatten über Wolfsmanagement und Schutz oftmals hochemotional geführt werden, obwohl die tatsächliche von Wölfen ausgehende Gefahr als gering einzustufen ist. Die starke Angst vor Wölfen wirkt irrational, da sie vergleichsweise gegenüber tatsächlich bestehenden, größeren Gefahren, deutlich stärker ausgeprägt ist  – so sind beispielsweise Bären (Ursus spec.) schon lange dafür bekannt, dass sie tödliche Angriffe auf Menschen vornehmen oder jene in höherer Anzahl verletzen (Swenson et al. 1996) – dennoch ist das Ausmaß der Angst deutlich geringer als das vor dem Wolf.

Eine wissenschaftliche Untersuchung des Norwegian Institute for Nature Research (NINA Institut) im Jahr 2001, bei der weltweit dokumentierte Fälle zusammengestellt und untersucht wurden, in denen Menschen von Wölfen angegriffen wurden, hat ergeben, dass zwischen 1950 und 2000 in Europa insgesamt 59 Zwischenfälle gemeldet wurden (1,18 Zwischenfälle pro Jahr, bei einer Population von 10.000 Wölfen 0,59%), bei denen neun Menschen nachweislich von Wölfen getötet wurden. Von den neun Todesfällen stellte sich bei fünf der Übergriffe heraus, dass die Wölfe an Tollwut erkrankt waren, das sind rund 55,6%.
Bei den weiteren Angriffen von nachweislich nicht tollwütigen Wölfen wurde bestätigt, dass die Tiere zuvor angefüttert oder provoziert wurden.

In den Ländern, in denen es im Jahr 2018 zu Wolfsangriffen kam, leben zusammengerechnet fast 40.000 Wölfe, davon 30.000 Wölfe in Russland (Stand 2003) –  der Großteil im asiatischen Teil Russlands, der flächenmäßig etwa 76,8% des Landes ausmacht – verzeichnet wurde 2018 eine Attacke auf Menschen, 2000 Wölfe in der Ukraine (Europa), bekannt sind zwei Attacken im Jahr 2018, 2000  Wölfe in Belarus (Europa) (Stand 2007), eine bekannte Attacke 2018, 2500 in Polen (Europa) (Stand 2017), bekannt ist eine Attacke auf Menschen 2018 und 3000 im Iran (Asien), eine bekannte Attacke auf Menschen 2018. Gerechnet auf die in Europa lebenden Wölfe (18.000) liegt die Zahl der attackierenden Individuen im Jahr 2018 bei bei 0,025%.
(Zur Gegenüberstellung: Von Januar bis Juli 2018 wurden hingegen 175200 Verkehrsunfälle mit Personenschaden allein in Deutschland festgestellt, das sind 0,2% der deutschen Bevölkerung (Statistisches Bundesamt, 2018).

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Status der Wolfspopulationen in Westeuropa und Nordamerika.
Hayes & Gunson 1995, Stephenson et al. 1995, International Wolf Foundation, Boitani 2000, Iliopoulos 2000, Linnell et al. 2001.

 

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Verteilung von Großraubtieren in Europa im Jahr 2011,Braunbären (oben links), Eurasischer Luchs (oben rechts), graue Wölfe (unten links) und Vielfraße (unten rechts). Dunkelblaue Zellen zeigen Bereiche mit permanentem Vorkommen an, hellblaue zeigen Bereiche sporadischen Auftretens an

In Deutschland gibt es gegenwärtig 60 Rudel und 13 Wolfspaare (NABU, 2017). Bestätigte Angriffe auf Personen seitens eines Wolfes gab es keinen.
Die 60 Rudel verteilen sich sich größtenteils auf den Osten Deutschlands, auf die Lausitz, die sich über Südbrandenburg sowie Teile Sachsens erstreckt und bis nach Polen reicht.  Sie hat eine Gesamtfläche von 13.000 km². ‎
In Deutschland leben zurzeit 82.792.351 Menschen (31. Dezember 2017) auf einer Gesamtfläche von ‎357.385.71‎ km², das sind ‎232 Menschen pro km² – davon ausgehend, dass in Deutschland derzeit circa 60 Rudel mit etwa 8 Tieren pro Rudel leben, kommen auf einen Quadratkilometer Grundfläche weniger als 0,14 Wölfe.

Von den 60 Rudeln und 13 Wolfspaaren leben derzeit 14 Wolfsrudel und vier Paare in Sachsen. Die weiteren Wolfsterritorien wurden in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Niedersachsen, Thüringen und Bayern nachgewiesen (siehe Karte zur Verbreitung in Deutschland).
Die Anzahl der in den Rudeln lebenden Wölfe schwankt je nach Jahreszeit in der Regel zwischen 5 und 10 Wölfen. Die Schwankungen ergeben sich durch die Geburt der Welpen, die Abwanderung der Jährlinge und Todesfälle (Wolf-Sachsen.de, 2017).
Das Wolfsvorkommen basiert größtenteils auf einer natürlichen Zuwanderung aus anderen Ländern, insbesondere aus Polen.

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Das Verhalten des Wolfes

Der Grauwolf ist die größte Spezies in der Familie der Canidae, die Hunde, Wölfe, Kojoten, Schakale und Füchse umfasst. Der Grauwolf (Canis lupus) ist seit dem späten Pleistozän in mehreren Unterarten in ganz Europa, weiten Teilen Asiens, einschließlich der Arabischen Halbinsel sowie Japan, und in Nordamerika verbreitet (Derr, 2011). In Osteuropa, auf dem Balkan, in Kanada, Sibirien, der Mongolei und zu einem geringeren Grade dem Iran gibt es noch größere zusammenhängende Populationen, ansonsten leben Wölfe aufgrund der Vertreibung durch Menschen, der Dezimierung des Lebensraumes und der Bejagung in kleinen, isolierten Beständen.

Wölfe leben in sogenannten Rudeln – Familienverbänden, die aus den Elterntieren, den Nachkommen des aktuellen Jahres und denen des Vorjahres, den „Jährlingen“, bestehen.
Die Elterntiere leben häufig dauerhaft zusammen und besetzen gemeinsam ein Revier. In unseren gemäßigten Zonen – beispielsweise in Deutschland – sind Wolfsrudel meist ortstreu, sobald sie sich niedergelassen haben. Ihr Revier umfasst eine Größe von durchschnittlich 250 km². In diesem Revier dulden Wölfe außer ihrem eigenen Nachwuchs keine anderen Wölfe. Die Jährlinge, die mit ihm Rudel leben, werden mit 10 bis 22 Monaten geschlechtsreif und wandern auf der Suche nach einem eigenen Revier und eigenem Partner ab.

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Bildquelle: Pixabay.com

Grauwölfe jagen vorwiegend Säugetieren, die größer sind als sie selbst (Nowak, 1999). Typische Beutetiere sind in Amerika Hirsche, Elche, Karibus, Bisons, Moschusochsen und Bergschafe.

In Deutschland besteht die Hauptnahrung des Wolfes aus Rehen (53%), gefolgt von Rotwild (15%) und Wildschweinen (18%), circa 13% der Nahrung bestehen aus Damhirsch, Muffelschaf, Hase und anderen kleinen und mittelgroßen Säugern.Dies haben Untersuchungen des Senckenberg Museums für Naturkunde (Görlitz) an über 6.000 gesammelten Kotproben aus den Jahren 2001 bis 2016 ergeben. Mit etwa einem Prozent der erbeuteten Biomasse sind Nutztierrisse die Ausnahme und spielen als Nahrung für das Überleben der Wölfe keine Rolle (NABU, 2017).
Wenn die Jagd auf ein Beutetier nicht schnell genug zum Erfolg führt oder das gejagte Tier gesund ist und sich dem Rudel stellt, wird die Jagd häufig aufgegeben (Nowak, 1999).

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Nahrungszusammensetzung der Wolfes in der Lausitz.
Datenquelle: http://www.wolfsregion-lausitz.de/nahrungszusammensetzung

Auch Mehrfachtötungen, die reißerisch oftmals als Blutrausch bezeichnet werden, sind nicht allzu häufig. In mehreren Feldbeobachtungen töteten Füchse, Tüpfelhyänen und andere Fleischfresser, beispielsweise Wölfe, deutlich mehr Beutetiere als sie zur akuten Nahrungsbeschaffung benötigten. Schlussfolgerungen von Hans Kruuk zufolge dienen Mehrfachtötungen, die sogenannten „Surplus Killings“, sowohl dazu, im Fall einer Nahrungsknappheit eine sichere Nahrungsquelle für benachteiligte Gruppenmitglieder zu hinterlassen sowie natürlich vorkommende oder durch Viehzucht entstandene Populationsüberschüsse zu dezimieren. In einem ausgewogenen Ökosystem, das sowohl genügend Nahrung als auch ausreichend Beutegreifer enthält, wurden „Surplus Killings“ selten beobachtet (Kruuk, 2009)
Normalerweise würden Wölfe, die auch Aas zu sich nehmen, später zurückkehren, um die „überschüssige“ Beute zu fressen.

 

Die Rolle des Wolfes für ein stabiles Ökosystem

Der Wolf leistet einen wichtigen Bestandteil zur Biodiversität. Wölfe tragen aktiv dazu bei, dass Wildbestände vitaler werden und halten dadurch das Ökosystem im Gleichgewicht. Anders als bei der Jagd, die zwar für die Populationskontrolle eine Rolle spielt, aber keinen so wesentlichen Teil zum natürlichen Gleichgewicht beiträgt, frisst der Wolf nicht seine gesamte erlegte Beute auf einmal, während ein menschlicher Jäger die erlegten Tiere meist vollständig aus dem Wald entfernt oder sie lediglich an festlegten Plätzen, meist in der Nähe eines Hochsitzes zwecks weiterer Jagd, deponiert. Die an unterschiedlichen Stellen verstreuten Kadaverteile sind jedoch für viele Aasfresser eine lebenswichtige Nahrungsquelle und bilden somit für viele Organismen notwendige ökologische Nischen. Dadurch, dass der Wolf seine Beute nicht komplett verspeist, trägt er dazu bei, das Nahrungsangebot für andere Tierarten zu sichern. Durch die Anwesenheit des Wolfes wird das Nahrungsnetz größer, da die Nutznießer wiederum eine Nahrungsgrundlage für andere Tiere darstellen. Auch das restliche Aas wird durch Bakterien, Würmer und Insekten zersetzt, wodurch sehr nährstoffreiche Erde erzeugt wird, die wiederum eine Grundlage für eine Vielzahl an Pflanzen ist (Gross et al., 2009).

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Situation A ohne Wolf:
Der Wildbestand ist sehr hoch und schadet der Vegetation
Die Nahrung wird für viele Pflanzenfresser knapp
Das Wild muss durch menschliche Jagd reguliert werden

Situation B mit Wolf:
Der Wildbestand wird natürlich reguliert, die Population wird kleiner und verteilt sich besser
Der Wildbestand wird gesünder und vitaler
Die Vegetation kann sich erholen und bietet genügend Nahrung für viele Pflanzenfresser
Die Biodiversität vergrössert sich
Langfristiges ökologisches Gleichgewicht

(Quelle: CHwolf.org)

 

Die Bejagung des Wolfes

Nach wie vor werden Wölfe in einem Großteil ihres europäischen Verbreitungsgebietes regulär bejagt, insbesondere im östlichen Verbreitungsgebiet (Russland, Weißrussland, Ukraine).  Nach EU-Recht ist der Wolf eine streng geschützte Tierart und darf mit Ausnahme weniger Populationen in den Ländern der Europäischen Union nicht bejagt werden. In den baltischen Ländern und der Slowakei wird der Wolf dagegen noch immer regulär bejagt. Als Voraussetzung dafür müssen diese Länder nationale
Managementpläne vorlegen und ein genaues Monitoring der Populationen sowie die Nachhaltigkeit der Bejagung nachweisen. In den meisten Ländern können Ausnahmegenehmigungen für den Abschuss einzelner
Wölfe beantragt werden. Dies ist auch nach Art. 16 FFH-RL möglich, etwa, wenn gehäuft Schäden an Haus- oder Nutztieren in einem Gebiet auftreten, diese Bejagung wird dann von ausgebildeten Wildhütern oder staatlichen Stellen, teils auch von örtlichen Jägern ausgeführt (Reinhardt & Kluth 2006).

In Deutschland ist die Umsetzung von Natur- und Artenschutz Sache der Bundesländer.
Das heißt, die Zuständigkeiten beim Wolfsmanagement liegen auf Länder- und
nicht auf Bundesebene. Aktuell gibt es in Deutschland nur aus zwei Bundesländern Nachweise von permanent auftretenden Wölfen: aus Sachsen und Brandenburg.

Eine Bejagung von Wölfen ist demnach nur in Ausnahmefällen, beispielsweise bei auffällig gewordenen Wölfen oder „Hybriden“, Wolf-Hund-Mischlingen, erlaubt.
Fraglich ist zudem, ob eine konstante Bejagung tatsächlich zielführend ist.
Bei anderen in Familienverbänden lebenden Caniden, beispielsweise Kojoten, führt eine Bejagung zur Populationszunahme, da stabile Familienverbände (Rudel, englisch: pack) dadurch zerstört werden und sich jüngere Tiere, die ursprünglich noch im Familienverband leben würden, früher abwandern, um Nachkommen zu produzieren.

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Infografik zur Bejagung bei Kojoten – auch auf das Beispiel des Wolfes anwendbar
Humanesociety.org

Untersuchungen im Yellowstone Nationalpark haben gezeigt, dass große Säugetiere, anders als beispielsweise Hasen und Kaninchen, selbst zur Populationskontrolle beitragen.  Zuvor ging man davon aus, dass die Verbreitung größerer Raubtiere durch die Verfügbarkeit ihrer Beutetiere bestimmt sind, allerdings deuten Untersuchungen der Charles Darwin University darauf hin, dass Landräuber wie der Wolf ihre eigene Populationsdichte begrenzen und so das Ökosystem im Gleichgewicht halten.
Großraubtiere wie Wölfe kontrollieren beispielsweise die Anzahl ihrer Gruppenmitglieder, indem sich nur bestimmte Mitglieder der Gruppe – in der Regel die Elterntiere oder die erfahrensten Tiere, vermehren (Weiler, 2015).

 

Verhaltensleitfäden im Umgang mit dem Wolf

Die meisten Menschen, die in Deutschland in Wolfsgebieten leben, bekommen nur selten
einen Wolf zu Gesicht. Zum einen bewohnen Wölfe sehr große Territorien von bis zu mehreren hundert Quadratkilometern. Zum anderen vermeiden Wölfe i.d.R. das Zusammentreffen mit Menschen, in dem sie ihm räumlich und zeitlich aus dem Wege gehen. Wölfe sind in Europa überwiegend nachtaktiv (Ciucci et al. 1997, Blanco et al. 2005, Pedersen et al. 2005, Reinhardt & Kluth 2011) und meiden Gebiete, in denen die Wahrscheinlichkeit auf Menschen zu treffen, am größten ist (Kaartinen et al. 2015). Untersuchungen in Finnland und Deutschland ergaben, dass Wölfe Ortschaften und Straßen meiden (Kaartinen et al. 2005; Kojola et al. 2016; Reinhardt & Kluth 2011, 2015).
(Quelle: DBBW, 2018)

Sollte es dennoch zu einer seltenen Konfrontation mit einem Wolf kommen, wird bei Begegnungen empfohlen, nicht wegzulaufen, sondern stehenzubleiben, den Wolf ruhig anzusprechen, um sich bemerkbar zu machen. Häufig führt das Bemerkt-Werden bereits zur Flucht des Wolfes. Es wird dringend dazu geraten, nicht zu versuchen, den Wolf anzufassen oder gar zu füttern. Das Anfüttern von Wölfen kann zur Habituation führen und eine deutliche Distanzverringerung zur Folge haben.
Durch lautes Sprechen, Armbewegungen und Klatschen lassen sich Wölfe vertreiben, dabei sollte man sich langsam entfernen.
(Quelle: Wolfsinformationszentrum Schleswig-Holstein)

Bei Spaziergängen mit dem Hund wird vom NABU und dem IFAW empfohlen, den Hund anzuleinen und ihn stets in der Nähe des Menschen zu führen, da Wölfe Begegnungen mit Menschen in den meisten Fällen scheuen. Vorfälle, bei denen Hunde von Wölfen angegriffen wurden, sind in Deutschland extrem selten.
In Skandinavien werden Jagdhunde von Wölfen angegriffen, da sie sich mitunter weit vom Halter entfernen. Untersuchungen der Vorfälle – die häufig in der Hauptjagdsaison im Oktober stattfinden – haben ergeben, dass es oft Hunde trifft, die frische Wolfsspuren verfolgen und dann fern von ihrem Besitzer auf den Wolf treffen, von dem sie als Eindringling wahrgenommen werden.
Die Auswertung der Daten von besenderten Wölfen in Deutschland hat gezeigt, dass Wölfe nicht von sich aus Hunde verfolgen.
Wird der Hund also auf dem Spaziergang mit seinem Halter an der Leine geführt oder bleibt zuverlässig in der Nähe des Menschen, ist die Gefahr durch den Wolf gering.

 

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Bildquelle: Pixabay.com

Obwohl Wölfe meist scheu sind und menschliche Nähe meiden, gibt es in seltenen Fällen Wölfe, die sich auffällig verhalten. Unter auffälligem Verhalten werden Verhaltensweisen bezeichnet, die wiederkehrend außerhalb der Bandbreite des Verhaltens der meisten Individuen dieser Art liegt (DBBW, 2018).
Als auffällige Verhaltensweisen werden unter Anderem „Siedlungstoleranz“ und dreistes Verhalten, das durch eine drastische Unterschreitung der normalen Fluchtdistanz eines Wolfes zum Menschen gekennzeichnet ist, bezeichnet.

Ein häufig als problematisch und bedrohlich eingestuftes Verhalten von Wölfen tritt bei sogenannten „Nahbegegnungen“ auf, bei denen sich ein Wolf einem Menschen auf eine Distanz von unter 30m nähert und bei denen der Mensch als solcher für den Wolf erkennbar ist (nicht in einem Fahrzeug, auf einem Pferd, et cetera).
Nahbegegnungen gelten jedoch nicht als per se problematisch, da der Wolf sich bei den meisten dieser Begegnungen zurückzieht, sobald er den Menschen als solchen erkannt hat. Duldet ein ausgewachsener Wolf wiederholt Menschen auf eine Distanz von unter 30m oder nähert sich ihnen sogar aktiv auf oder unter dieser Distanz an, so kann dies ein Hinweis auf eine starke Habituierung oder positive Konditionierung sein. Die 30m wurden als Anhaltspunkt gewählt, da die Fluchtdistanz der meisten Wölfe deutlich größer ist (z.B. Wam 2002, Karlsson et al. 2007).
Bei Wölfen, die wiederholt durch dieses Verhalten auffallen, wird meist eine sogenannte „letale Entnahme“, also eine Tötung des Wolfes angeordnet. Mitunter gehen dieser vorherige Vergrämungsversuche voraus.

Im „Konzept zum Umgang mit Wölfen, die sich Menschen gegenüber auffällig verhalten“ von Reinhardt, Kaczensky, Frank, Knauer und Kluth (2018) heißt es dazu:
„Aus den Jahren 2000 bis zum Frühjahr 2016 wurden aus Sachsen 1.999 Wolfssichtungen
(mit Entfernungsangabe) gemeldet. Bei 478 (24 %) betrug die angegebene Entfernung unter 30m. Der weitaus größte Teil dieser Beobachtungen fand allerdings aus dem Fahrzeug heraus oder vom Hochsitz aus statt. In 5 % (n = 97) dieser Sichtungen waren die Menschen zu Fuß unterwegs. Nur neun Mal (0,4 %) wurde berichtet, dass sich in einer solchen Situation der Wolf weiter annäherte, obwohl er den Menschen (wahrscheinlich) bemerkt hatte. Dabei ist davon auszugehen, dass Sichtungen auf kurze Distanz eher gemeldet werden, als Wolfssichtungen auf 100m, weil erstere für den Beobachter oft besonders beeindruckend sind. Der Anteil von Sichtungen auf kurze Distanz dürfte daher eher überrepräsentiert sein.“

 

 

Abschließende Bemerkungen

Grundsätzlich bedeutet dies also, dass sich auffällig verhaltende Wölfe sehr selten sind und dass sich Begegnungen mit dem Wolf – auch aus geringerer Distanz – meist harmlos gestalten.
Bei korrektem Verhalten gegenüber dem Wolf besteht für Menschen und Hunde keine Gefahr, auch die Gefahr für Nutztiere durch den Wolf ist gering.

Durch zielführende Aufklärung über das Verhalten des Wolfes, zuverlässige Daten über Verbreitung, bestehende Gefahren und Nahrungsquellen ließe sich die Angst vor dem Wolf, die aufgrund der bestehenden Daten als unberechtigt anzusehen ist, möglicherweise eindämmen und eine generelle Akzeptanz des Wolfes fördern, der nicht nur eines der ältesten Landraubtiere ist, sondern auch eine wichtige Rolle für unser Ökosystem spielt.
Quellen:
Header –  Chris Taiga Photography

Mech, L. David; Boitani, Luigi, eds. (2003). Wolves: Behaviour, Ecology and Conservation. University of Chicago Press. ISBN 0-226-51696-2.

Salvatori, V. and Linnell, J. 2005. Report on the conservation status and threats for wolf (Canis lupus) in Europe. T-PVS/Inf (2005) 16, Report : 1-24. Strasbourg, Council of Europe.

Boitani, L. Action plan for the conservation of Wolves in Europe (Canis lupus)

Plan d’action pour la conservation du loup (Canis lupus) en Europe. [113], 1-85. 2000. Strasbourg, Cedex, Council of Europe. Nature and environment.

Recovery of large carnivores in Europe’s modern human-dominated landscapes
Chapron et al. (2014). Science, Vol. 346, Issue 6216, pp. 1517-1519

Kanzaki, N., Maruyama, N and T. Inoue. 1996. Japanese attitudes towards wolves and its recovery. Journal of Wildlife Research 1, 268–271

Lohr, C. et al. 1996. Attitudes toward gray wolf reintroduction to New Brunswick. – Wildl. Soc. Bull. 24: 414 – 420.

Swenson, J.E., Sandegren, F., Heim, M., Brunberg, S.,S¸rensen, O.J., Söderberg, A., Bjärvall, A., Franzén, R.,Wikan, S., Wabakken, P. and Overskaug, K. 1996. Erden skandinavisk bj¸rnen farlig? Norwegian Institute forNature Research Oppdragsmelding 404: 126.

(PDF) Is the Fear of Wolves Justified? A Fennoscandian Perspective. Available from: https://www.researchgate.net/publication/228805074_Is_the_Fear_of_Wolves_Justified_A_Fennoscandian_Perspective [accessed Oct 14 2018].

L. David Mech & Luigi Boitani (2003). Wolves: Behaviour, Ecology and Conservation. p. 448.
Attacke 2018: „Волк набросился на полицейских в Якутии“. Главный региональный (in Russian). 2018-04-14

„Бешеный волк напал на женщину в Ровенской области“. http://www.segodnya.ua
Attacke 2018: „Волчица прокусила ноутбук“. http://www.gorod.cn.ua

International Wolf Center
Attacke 2018: „В Брагинском районе застрелили волчицу, нападавшую на людей“. Политринг – Новости Беларуси

What is the real number of wolves in Poland and do they cause a danger?] (in Polish). Andrzej Turczyn Trybun Broni Palnej. 2 September 2017
Attacke 2018: https://polandinenglish.info/37956802/wolf-attack-in-bieszczady-confirmed-by-scientists/

„حمله گرگ به روستائیان در شهرستان سمیرم“. مشرق نیوز (in Persian). 2018-02-20

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Canis lupus in der Roten Liste gefährdeter Arten der IUCN 2016.2.

Derr M. (2011). How the Wolf Became the Dog: From Wolves to Our Best Friends. New York, NY: The Overlook Press, 287.

Nowak , R. M. 1999 . Walker’s Mammals of the World . Baltimore : Johns Hopkins University Press

https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/saeugetiere/wolf/wissen/15812.html
H. Kruuk (2009). Surplus killing by carnivores, Journal of Zoology 166(2):233 – 244

Weiler, N. (2015). Do big carnivores practice birth control?, Science

Thilo Gross, Lars Rudolf, Simon A. Levin, Ulf Dieckmann Generalized Models Reveal Stabilizing Factors in Food Webs Science (2009),  10.1126/science.1173536

Wam, H.K. (2002). Wolf behaviour towards humans – the outcome of
125 monitored encounters. Cand. Scient. thesis, Department of Biology and Nature conservation

Reinhardt & Kluth (2007) Leben mit Wölfen. Leitfaden für den Umgang mit einer konfliktträchtigen Tierart in Deutschland. BfN-Skripten 201.

 

Der Hund im Hundepelz, von domestizierten und nicht domestizierten Canis-Formen

Unsere Haushunde sind faszinierende, in vielen Regionen für den Menschen zum Alltag gehörende Lebewesen – obwohl der Hund zu einem der wichtigsten Begleiter des Menschen gehört, wirft seine Entstehung noch immer viele Fragen auf. Dass aus dem scheuen Wolf ein mutiger, anpassungsfähiger und treuer Gefährte des Menschen geworden ist, scheint beim Vergleich des hündischen und wölfischen Verhaltens kaum noch vorstellbar zu sein – doch wie viel haben unsere Haushunde noch mit ihren wilden Verwandten gemeinsam und welche Erkenntnisse in Bezug auf ihre Zahmwerdung gibt es?

Unsere Haushunde umfassen derzeit 339 FCI-registrierte Rassen, zusätzlich in ihrem Herkunftsland anerkannte Hunderassen und diverse regionale Schläge, die sich nicht nur optisch gravierend unterscheiden, sondern auch in ihrem Verhalten rassetypische Unterschiede sowie individuelle Charaktereigenschaften aufweisen. 

Derzeitige Erkenntnisse lassen darauf schließen, dass die Domestikation des Hundes vor 20.000 bis 40.000 Jahren in Eurasien stattgefunden hat. Die Domestikation hat nach neusten Erkenntnissen nicht an mehreren Orten gleichzeitig, sondern lediglich an einem Ort stattgefunden. Die domestizierte Population bildete vor 17.000 bis 24.000 Jahren genetische unterschiedliche Gruppen in westlichen und östlichen Regionen, was die vorherige Annahme, Hunde seien aus mehreren Populationen Europa, Ostasien und Zentralasien entstanden, erklärt. [1][2]
Eine Studie, bei der Proben von genetisch reinen australischen Dingos und Neuguinea-Dingos gesammelt wurden, lässt darauf schließen, dass die Dingos in zwei Gruppen vor 8.000 bis 10.000 Jahren von Papua-Neuguinea über die jetzt überflutete Landbrücke nach Australien eingewandert sein könnten. Mitochondriale DNA-Daten, die von Wissenschaftlern der Royal Society gesammelt wurden, deuten darauf hin, dass der wildlebende Verwandte unseres Haushundes, der Dingo, seit über 18.000 Jahren in Australien aufzufinden ist. Er soll sich aus Zentralasien über Landbrücken, die während der letzten Eiszeit (Pleistozäne Epoche) zu den Landmassen von Australasien gehörten, nach Australien ausgebreitet und dort angesiedelt haben.  [3]
In Süd- und Westostasien leben noch immer verwilderte und wildlebende Haushunde, sogenannte Pariahunde, die häufig ohne näheren Menschenkontakt abseits von Dörfern und Ortschaften leben und sich sowohl durch selbstbestimmte Jagd als auch durch das Töten von schwachen oder verwundeten Weidetieren und das Plündern von Abfällen versorgen.
Anders als Straßenhunde und andere domestizierte Schläge in europäischen sowie westlich geprägten Ländern sind Pariahunde oftmals scheu und leben in selbstorganisierten, losen Zweckgemeinschaften.
Trotz des oftmals ursprünglichen Aussehens und des mitunter instinktiven, scheuen Verhaltens von einigen Schlägen, insbesondere nordischen Hunden und primitiven Hunden, sind diese vollumfänglich in der Lage, den Menschen als Sozialpartner anzuerkennen und sich an ein Leben in urbanem Raum anzupassen.

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Stray dogs at the pier of Dona Paula by Ruben Swieringa

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Der Fuchs – ein Schlüssel zur Domestikation des Hundes?

Bei der Domestikation des Hundes steht der Wolf als Vorfahre im Fokus der Untersuchungen – doch auch andere Hundeartige liefern zum Teil neue Blickwinkel und interessante Schlussfolgerungen in Bezug auf die Zahmwerdung des Wolfes. Wölfe wurden vor etwa 20.000 bis 40.000 Jahren domestiziert, sie stehen seit etlichen Jahren im Mittelpunkt wissenschaftlicher Forschungen rund um den Hund. Der Wolf soll sich dem Menschen angeschlossen haben und schlussendlich zum Hund geworden sein – doch auch andere Wildtiere exponieren ihren Lebensraum mehr und mehr in menschennahe Gebiete und lassen sich dauerhaft in dicht besiedelten Gegenden nieder. Durch die Ausbreitung ihres Lebensmittelpunktes in urbane Gebiete verändert sich auch ihr Verhalten: sie verlieren ihre Scheu und zeigen einige Tendenzen, die sich vom scheuen Wildtierverhalten zur hundeähnlichen Zahmheit wandeln.
In fast allen größeren Städten, insbesondere in London, Dublin, Melbourne, aber auch in Berlin, Stockholm und Paris gehören Füchse mittlerweile zum Stadtbild. Durch die Ausbreitung ihres Lebensraumes in urbane Gebiete haben sich die Füchse an das Zusammenleben mit Menschen angepasst. Sowohl bei erwachsenen Füchsen als auch bei ihren Nachkommen lassen sich Habituationseffekte beobachten – sie zeigen sich offen Menschen gegenüber, sie bewegen sich arglos in bewohnten Gebieten, sie lassen sich häufig beobachten, fotografieren, anfüttern und sogar anfassen. Im Zuge der Gewöhnung an den neuen Lebensraum haben sie einige Verhaltensweisen wilder Tiere abgelegt – die meisten Stadtfüchse ernähren sich nicht mehr durch die Jagd, sondern plündern menschliche Abfälle, sie suchen mitunter gezielt menschliche Nähe, um Nahrungsmittel zu ergattern oder eine sichere Unterkunft zum Überwintern sowie für die Jungtieraufzucht zu finden. Das Verhalten von Stadtfüchsen erinnert in vielen Bereichen an das von Straßenhunden, die in keinem direkten Sozialverband mit dem Menschen leben, sich aber dennoch der Vorzüge des Zusammenlebens mit Menschen bedienen und häufig zwar abseits stark frequentierter Gebiete leben, aber dennoch in direkter Nähe zum Menschen verweilen.
Die Verhaltensweisen von Füchsen sind bei wilden Hundeartigen bisher nahezu einzigartig – Wildkaniden, beispielsweise Kojoten, die sich zwar auf urbane Gebiete ausgebreitet haben, verhalten sich in der Regel deutlich scheuer und meiden hochentwickelte, stark bewohnte Areale, während Wölfe in derartigen Gegenden nur in Ausnahmefällen anzutreffen sind.

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Red fox near a gas station in a Swedish city by Christian Taiga

Die Verbreitung von Rotfüchsen in Städten ist ein immer stärker auftretendes, in einigen Ländern bereits seit Langem bekanntes Phänomen. Rotfüchse leben in den Städten Europas, Nordamerikas, Australiens und Zentralasien. Besonders stark verbreitet sind Stadtfüchse in Großbritannien. In den 1930er Jahren breiteten sich vermehrt Füchse in London und Melbourne aus, in den 1980er Jahren begannen sie auch, sich in Zürich niederzulassen. Heute beherbergt Großbritannien etwa 33.000 Stadtfüchse, so die Mammal Research Unit der University of Bristol. Das sind etwa 14% der gesamten Fuchspopulation des Landes, allerdings ist bislang nicht bekannt, wie viele dieser Füchse allein in London leben.

Auch in anderen Gegegenden, zum Beispiel in Städten der Vereinigten Staaten, gehören urbane Füchse längst zum Landschaftsbild dazu. Die folgende Abbildung zeigt, wie Kojoten und Rotfüchse in Madison, USA unterschiedliche Habitate (X-Achse) im Verhältnis zu ihrer Verfügbarkeit als Lebensraum auswählten. Die Y-Achse stellt den Anteil des jeweiligen Lebensraums unterteilt in den Teil, den der Lebensraum von der Gesamtfläche des Untersuchungsgebietes in Anspruch nimmt, dar. Liegen die Ergebnisse auf der Skala über 1 bedeutet das, dass das jeweilige Tier diesen Lebensraum bevorzugt aufsucht, wohingegen Ergebnisse unterhalb dieses Wertes dafür sprechen, dass der Lebensraum eher gemieden wird.
Die Untersuchungen in Madison zeigen, dass Kojoten ihren bevorzugten Lebensmittelpunkt in natürliche Gebiete legen, wohingegen Füchse sich deutlich varibaler bei der Wahl ihres Lebensraums zeigen, jedoch moderat entwickelte Gebiete und Gebiete mit naturnaher Bepflanzung bevorzugt aufzusuchen scheinen.

Zur Erläuterung der Angaben:
„Developed open“ bezieht sich auf Bereiche mit großen Rasenflächen, z.B. Sportplätze, Stadtparks, brachliegende Weiden, Gartenanlagen
„High Development“ bezieht sich hauptsächlich auf kommerzielle und industrielle Landnutzung, z.B. Einkaufszentren, Teile des Campus und der Innenstadt.
„Moderate Development“ umfasst hauptsächlich Wohngebiete.
„Natural“ umfasst Naturgebiete wie Wälder, Wiesen und Feuchtgebiete im Untersuchungsgebiet.

 

21192329_1981142635456368_4547170817215317783_nScale by UW Urban Canid Project

Um den Radius des Besiedlungsgebietes zu bestimmen, wurden Füchse und Kojoten über wenige Jahre mit Ortungshalsbändern ausgestattet, die ihre Bewegungen dokumentierten. Die untere Grafik zeigt, in welchen Gebieten sich Füchse (rot) und Kojoten (blau) in den letzten Jahren aufgehalten haben. Die Messungen beziehen sich lediglich auf Gebiete, in denen sich die Tiere im Zeitraum der Untersuchungen dauerhaft aufgehalten haben. Diese Untersuchungen geben sowohl Aufschluss auf den Radius als auch auf die Präferenzen des Lebensraumes, indem sie zeigen, wie weit die jeweiligen Tiere sich durchschnittlich in ihrem Niederlassungsort bewegen und welche Landschaftsmerkmale für die jeweilige Art wichtig sind (UW Urban Canid Project, 2017).

Diese Untersuchungen zeigen, dass sich Füchse, im Gegensatz zu Kojoten, deren Verbreitung in urbanen Lebensräumen vergleichsweise stärker ist als die von Wölfen, deutlich stärker besiedelte Gebiete als Niederlassungsorte aussuchen als es andere Hundeartige tun. Während sich Kojoten sowohl in Kanada als auch in vielen Teilen der vereinigten Staaten bis in die Städte ausgebreitet haben, ist der Lebensraum von Wölfen noch immer stark auf naturnahe Gebiete beschränkt. In Chicago leben laut der Ohio State University derzeit circa 2000 Kojoten in Stadtnähe. Durch den Einbruch des natürlichen Lebensraum wandern auch vereinzelt Bären, Raubkatzen und andere Wildtiere, zum Beispiel Dachse in die Städte. Beobachtungen von Wölfen, die sich dauerhaft in Stadtnähe niedergelassen haben, gibt es jedoch bislang nicht. Man geht weitestgehend davon aus, dass sich ediglich Jungwölfe, unerfahrene oder hungerleidende, in Not geratene Tiere sich städtischen Gebieten annnähern. In Australien breiten sich etwa 19% der juvenilen Dingos in größere Städte aus – in Einzelfällen lassen sich erwachsene Tiere dort sogar bis zu 75% ihrer Zeit nieder, wie Untersuchungen von Allen et. al gezeigt haben. In Südaustralien leben ebenfalls eine hohe Anzahl Füchse bis zu 16 Tiere pro Quadratkilometer, viele davon in Victoria und Sydney.
Die Ansiedlung von Wildkaniden in Städten hat unterschiedliche Gründe, ist jedoch in den meisten Fällen auf eine Einschränkung des natürlichen Lebensraumes zurückzuführen. Während Kojoten durch die Ausbreitung in stadtnahe Gebiete eine ökologische Nische gefunden haben, um den oftmals tödlichen Konfrontationen mit Wölfen und anderen Raubtieren zu entgehen, haben sich Dingos aufgrund der starken Vermischung mit Haushunden in menschennahe Gegegenden ausgebreitet, da ihre Überlebenschancen in natürlichen Gebieten infolgedessen eingeschränkt sind. Wölfe hingegen sind deutlich seltener in urbanen Regionen anzutreffen, da ihr Lebensraum stabiler und weniger durch andere Raubtiere bedroht ist, während die Überlebenschancen in urbanen Gebieten bedeutend geringer als in natürlichen Regionen sind. Eine weitere Erklärung für das hohe Aufkommen von Füchsen verglichen mit anderen Tieren, insbesondere mit Wölfen, ist die Duldung der Population. Größere Hundeartige, allen voran der Wolf, werden häufiger als Bedrohung wahrgenommen als Füchse und infolgedessen stärker vergrämt und bejagt. Es liegt nahe, dass sich die Scheu des Wolfes durch die jahrhundertelange Bejagung durch den Menschen deutlich verstärkt hat, Wölfe jedoch vor der Domestikation in Menschennähe lebten und Anpassungstendenzen zeigten, wohingegen die Nähe zu Menschen zur heutigen Zeit häufig tödlich endet. Auch Kojoten und Dingos haben im Vergleich zu Füchsen eine deutlich geringere gesellschaftliche Akzeptanz und sind in Menschennähe weniger geduldet.

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Graphic by UW Urban Canid Project

Auch Fuchswelpen werden zunehmend in Städten geboren. Bauten unter Verandas, Schuppen oder Gartenhäusern sind in urbanen Gebieten nicht ungewöhnlich. Allein in Großbritannien werden von März bis April jedes Jahr circa 425,000 Fuchswelpen geboren, circa 6400 (15%) davon in städtischen Regionen. Bereits mit vier bis fünf Wochen verlassen Füchse ihre Höhle und erkunden die Umgebung, mit neun Wochen begeben sie sich gemeinsam mit ihren Eltern auf Nahrungssuche. Bereits in dieser Zeit beobachten sie das Verhalten ihrer Eltern und lernen, die Gefahren ihrer Umwelt einzuschätzen. Anders als in naturnahen Gebieten gehen die Jungfüchse häufig nicht auf die Jagd, sondern plündern menschliche Abfälle und betteln an Ständen um Nahrungsreste. Im Gegensatz zu Füchsen, die in abgelegenen, natürlichen Arealen leben, weisen Stadtfüchse meist ausgesprochen wenig Scheu Menschen gegenüber auf und flanieren auch tagsüber durch die Städte.

Trotz der Gewöhnung an den Menschen liegt die Lebensdauer von Füchsen in stark frequentierten Gebieten durchschnittlich lediglich bei 18 Monaten. Oft werden sie von Hunden getötet, sterben an Krankheiten oder werden überfahren, in naturnahen Gebieten lebende Füchse werden hingegen 2-4 Jahre alt. Nichtsdestotrotz gibt es einige Füchse, die auch in Städten deutlich älter werden und lernen, mit den Gefahren ihres Lebensraums umzugehen. Diese Erfahrungen geben sie später an ihren Nachwuchs weiter, der durch das Beobachten seiner Elterntiere lernt, sich später ebenfalls umsichtig in den dicht besiedelten Gebieten zu bewegen, Gefahren zu vermeiden und die Annehmlichkeiten des Lebens in Menschennähe – Unterschlüpfe unter Gartenhäusern, sichere Nahrung aus Mülltonnen und offenstehenden Häusern und mitunter wohlwollende Gesten seitens der Anwohner – zu genießen.
Jene erwachsenen Füchse, die bereits seit Generationen in städtischen Gebieten leben, geben die nötigen Überlebensstrategien auch an ihre Welpen weiter. Die Tiere, die sich in den Städten aufhalten, sind oftmals erstaunlich wenig gestresst. Untersuchungen an zahmen Füchsen haben gezeigt, dass die Tiere bereits nach gezielter Selektion über drei bis vier Generationen einen deutlich niedrigeren Cortisolspiegel im Kontakt zu Menschen aufweisen als die Tiere aus der Vergleichsgruppe wilder Füchse. Jene zahmen Tiere haben im Umgang mit Menschen erheblich weniger Stress und geben diese Entspanntheit auch an ihre Welpen weiter, sowohl durch epigentische Prozesse als auch durch bereits in frühen Stadien gezielter Selektion auftretende, vererbbare Veränderungen der HPA-Achse, die unter anderem für die Steuerung von Stresshormonen verantwortlich ist (Trut et. al, 2009).
Eine Anpassung an die Gegebenheiten ist jedoch nicht nur durch künstliche, sondern auch durch natürliche Selektion möglich. Es ist in Betracht zu ziehen, dass jene Füchse, die sich auf urbane Gebiete ausgebreitet haben, nicht nur eine erlernte Zahmheit den Menschen gegenüber durch Gewöhnung an diese (Habituation) zeigen, sondern jene auch durch erblich bedingte genetische Veränderungen erlangt haben.

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Fox cub near village by Christian Taiga

Füchse leben nicht nur in Städten, sondern auch immer häufiger in Privathaltung. Insbesondere in urbanen Gebieten gibt es mittlerweile zahlreiche Fuchsnothilfen, vor allem in England und den U.S.A., aber auch in Australien. Bei den dort lebenden Tieren handelt es sich häufig um in Städten geborene, verwundete Tiere, Tiere aus Pelzfarmen, aber auch um ausgesetzte oder beschlagnahmte Haustiere – manchmal jedoch finden sogar in der Wildnis geborene Füchse dort eine neue Zwischenstation, bis sie ausgewildert werden können oder ein dauerhaftes Zuhause in menschlicher Obhut finden.
Die Auswilderung von Füchsen gestaltet sich ausgesprochen schwierig – vor allem Tiere, die aufgrund einer Verletzung pflegebedürftig sind, die bereits in der Nähe von Menschen aufgewachsen sind oder die bereits sehr früh gefunden wurden, lassen sich häufig nicht mehr an ein Leben in der Natur gewöhnen. Die Anpassung an menschliche Gegebenheiten findet bei Füchsen oftmals deutlich schneller statt als bei anderen Wildtieren. Im Gegensatz zu Wölfen und Kojoten, aber auch zu anderen Hundeartigen, sind in der Wildnis aufgewachsene Füchse meist sehr zugänglich und fassen schnell Vertrauen zu menschlichen Bezugspersonen. Nothilfen, die sich Wölfen und Kojoten, die in der Natur geborenen wurden, annehmen, berichten häufig davon, dass jene Tiere meist jahrelang, zum Teil sogar bis an ihr Lebensende, scheu bleiben und ihre Angst vor fremden Menschen sowie unbekannten Situationen nicht verlieren.

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Tame foxes in need by Sydney Fox Rescue

In Haustierhaltung zeigen sich Füchse ebenfalls erstaunlich anpassungsfähig – die meisten Füchse, die in Privathaltung leben, stammen aus Pelzfarmen, Privatzüchtungen, die auf Pelzfarmverpaarungen zurückführen oder sind wild geborene Füchse, die nicht wieder ausgewildert werden konnten. Sogenannte domestizierte Füchse, die im Rahmen des „Silver Fox Projects“ gezüchtet worden sind, sind ausgesprochen selten. Es leben derzeit circa 30 Füchse, die direkt aus der Zucht in Novosibirsk stammen, in den Vereinigten Staaten von Amerika, einige andere leben in Europa, verteilt auf Deutschland, die Schweiz, die Niederlande, Großbritianen und Polen.
Neben den Füchsen von Dmitry Belyaev und Lyudmila Trut aus dem „Silver Fox Project“ in Novosibirsk, die im Gegensatz zu wilden Füchsen sowohl genetische als auch phänotypische Unterschiede, beispielsweise Veränderungen der Fellfarbe bis zu weißen Flecken, Scheckungen, Schlappohren und Ringelschwänzen zeigen, weisen auch Füchse aus Pelzfarmen selektionsbedingte Unterschiede auf. Ihr Fell ist durch die Selektion auf Pelzproduktion deutlich länger und dichter als das ihrer wild lebenden Verwandten, sie haben oftmals eine rundere Kopfform, rundliche Augen und weisen weiße Zeichnungen im Gesicht, an großen Teilen oder Rute oder am Rumpf auf. Füchse, die in Menschenhand aufgewachsen sind, zeigen meist starke Anzeichen von Habituation, es gibt einige bekannte Fälle, in denen sich Füchse, die in der Wildnis aufgewachsen sind und aufgrund eines Unfalls in menschliche Obhut aufgenommen wurden, erstaunlich schnell deutliche Zahmheit zeigten. Ähnlich wie bei Hunden oder Katzen beobachten die Halter dieser Tiere, dass jene aufgrund ihrer Neugier dazu neigen, negative Ereignisse weniger intensiv zu bewerten als andere Wildtiere und infolgedessen sowohl explorationsfreudiger als auch deutlich weniger neophob zu sein. Fälle, bei denen wild geborene Wölfe oder Kojoten derart an das Zusammenleben mit Menschen gewöhnt werden konnten, dass sie in der Lage waren, ohne übermäßige Ausschüttung von Stresshormonen im Haus zu leben oder an der Leine zu laufen, sind bislang kaum bekannt. Das Verhalten von Füchsen erinnert auch in dieser Hinsicht eher an das von wild geborenen Haushunden oder verwilderten Hauskatzen als an das anderer wildlebender Hundeartiger.

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Pet fox living in Russia by Anastasia Men

Die erstaunliche Anpassungsfähigkeit des Fuchses ermöglicht es ihm, sich in unterschiedliche Lebensräume integrieren zu können. Er ist nicht nur in der Lage, sich im dichten Unterholz einen sicheren, ungestörten Lebensmittelpunkt einzurichten, sondern kann auch in den Weiten der Großstädte seine Heimat finden und sich die menschlichen Annehmlichkeiten zunutze machen. Die schnelle Gewöhnung an ein Leben in menschlicher Obhut sowie die verglichen mit wilden Canis-Formen einfache Zahmwerdung des Fuchses sind bisher einzigartig. Die bereits nach wenigen Generationen präsente, vererbbare Offenheit lässt, ebenso wie die Ausbildung anderer Domesikationsmerkmale, zumindest vermuten, dass sich die verhaltensspezifischen Merkmale und die gute Habituationsfähigkeit wie auch die Neugier außerordentlich positiv auf die Zahmwerdung des Fuchses ausgewirkt haben.
Anders als in der Wildnis lebende Füchse zeigen freilebende Füchse in urbanen Regionen Verhaltensweisen, die für Wildtiere allgemein untypisch sind – es ist wahrscheinlich, dass sich Tendenz zur Assimilation, dazu, sich bei Tageslicht in besiedelten Gebieten zu bewegen und selbst Jungtiere in direkter Nähe menschlicher Lebensräume aufzuziehen, ausgesprochen positiv auf die Zähmung und die Domestikation des Fuchses ausgewirkt hat. Inwieweit bereits bei freilebenden Füchsen in urbanen Gebieten Veränderungen des sympathischen Nervensystem und der Nebennieren, die für eine verringerte Stress- und Angstreaktion im Kontakt zu Menschen sowie eine damit einhergehende Zahmwerdung verantwortlich sind, aufgetreten sind, ist derzeit leider nicht bekannt – es wäre jedoch eine interessante Untersuchung in Bezug auf die Domestikation wilder Hunde.
http://www.abc.net.au/news/2017-06-27/why-are-there-so-many-foxes-in-melbourne/8654868

http://www.abc.net.au/news/2016-08-09/sydney-urban-fox-numbers-reduced/7704634html

http://agriculture.vic.gov.au/agriculture/pests-diseases-and-weeds/pest-animals/invasive-animal-management/established-invasive-animals/integrated-fox-control-for-urban-and-semi-urban-areas

Animal evolution during domestication: the domesticated fox as a model – Trut et. al

http://unis.mcgill.ca/en/uw/mammals/coyotes_wolves.

https://www.sciencedaily.com/releases/2012/10/121005100909.htm

http://www.thefoxwebsite.net/populations/

Vorschaubild: Black Isle Nature Photography

Von Impulskontrollstörungen zum unerwünschten Verhalten des Hundes

Bei Verhaltensstörungen des Hundes werden oftmals übersteigerte Aggression, stereotypes Verhalten oder verhaltens- respektive objektbezogene Süchte betrachtet. Ein wichtiger Faktor bei unangemessener Aggression, aber auch bei unkontrollierbarem Jagdverhalten oder bei der Entstehung von Sucht ist eine Impulskontrollstörung.
Die Fähigkeit zur Impulskontrolle ist vorrangig genetisch bedingt, jedoch kann die Bereitschaft, Handlungen zugunsten anderer Verhaltensweisen zu hemmen, trainiert werden. Neben endogenen Ursachen für Impulskontrollschwächen können auch exogene, also umweltbezogene Erfahrungen, eine Rolle spielen. Verantwortlich für eine erworbene Schwäche der Impulskontrolle können sowohl neurologische Veränderungen, die durch anhaltenden Stress (erhöhte Cortisolproduktion und Hemmung der präfrontal-cortexalen Funktion) als auch erziehungsbedingte Defizite der Frustrationstoleranz sein. Ebenso stellen durch den Halter verursachte Süchte, häufig in Bezug auf Bewegungsreize, einen wesentlichen Faktor dar.

Bei der Entstehung von Impulskontrollstörungen spielt vorrangig die Amygdala, die für die emotionale Einstufung und die erlernten Assoziationen zwischen motivational relevanten sowie neutralen Reizen verantwortlich ist, eine große Rolle. Daneben ist der orbitofrontalen Cortex (OFC) von Bedeutung, welcher für die Koordination der zu erwartenden Resultate des jeweiligen Verhaltens verantwortlich ist; auch der anterior cinguläre Cortex (ACC), der für die Unterscheidung von relevanten und irrelevanten Erfahrungen ebenso wie für kognitive Kontrolle bedeutsam ist, in diesem Kontext wichtig. Der Hippocampus, der Verbindungen zwischen relevanten Erinnerungen in Bezug auf die jeweilige, derzeitige Motivation herstellt wie auch der Septal Nuclei, der Informationen für primitive Motivationen wie Nahrungsaufnahme und sexuelle Stimulierung bereitstellt, sind zusätzlich für die Fähigkeit, Impulse zu kontrollieren, verantwortlich.  [1, 4, 5-8]

Im Zusammenhang mit selbstbelohnendem Verhalten ist auch der Nucleus accumbens (NAcc), als Teil des mesolimbischen Systems, dem sogenannten Belohnungssystems, von erheblicher Bedeutung. Der Nucleus accumbens besteht aus einer Schale und einem Kern, die unterschiedliche, miteinander kooperierende Funktionen ausführen. Die Schale des NAcc ist wichtig, um motivationsbedingte Salienzen, die für die Hervorhebung der Wichtigkeit eines Reizes verantwortlich sind, zu modulieren, während der Kern stärker mit der Anwendung erlernter Verhaltensweisen, die für die jeweilige Motivation relevante Ereignisse in Aussicht stellen, verantwortlich ist.
Bei selbstbelohnenden Verhaltensweisen, zu denen auch Süchte gehören, werden die Regulationsprozesse des Nucleus accumbens gestört und dopaminerge Systeme aktiviert, die im Zusammenspiel mit einer erhöhten Cortisolproduktion zu einer Hemmung des präfrontalen Cortex und zu einer verminderten Fähigkeit der Impulskontrolle führen können.
Die Neurophysiologie der Sucht ist unter anderem aufgrund der hohen Übertragbarkeit und guten Kontrollierbarkeit von Tierversuchen derart gut erforscht. Eine Ratte zeigt das gleiche Zwangsverhalten, das man bei einer Person, die nach Suchtbefriedigung strebt, sehen würde – ebenso ist es beim Hund. Ein Hund, der seine Gelenke verschleißt, bis zum Kreislaufzusammenbruch oder zum Autounfall hetzt, zeigt sowohl auf neurologischer als auch auf psychologischer Ebene genau die gleichen Bausteine des Suchtverhaltens, die auch ein Heroinsüchtiger im menschenbezogenen Kontext zeigen würde. [1, 3, 9-11]

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In Verbindung mit dem Jagdverhalten stehen neben den Neurotransmittern Dopamin, Serotonin und Noradrenalin, die auch beim Suchtverhalten des Menschen eine Rolle spielen, vor allem der zentrale Nucleus der Amygdala und das periaquäduktale Grau als Teil des Mittelhirns, das sowohl für die Unterdrückung von Schmerzreizen als auch im Rahmen von defensiver Aggression für die Koordinierung von Fluchtreflexen zuständig ist. Der Zentralnucleus integriert die Fokussierung auf das Objekt sowie die Bewegungsabläufe bei zielgerichteten Verhaltensweisen, wodurch die Beuteverfolgung durch Projektionen auf die periaquäduktale graue Materie gesteuert wird.
Für das Suchtverhalten verantwortlich sind zusätzlich dazu insbesondere das dopaminerge System, der Nucleus accumbens, der präfrontale Cortex, das Striatum,  die Area tegmentalis ventralis, die Substantia nigra sowie der orbitofrontale Cortex.
Die Dopamin ausschüttenden Neurone bilden lediglich einen winzigen Bruchteil aller Neuronen, doch jedes dieser Neurone kann sich mit über 10.000 anderen Neuronen in weit entfernten Teilen des Gehirns vernetzen und dort zu suchtbedingten Veränderungen der Hirnchemie führen. Ein einziges jener Neurone kann ein wahres Feuerwerk im Belohnungssystem verursachen. [12, 13, 14]

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Betrachtung des Gehirns aus der hinteren Ansicht. Zu sehen sind die neuronalen Netze, die an der Suchtentstehung beteiligt sind.
Der Weg führt von Dopaminneuronen (zentral) zu Gebieten im Striatum by Kelly Hennigan

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Primitive und „verwilderte“ Haushunde – vergleichende Verhaltensuntersuchungen an primitiven Hunderassen und australischen Dingos

Bei der Domestikation von Hunden wurden bestimmte erwünschte Merkmale züchterisch gefördert oder durch Selektion gezielt ausgeschlichen. Während moderne Rassen durch künstliche Selektion auf besonders hohe Kooperationsbereitschaft, Menschen- und Artgenossenverträglichkeit oftmals eine sehr gute Anpassung an das Leben in urbanem Lebensraum aufweisen, zeigen primitive Rasse weitestgehend Merkmale natürlicher Selektion, u.A. ausgeprägtes Jagdverhalten, Eigenständigkeit, starkes Markierverhalten und niedrige Toleranz gegenüber gleichgeschlechtlichen Artgenossen. Phylogenetisch primitive Rassen zeigen demnach erwartungsgemäß weniger „wünschenswerte“ Eigenschaften als modernere Rassen europäischen Ursprungs, ihr Verhalten wird mitunter als „wildtierartig“ erlebt und beschrieben. Die Unterschiede zwischen sogenannten primitiven Rassen und „verwilderten Haushunden“, in diesem Fall australischen Dingos, erwiesen sich in Untersuchungen und Halterumfragen bei in menschlicher Obhut aufgewachsenen, in Haushalten lebenden Urhunden und Dingos unter vergleichbaren Haltungsbedingungen dennoch als enorm.

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Dingo in private ownership by Jill Pascoe

In zwei unabhängig voneinander durchgeführten Halterumfragen wurden erhebliche Unterschiede in nahezu allen Bereichen zwischen australischen Dingos und primitiven Rassen festgestellt. Es wurde in beiden Untersuchungen herausgestellt, dass Dingos verglichen mit primitiven Rassen eine deutlich geringere Trainierbarkeit aufweisen – sowohl die Dauer des Trainings als auch die Intensität und der Trainingserfolg unterscheidet sich bei Dingos und primitiven Rassen stark, wohingegen die Unterschiede zwischen den jeweiligen ursprünglichen Rassen eher als geringfügig zu betrachten sind. Das Jagdverhalten erweist sich bei primitiven Rassen zwar als wesentlich ausgeprägter modernen Rassen gegenüber, aber als erheblich weniger intensiv und ernsthaft im Vergleich zu australischen Dingos. Während die Halter primitiver Rassen nur selten ein vollständiges Jagdverhalten, das sowohl mit dem Beutefang als auch dem Beuteverzehr einherging, beobachten konnten, zeigen Dingos eine oftmals komplette Abfolge des Jagdverhaltens.
Neophobe Tendenzen gegenüber Personen und Objekten ebenso wie erhöhte Fluchtbereitschaft wurden von Dingos deutlich häufiger und ausgeprägter gezeigt als von Hunden – auch die Ausbruchsfähigkeiten und die Tendenzen zu unabhängigem Verhalten, zum Herumstreunen, zum Öffnen von Türen und zum Klettern waren ausschließlich bei Dingos erheblich ausgeprägt.
Diese Ergebnisse lassen darauf schließen, dass sich Dingos nicht nur aufgrund ihrer Verwilderung und des Lebens abseits von Menschen in ihrem Verhalten und ihren physiologischen Fähigkeiten von Haushunden unterscheiden, sondern auch im Zusammenleben mit Menschen in einer mit Haushunden vergleichbaren Haltung ein anderes und deutlich ausgeprägtes Spektrum bestimmter Verhaltensweisen als Haushunde primitiver und moderner Rassen zeigen.

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Im Sinne des Tierschutzes? – Weil Wissen hilft, nicht Mitleid

– Ein Artikel in Zusammenarbeit mit Sophie Strodtbeck –

Zu jedem Artikel, der sich mit Tierschutzhunden auseinandersetzt, sollte vorab unbedingt erwähnt werden, dass es nicht den Tierschutz gibt – Hunde, unabhängig von ihrer Herkunft und ebenso innerhalb einer Rasse, sind Individuen, die zwar aufgrund ähnlicher Erfahrungen oder ähnlicher rassespezifischer Merkmale vergleichbare Verhaltensweisen zeigen können, in ihren Eigenheiten jedoch immer unterschiedlich sind. Zu Tierschutzhunden fallen vermutlich jedem, der mit diesem Thema bereits in Berührungen gekommen ist, einige Phrasen ein – Tierschutzhunde seien alle „dankbar“, alle „verhaltensgestört“ oder „traumatisiert“. So mancher Halter oder Trainer denkt besonders an die Hunde, die durch übermäßiges Jagdverhalten, durch unverhältnismäßige Aggression oder ausgeprägte Angst aufgefallen sind; doch genauso, wie es Tierschutzhunde gibt, die ein schweres Päckchen aus verschiedenen verhaltensspezifischen und ggf. gesundheitlichen Problemen zeigen, gibt es jene, die sich ohne Anpassungsschwierigkeiten in den westeuropäischen Alltag integrieren. Der Tierschutzhund ist auch nur Hund, manchmal intensiver, manchmal leicht handhabbar.

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Ehemaliger rumänischer Tierheimhund, Mischling aus unbekannten Rassen/Schlägen*

Nichtsdestotrotz gibt es bei Hunden aus dem Tierschutz, vor allem jenen, die aus einem kulturell und landschaftlich anders geprägten Umfeld stammen, gewisse Parallelen, die das Zusammenleben mit ihnen oftmals von dem mit hiesigen Hunden, seien es jene aus Privatabgaben, Tierheimen oder Hunden aus einer Zuchtstätte, deutlich unterscheiden.

Insbesondere Hunde aus dem ausländischen Tierschutz haben meist eine unbekannte Vergangenheit und – gemessen an der Aufzucht hier lebender Welpen – eine unzureichende, häufig mit fehlender Sozialisation auf bestimmte Reize einhergehende Aufzucht erfahren, die zu Stress- und Abwehrreaktionen auf unbekannte oder ängstigende Reize im neuen Lebensumfeld führen kann. Gepaart mit negativen Erfahrungen Menschen und anderen Hunden gegenüber oder der Not, sich selbst zu versorgen, womöglich in Kombination mit bestimmten Rasseeigenschaften, kann die Aufnahme eines solchen Hundes trotz guten Willens und positiver Beschreibung seitens der Vermittlungsstelle zur Herausforderungen werden; sowohl für unerfahrene als auch für erfahrene Halter.
In einigen Fällen wird eine solche Herausforderung mit Bravour gemeistert, Halter und Hund finden zueinander und gehen fortan einen gemeinsamen, für beide Seiten angenehmen und stressarmen Weg. In anderen Fällen ist die Anleitung eines Trainers oder anderer kompetenter Personen erforderlich und führt zum gewünschten Erfolg, dem weitestgehend reibungslosen Zusammenleben von Hund und Besitzer. Bedauerlicherweise gibt es jedoch noch immer genügend Beispiele, bei denen sich der neu eingezogene Vierbeiner als nicht kompatibel mit seinem „Adoptanten“ erweist, was entweder zu lebenslanger Einschränkung auf beiden Seiten oder zur Abgabe des Hundes in ein anderes, hoffentlich geeigneteres Zuhause führt.
Solche Fälle gibt es allerdings nicht nur im Auslandstierschutz, sondern immer dann, wenn zwei Individuen aufeinandertreffen, die aufgrund ihrer Bedürfnisse oder Eigenschaften nicht zusammenpassen und die nicht ohne übermäßigen Aufwand oder Einschränkungen bedürfnisstillend zusammenleben können – sei es im Inlandstierschutz oder auch bei Hunden, die von einem anerkannten, seriösen Züchter stammen.
Die Ursachen dafür können vielfältig sein, sowohl mangelnde Aufklärung seitens des Züchters, mangelnde Einsicht oder Ehrlichkeit seitens des Halters oder eine fehlerhafte Beschreibung seitens der Vermittlungsstelle. Ebenso stellt die übermäßige Ausprägung bestimmter Merkmale in einer nicht vorhersehbaren Weise Gründe für eine potenzielle Abgabe des Hundes dar.

Wann immer es um die Aufnahme und Abgabe eines Hundes geht, ist vor allem eines wichtig: Ehrlichkeit und ein neutraler, fachkundiger Blick von jemandem, der oftmals fehlinterpretierte Verhaltensweisen korrekt deuten kann. Nur ein Hund, der mit all seinen Marotten und Vorzügen beschrieben wird, hat optimale Chancen auf ein passendes Zuhause, bei anderen ist es Glücksspiel, das sowohl zu Lasten des Hundes als auch zum Nachteil des Menschen stattfindet.
Nach wie vor scheinen Menschen, vor allem im Tierschutz, es für unabdingbar zu halten, Hunde in bestimmte Schubladen zu stecken. Dazu gehören neben der „nur lieb und dankbar- Schublade“ auch einige Rasseschubladen. So sieht man immer wieder den „Corgie aus Griechenland“ oder den Border Collie aus der Türkei in verschiedenen Vermittlungsanzeigen.  Dass es diese Hunde in diesen Ländern kaum oder gar nicht gibt, und dass die meisten von ihnen „Hunde ohne Rasse“ sind, die zwar eventuell rein optische Ähnlichkeiten, sonst aber keinerlei Gemeinsamkeiten mit den Rassen, als die sie verkauft werden, haben, spielt leider oft keine Rolle. Dabei wäre auch hier eine ehrliche Beschreibung ein Mosaiksteinchen, das zu einer erfolgreichen Vermittlung führen kann. Denn wer beim schwarz-weißen Hund aus der Türkei, der als Border Collie deklariert wird, auch dessen Eigenschaften erwartet, wird hinterher enttäuscht sein, einen Hund ohne Rasse, der eben genau das ist, und kein Mix aus Rassen, wie wir sie kennen, zu bekommen. Hat dieser Hund nun nur die typischen Eigenschaften im Gepäck, die man für das Leben auf der Straße in genau diesem Landstrich benötigt, ist die Ent-täuschung hinterher oft groß und das Zusammenleben schwierig.
Ob es sich bei dem labradorähnlichen, aber sehr groß geratenen Hund aus dem Osten tatsächlich um einen Retrievermischling oder doch um einen Herdenschutzhund handelt, können die Vermittler nur selten korrekt feststellen, deshalb ist es wichtig, sich an eine erfahrene Person, die neben der Beurteilung des Phänotypes auch auf spezielle Verhaltensweisen achtet, zu wenden – doch nicht jeder Hund, der sich als wachsam entpuppt oder Ähnlichkeit mit einem Hirtenhund aufweist, ist auch einer; Pauschaleinstufungen in die eine oder andere Richtung tun keinem Hund gut. In unklaren Fällen sollte der Mut zum Fragezeichen hinter der vermuteten Rassezugehörigkeit sich vor allem in der Tiervermittlung öfter durchsetzen. Genauso, wie Rasseeinstufungen Türen öffnen und Verhalten erklären, können sie blind für die tatsächlichen Gründe der gezeigten Verhaltensweisen machen. Ist unklar, warum ein Hund sich auf bestimmte Weise verhält, sollten gerade bei Hunden aus dem Tierschutz nicht nur die Rasse, sondern auch individuelle Lebenserfahrungen oder gesundheitliche Ursachen in Betracht gezogen werden.

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Herdenschutzhundmischling, seit seiner Abgabe bei einer Dauerpflegestelle lebend*

Betrachtet man den Verlauf vieler Hundeabgaben, so wird deutlich, dass es oftmals nicht an einem übermäßig schwierigen Hund, sondern vielmehr an mangelnder Aufklärung, fehlenden erzieherischen Fähigkeiten, einen Hund zu führen, aber vor allem an mangelnder Vereinbarkeit der jeweiligen Interessen von Hund und Mensch liegt. Umso wichtiger ist es, bei der Neuanschaffung eines Hundes die Möglichkeit zu haben, Informationen zunächst kostengünstig einzuholen und Stellen zu kennen, an die man sich wenden kann.
Es liegt nicht nur in der Hand von Vermittlungsorganisationen, ehrliche, aussagekräftige Texte, die offen über mögliche Schwierigkeiten, regionale Schläge und Anpassungsschwierigkeiten schreiben, sondern auch in der Verantwortung von Haltern jener Hunde – seien es Hunde aus dem Ausland, dem Inland oder Rassehunde – einen offenen Informationsaustausch zu ermöglichen, Probleme anzusprechen und die Nachteile sowie Vorzüge der jeweiligen Hunde in den Fokus zu rücken.
Insbesondere bei der Prävention von Hundeabgaben stellen aufklärende, weiterbildende Artikel, kostenlose Trainingsangebote, Rasseberatungen, Literatur über rassespezifische Besonderheiten und Trainerlisten einen effektiven Beitrag zum Tierschutz dar, sofern sie vom Hundeinteressenten wahr- und angenommen werden. Ein potenzieller Halter, der sich aufgrund der Informationen über die Hunde oder die Rasse, für die er sich interessiert, bewusst dafür oder dagegen entscheidet ist ein größerer Gewinn für das, was wir unter Tierschutz verstehen als jener, der Hunde aus Mitleid aufnimmt, ihnen oder sich selbst dann jedoch aus Überforderung nicht ausreichend gerecht werden kann.

Spricht man vom Tierschutz, ist es eindeutig nicht sinnvoll, die Zucht von Hunden auszuklammern oder zu verteufeln, sondern vielmehr, seriöse Zucht zu fördern, genetische Vielfalt zu unterstützen und die Haltung sowie Weiterentwicklung von Rassen zu bestärken. Entgegen des oftmals erklingendes Vorwurfes, Hunde aus einer Zucht stünden dem Tierschutz entgegen, ist die Aufnahme eines solchen Hundes oftmals eine bessere und mehr im Sinne des Tierschutz stehende Entscheidung als einen Hund unbekannter Vergangenheit mit möglicherweise unkalkulierbarem Verhalten in eine Lebenssituation, die die Einstellung darauf nicht zulässt, aufzunehmen.
Jede vernünftige und überlegte Aufnahme oder Nicht-Aufnahme eines Hundes ist tierschutzfördender als gut gemeinte, aber unzureichende durchgeführte Adoptionen von Hunden, die nicht ihres Wesens entsprechend gefördert werden können.
Der Schrei danach, Rassehundzucht zu verbieten, um die Aufnahme von Abgabehunden anzukurbeln, kann nicht im Sinn von durchdachter Tierschutzarbeit sein – wer einen Hund möchte, sollte die Option haben, den für sich passenden Vierbeiner aufzunehmen, anstatt sein Leben mit einem Vierbeiner zu verbringen, dessen erst nach der Vermittlung auftretende Verhaltensweisen zu einer Lebenseinschränkung auf beiden Seiten führen. Wer sich für einen Hund mit protokolliertem Gesundheitszustand und bekannten Aufzuchtbedingungen entscheidet, handelt ebenso pro Hund.
Selbstverständlich ist die durchdachte Aufnahme eines Hundes aus dem Tierschutz ein ausgesprochen bedeutender Part – vermittlungsfähige Hunde, die von einem Leben in unserem Alltag profitieren und die mit ihren Eigenheiten oder Vorzügen so aufgenommen werden können, wie sie sind, sollten diese Chance unbedingt erhalten. Jeder, der einen Vermittlungshund aufnimmt, behält oder erfolgreich weitervermittelt, leistet einen unerlässlichen Teil zum gelungen Tierschutz.
Die vielen Fälle von erfolgreichen Vermittlungen und zufriedenen Hunden in den Händen glücklicher Halter zeigen, dass der Import von Hunden aus dem Ausland durchaus seine Berechtigung hat – gut umgesetzt.

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Günes von Sophie Strodtbeck – die türkische Sonne, die als lebendiges Beispiel für eine ganzes Fehlerkonzert im Tierschutz über deutschen Weiden flimmert

Den wichtigsten Beitrag im Tierschutz leistet jedoch noch immer die kompetente Hilfe vor Ort – sei es bei der Durchführung und Betreuung von Sterilisationsprojekten, dem sozialen oder politischen Engagement in Bezug auf den landesinternen Tierschutz oder die Aufklärung über verhaltensspezifische und rassetypische Merkmale bestimmter Hunde und Schläge.
In diesem Artikel wird bewusst von Sterilisations- statt von Kastrationsprojekten geschrieben: Fatalerweise sind es oftmals Kastrationsprogramme, die in den jeweiligen Ländern zu einer Reduktion der Population führen sollen – demgegenüber steht eine italienische Langzeit-Studie (2000-2013), die zeigt, dass weder Kastrationen noch Vermittlungen die Streunerhund-Population reduzieren („Free-roaming dogs control activities in one italian province (2000-2013): is the implemented approach effective?“, Barnard, S. et al, Mac Vet Rev 2015). Es wurden Daten über die Streunerpopulation einer italienischen Provinz aus den Jahren 2000 bis 2013 ausgewertet. Die bisher verfolgte Strategie mit umfassenden Kastrationsmaßnahmen (Einfangen-Kastrieren-Wiederausetzen oder Vermitteln) hat nicht zu einer Verringerung der Streuner-Population geführt, weil sie nur das Symptom, aber nicht die Wurzel des Problems bekämpft. Statt der – aufgrund der Kastrationsmaßnahmen zu erwartenden – Alterung der Population ist das Gegenteil festzustellen. Entstandene Lücken werden sofort wieder aufgefüllt, denn die Populationsdichte in einem Lebensraum wird bestimmt durch die Bedingungen im selbigen, und nicht davon, wie viele Tiere man tötet/rettet/kastriert.
Allerdings leben die verwilderten Haushunde in vielen Regionen in festen Gruppenstrukturen, so dass eine Sterilisation der aggressiveren, konfliktpräsenteren Rüden oft die bessere Alternative wäre. Denn dieser hormonell weiterhin intakte Rüde wird verhindern, dass ein Konkurrent „seine Mädels“ deckt, selber aber weiterhin decken, ohne Nachwuchs produzieren zu können.
Wenn man sich bewusst macht, dass es eben die Bedingungen im Lebensraum sind, die die Populationsdichte bestimmen, hat man hier auch einen weiteren Ansatzpunkt vor Ort, auch wenn dieser sicherlich hart klingt: Solange in den betreffenden Ländern weiterhin ausreichend Müll rumliegt, also genug Ressourcen vorhanden sind, um die Population konstant zu halten, und solange diese Hunde von (oft ausländischen) Tierschützern gefüttert werden, wird sich auf lange Sicht nichts ändern, weil sich ja die Bedingungen für mehr Individuen in diesem Landstrich verbessern, die Lücken also sofort aufgefüllt werden. Gut gemeint ist also auch hier oft das Gegenteil von gut gemacht…
Des Weiteren sollte gut gemachter Tierschutz vor Ort bereits bei den Kleinsten anfangen: nur, wenn man bereits Kindern zeigt, dass Hunde keineswegs nur „schmutzig und böse“ sind, wird sich auf lange Sicht etwas ändern. Es bietet sich an, nicht nur bei fremden Kindern in Form von Aufklärungsprojekten an Schulen anzusetzen, sondern gerade innerhalb des eigenen Umfeldes ein von Anfang an gutes und wichtiges Bild vom Zusammenleben mit Hunden zu schaffen.
Außerdem neigt der deutsche Auslandstierschutz – sicherlich auf Grund mancher nachvollziehbarer Erfahrungen – dazu, die Bevölkerung vor Ort pauschal zu verunglimpfen („die bösen Rumänen quälen Hunde“), wodurch oft eine echte Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort nicht möglich ist. Ohne die Einbeziehung der Menschen vor Ort wird sich aber auf lange Sicht nichts ändern, und es bleibt bei einer reinen „Symptomdoktorei“ – oft auf Kosten der „geretteten“ Hunde, und auch der Menschen, die diese Hunde im festen Glauben, etwas Gutes zu tun, aufnehmen.
Wie man es also dreht und wendet: ohne ein Umdenken der Menschen vor Ort, aber auch derer, die im (Auslands-)Tierschutz tätig sind, wird keine Änderung der Situation herbeigeführt werden können. Und genau hier, bei Aufklärung und Ehrlichkeit bei der Vermittlung, sollte angesetzt werden, um auf lange Sicht eine Verbesserung der „Streuner“ zu erreichen. Das ist aber oft mühsamer, als das vermitteln einzelner, „nur dankbarer“ Straßenhunde.

Einen leider viel zu selten beachteten, aber ebenfalls nicht zu unterschätzenden, immer bedeutsameren Teil des Tierschutzes vor allem im ost- und südeuropäischen Ausland stellt zudem die Aufklärung, Betreuung und der Schutz über und von Hunden, die mit einer „Auslandsadoption“ aus ihrem gewohnten, für sie angenehmen Umfeld gerissen würden, dar. Nicht jeder Hund, insbesondere nicht jeder auf der Straße lebende oder gar dort aufgewachsene, augenscheinlich gesunde Hund, profitiert davon, aus seinem Alltag herausgerissen und in eine Fremde, für ihn völlig konträre Welt gesetzt zu werden. Aus diesem Vorgehen entstehen häufig massive Verhaltensprobleme, die sowohl zu einer Belastungsreaktion oder gar einer traumatischen Erfahrung des Hundes und ggf. durch das daraus resultierende Verhalten auch des Halters führen können. Insbesondere Straßenhunde – das zeigen eindrucksvoll die Beobachtungen von Günter Bloch, aber auch die von Gerd Schuster oder anderen, beispielsweise Stefan Kirchhoff – fühlen sich in ihrem Lebensumfeld wohl und leiden eher unter einer Verfrachtung in ein für sie fremdes und aus Straßenhundesicht wenig attraktives Land.
Auch bestimmte Rassen, vor allem Herdenschutzhunde, aber ebenfalls die derzeit zu ihrem Nachteil immer mehr in Mode kommenden Wolfhunde, seien es Rassewolfhunde oder Mischlinge, profitieren selten von der (unüberlegten) Anschaffung und einem Besitzer, dem die nötige Sachkunde sowie Erfahrung oder Passion im Umgang mit diesem Hunden fehlt. Das Training mit Tierheimhunden, die aufgrund ihres Verhaltens derzeit nicht vermittelbar sind, wird bedauerlicherweise viel zu selten im Atemzug mit Tierschutz erwähnt, dabei leistet vor allem die Arbeit mit Abgabehunden ebenso wie die Aufklärung über rassetypisches Verhalten, die Einrichtung spezieller Auffangstellen sowie die Mithilfe in diesen ihren Beitrag zum erfolgreichen, gut gemachten Tierschutz.

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Wolfhunde verschiedenen Wolfsanteils in einer deutschen Wolfhundauffangstation*

Im Tierschutz, in diesem Fall im Auslandstierschutz, gibt es einige, meist kleinere Organisationen, die eine hervorragende Arbeit leisten, die jene Hunde, die sie vor Ort über einige Zeit erleben können, bei sich aufnehmen, um dann zu entscheiden, ob und an wen sie vermittlungsfähig sind, die ehrlich über Verhaltensweisen und gesundheitliche Probleme aufklären und auch nach der Vermittlung noch beratend zur Seite stehen. Leider rücken solche Organisationen oftmals in den Schatten derer, die durch herzzerreißende Anzeigen, traurige Bilder und besonders unkomplizierte, für alles und jeden geeignete Hunde mit dafür erstaunlich bewegender Vergangenheit, ins Auge stechen. Vergleicht man Inserate von seriösen Organisationen mit denen, die vor allem auf eine schnelle Vermittlung möglichst vieler Hunde ausgelegt sind, werden schnell deutliche Unterschiede sichtbar.
Pflegestellen, besonders jene, die sich passioniert und mit dem nötigen Know-how einer Rasse oder eines Schlages annehmen, sind nahezu unerlässlich für gut gemachte Tierschutzarbeit. Doch auch solche, die Hunde erst mal aufnehmen, um für potenzielle Interessenten zu prüfen, ob der Hund wirklich in das geplante Lebensumfeld passt oder die mit jeder Art von (Auslands-)Tierschutzhunden betraut sind, sind von großer Bedeutung für den Tierschutz.
Die Aufnahme eines Hundes aus dem inländischen oder ausländischen Tierschutz hilft dem jeweiligen Individuum ebenfalls, ist jedoch verglichen mit dem Engagement im jeweiligen Land oder der Arbeit mit noch im Tierheim befindlichen Hunden ein kleiner, doch dennoch wichtiger Teil der Tierschutzarbeit.
Ebenso wichtig wie die Verbesserung der Situation im Ausland und die Prävention sind inländische Organisationen, die sich um bestimmte Rassen oder Hunde mit spezifischen Problemen kümmern, seien es Herdenschutzhundhilfen, Wolfhundauffangsstationen, Windhundnothilfen, Vereine für nordische Hunde oder solche, die sich aggressiven, ängstlichen oder jagdlich besonders begeisterten Hunden widmen. Persönliches Engagement, entweder im Training, in der Betreuung, der Versorgung oder durch Spenden und Veranstaltungen hilft, solche wichtigen Angebote zu erhalten und zu fördern. Wenn es um Tierschutz geht, kann jeder seinen Beitrag leisten, beim eigenen Hund, durch kritische Fragen, durch ehrliche Angaben, aber besonders durch handfesten Einsatz.

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Hütehundmischling aus Privatabgabe – aufgrund seines Verhaltens wird er durch Maulkorb und Leine gesichert*

*Alle gezeigten Hunde sind mir persönlich bekannt und stehen exemplarisch für gelungenen Tierschutz, da sie entweder in geeigneten Händen oder in kompetenten Tierheimen/Nothilfen leben

Canis Dingo – Ein Interview über das Zusammenleben mit Australiens Hundeartigen

„A cat in a dog suit with a monkey brain“ – so wird der australische Dingo von Haltern, Forschern und Auffangstationen in Australien beschrieben.

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Black and tan dingo living in the desert by Clarissa Human

Der australische Dingo ist ein umstrittener Kanide, der viele noch ungeklärte Fragen aufwirft. Während er in Teilen Australiens als „Pest Species“ gilt, steht er in anderen Staaten des Landes unter Artenschutz, in manchen darf er als Haustier gehalten werden, andere haben strenge Auflagen zur Haltung oder verbieten den Besitz des australischen Wildhundes komplett.
Nach dem aktuellen Forschungsstand gilt er weitläufig als Canis Dingo, eine eigene Subspezies der Gattung Canis, die wesentliche Unterschiede zu Haushunden und anderen Wildkaniden aufweist.
Der Dingo ist ein besonderer Hund, der dazu in der Lage ist, unabhängig von Menschen zu überleben, der erstaunliche Agilität beim Klettern auf Bäume, dem Erklimmen von Felswänden und dem Zwängen durch kleinste Zwischenräume beweist, der jedoch ebenso anpassungsfähig genug ist, um mit Menschen unter besonderen Voraussetzungen zusammenleben, im Gegensatz zu anderen Wildkaniden selbst dann, wenn er in der Wildnis geboren und aufgewachsen ist.
Neben Gemeinsamkeiten mit ursprünglichen Hunden, insbesondere dem Basenji, beispielsweise dem Heulen als Hauptkommunikation oder dem lediglich einmaligen Paarungszyklus innerhalb eines Jahres, weisen sie einige charakteristische Unterschiede auf, vor allem in Bezug auf ihre physiologischen Fähigkeit, unterschiedlichem Körperbau und höherer Intelligenz.
Dingos gelten als in der Lage, ihre Hüften auszurenken, um zu klettern oder durch besonders schmale Zwischenräume zu passen, sie können ihre Pfotengelenke um die eigene Achse drehen, ihren Kopf komplett nach hinten verdrehen und können mit ihren Pfoten Gegenstände greifen, drehen und festhalten. Bei Dingos wurde erstmals „tool-use“, die Benutzung von Gegenständen zu einem bestimmten Zweck, festgestellt. Es wurden Dingos und deren Mischlinge dabei beobachtet, Stühle zu verschieben, um an die Türöffnung zu gelangen oder andere Gegenstände zu erreichen.

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Pregnant dingo female climbing the top of a tree by Australian Dingo Foundation

Ich habe mich für ein Interview mit zwei Dingohaltern, die seit Jahren mit diesen Tieren leben, sie aufziehen und vermitteln, entschieden. Ihnen sind Unterschiede zwischen gezüchteten, wildgeborenen und mit Hunden vermischten Dingos kennen, persönlich bekannt und sie können die verschiedenen Anforderung an die Haltung von Dingos und Haushunden hervorstellen.

Das Interview

Joshua Said ist Leiter der Dingoauffangstation „Dingo Den“ in Sydney, kümmert sich seit 2014 um die Erhaltung und den Schutz reiner Dingos sowie um die Aufzucht, Beherberung und Vermittlung von Dingos und Dingomischlingen. Er lebt zusammen mit einem Dingomischling.

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Joshua Said together with Alpine Dingo puppies by Dingo Den Rescue

Wie würden Sie die Unterschiede zwischen reinen wildgeborenen Dingos und den Dingo-Haushund-Mischlingen, die Sie vermitteln, beschreiben?

–  „Bei jeder Diskussion in Bezug auf reine Dingos und Mischlinge ist es wichtig, sich daran zu erinnern, dass jedes Tier einzigartig ist und dass seine Lebenserfahrungen seine Verhaltensweisen und Temperament maßgeblich beeinflussen. Zwei reine wildgeborene Dingos können sehr unterschiedlich in ihrem Verhalten sein, ebenso wie in Gefangenschaft gezüchtete Dingos sich gegenseitig unterscheiden. Das Gleiche gilt für Mischlinge, wildgeboren oder handaufgezogen.

Typischerweise wird ein wildgeborener reinrassiger Dingo sich ähnlich wie ein wildgeborener Mischling verhalten, während ein in Menschenhand aufgewachsener Dingo oftmals anders ist. Die Lebenserfahrungen und Instinkte bestimmen das Verhalten mehr als die Genetik – doch dennoch spielt die Genetik eine wichtige Rolle. Ein Tier, das zum Teil Dingo ist, wird sich nicht wie ein reiner Haushund verhalten, aber es kann sehr hündisch oder dingoartig in bestimmten Aspekten sein.
Einige gezüchtete, rein geborene Dingos, die ich getroffen habe, sind sehr hündisch in Bezug auf fügsames, manchmal unbeholfenes und sehr freundliches Verhalten Menschen gegenüber, wohingegen wildgeborene Mischlinge weit mehr dingoartig sind – wachsam, sensibel, sorgfältig, agil, körperbewusst und misstrauisch vor Menschen und ungewohnten Dingen.“

Können Sie anhand des Verhaltens eines wildgeborenen Dingos feststellen, ob jener reinrassig oder aus einer Kreuzung mit domestizierten Hunden entstanden ist?

–  „Wildtiere benötigen alle gewisse Eigenschaften, um zu überleben – unabhängig von der Reinheit tendiert jeder wildgeborene Dingo oder Dingomischling dazu, dasselbe Verhalten (Vorsicht, Scheu, Fluchttendenzen) in Bezug auf Menschen und andere Dingos zu zeigen. Ich kenne wildgeborene Mischlinge, die deutlich dingoartiger handeln als in Menschenhand aufgewachsene, reine Dingos.“

Inwiefern unterscheidet sich das Verhalten eines wildgeborenen Dingos und Dingomischling im Vergleich zu dem Verhalten eines bewusst gezücheten?

–  „In der Wildnis geborene Tiere sind viel vorsichtiger, ihr Überlebensinstinkt ist tief in ihnen verankert und alles, was nicht vertraut ist, ist eine potentielle Bedrohung. Anders als bei Hunden verändert sich dieses Verhalten für gewöhnlich nicht, wenn sie sich an menschliche Nähe gewöhnt haben, das Verhalten ist in jedem Aspekt deutlich ausgeprägter. Ihre Sinne sind ausgeprägt – sehen, hören, riechen – sie reagieren sehr empfindlich auf alles um sie herum, wohingegen einige handaufgezogene Dingos, vor allem diejenigen, die eine lange Zuchtgeschichte (über mehrere Generationen) haben, weniger starke Reaktionen auf Reize zu zeigen scheinen.
Dingos sind bekannt dafür, Ausbruchskünstler und Fluchttalente zu sein. Bei den Dingos, die wir in unserer Obhut gehabt haben, neigten wildgeborene Dingos häufiger dazu, sich zu verstecken und waren weniger damit beschäftigt, zu entkommen / zu erforschen. Da ihr Selbstvertrauen häufig gering ist, sind sie mehr daran interessiert, in Sicherheit zu sein als neue Orte zu erkunden. Das kann sich ändern, sobald sie selbstbewusster werden und sich an ihre menschnahe Umgebung gewöhnen.“

Welche Eigenschaften eines Dingos sind bei in Gefangenschaft gezüchteten Dingos weniger stark ausgeprägt?

–  „Ausweichen von Bedrohungen / potenziellen Gefahren, typischerweise entspannter gegenüber Menschen, mehr Selbstvertrauen, passen sich leichter an neue Dinge an, der Überlebensinstinkt ist nicht mehr so ausgeprägt, er zeigt sich zwar noch immer, wenn er benötigt wird, aber generell sind sie von Tag zu Tag entspannter.“

Wird ein Dingo-Hund-Mischling alle Eigenschaften eines Dingos aufweisen oder gibt es welche, die bei Mischlingen – je nach dem Dingoanteil – nicht mehr auftreten?

–  „Das hängt davon ab, ob wir von in der Wildnis geborenen oder in Menschenhand aufgewachsenen Dingos reden – auch der Dingoanteil spielt dabei eine wesentliche Rolle.
Bei wildgeborenen Tieren gleichen die Merkmale meist denen reiner Dingos, auch bei niedrigprozentigen Tieren.
Hochprozentige in Menschenhand aufgewachsene Dingos können alle oder die meisten Eigenschaften teilen, während niedrigprozentige Mischlinge oftmals eher der Hunderasse, mit der sie vermischt sind, ähneln.
Ich habe festgestellt, dass einige mittelprozentige Tiere einen kleineren Vokalisierungsbereich haben als reine Dingos oder niedrigprozentige Mischlinge. Sie haben das weder das katzenartige Schnurren noch andere Klänge, die reine Dingos aufweisen, aber ihnen fehlt ebenso die Fähigkeit, in der gleichen Weise zu bellen, wie es ein Haushund tut. Die, mit denen ich zu tun hatte, schienen eher leise Tiere zu sein.“

Was macht Dingohaltung besonders anspruchsvoll, welche Merkmale weichen vorrangig von Hundehaltung ab?

– „Auslastung – Ausbruchsversuche. Die Ernährung unterscheidet sich maßgeblich – Dingos können bestimmte Fette und Kohlenhydrate nicht verstoffwechseln, sodass sie eine rohe, fett- und kohlenhydratarme Ernährung bereitgestellt bekommen sollten. Die körperliche Fähigkeiten unterscheiden sich sehr – sie haben ausgeprägte Talente zu springen, zu klettern, ihre Pfoten zu benutzen, um die Dinge zu öffnen, ihre Hüfte auszukugeln und ihren Kopf bis in den Nacken zu drehen. Der Zuchtzyklus unterscheidet sich von Hunden, sie sind nur einmal im Jahr paarungsfähig, sie haben keinen Körpergeruch und sind meist recht sauber. Viele gehen ins Badezimmer, um sich an einer Stelle zu entleeren, da sie es gern sauber mögen.
Bei wildgeborenen Dingos kann all das deutlich extremer sein, es wird generell nicht empfohlen, sie als Haustiere zu halten, da ihr Verhalten wildtierartig bleibt.“

Welche charakteristischen Merkmale weisen alle Mischlinge auf, auch welche, die aus Kreuzungen mit ungewöhnlichen Rassen, beispielsweise Pudel oder Hunden vom Pitbull-Typ entstanden sind?

– „Es gibt kein Verhaltensmerkmal, das immer vorhanden ist. Eines der häufigsten Merkmale könnte Schüchternheit oder Jagdverhalten sein. Nichtsdestotrotz wird sich auch ein niedrigprozentiger Mischling immer etwas anders als ein Hund verhalten – und man sieht ihm den Dingoanteil an.“

Dingos im Haus – worauf muss man achten, welche besonderen Vorkehrungen müssen getroffen werden, was unterscheidet sich in der Haltung von Haushunden? Welche Verhaltensweisen zeigen Dingos im Haus?

– „Die meisten Betreuer unserer Auffangstation finden domestizierte Dingos vor allem in Bezug auf deren Auslastung anspruchsvoll; Dingos mögen Herausforderungen und finden schnell heraus, wie sie Dinge umsetzen können. Sie sind dafür bekannt, große Ausbruchskünstler zu sein und genießen es, Sachen zu erforschen. Sie betrachten Menschen als Teil ihrer Familie und wollen immer dort sein, wo der Halter ist. Verlässt ein Familienmitglied das Haus, tun sie meist alles, um ihm zu folgen. Sie mögen es nicht, Dinge zu verpassen – sei es Zeit, Aufmerksamkeit oder Essen. Wildgeborene Dingos machen sich in der Regel nicht gut im Haus, sie werden sich selten daran gewöhnen, drinnen zu leben, werden Angst vor allem haben, vor allem vor neuen Dingen. Sie zerstören viel, stehlen, erforschen. Sie sind sehr neugierig und sehr vorsichtig, sie lernen normalerweise nicht, sich im Haus zu benehmen.“

 

Jen Parker und Gary Taylor leben bereits seit 11 Jahren mit australischen Dingos zusammen und besitzen derzeit drei reine Bergdingos. Sie haben zusammen den Aussie Canis Dingo Day gegründet und setzen sich für die Aufklärung über das Verhalten des Dingos und seinen Artenschutz ein. Sie sind an einigen Aufklärungsprojekten beteiligt und stehen im Diskurs mit dem australischen Umweltministerium (Department of Environment and Energy) sowie dem Artenschutzbeauftragten (Threatened Species Commissioner).

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Gary Taylor and two of his adult Alpine dingoes on a beach in Victoria by Jen Parker

Wie würden Sie die Unterschiede zwischen einem Dingowelpen und einem Haushundwelpen beschreiben? Sind Dingowelpen unabhängiger, entwickeln sie sich schneller, sind sie scheuer?

–  „Bereits als Welpen sind sie sehr unabhängig und sie entwickeln sich deutlich schneller als Hunde. Sie sind scheuer Menschen gegenüber, aber extrem neugierig, sie wachsen schneller, sehen schneller erwachsen aus und sind bereits sehr früh deutlich eigenständiger und klüger in ihrer Handlungen als alle Hunde, die ich aufgezogen habe.“

Haben Sie jemals einen Hund erlebt, der die Agilität und die körperlichen Fähigkeiten eines australischen Dingo beim Klettern, Springen oder Laufen teilt?

–  „Als ich verheiratet war, hatte ich einen Cattle Dog, der viele Dingocharakteristika aufwies, der nie so agil war. Ich habe noch keinen Hund erlebt, der klettern oder springen konnte wie ein Dingo, der in der Lage war, seine Pfoten einzusetzen, um sich Zugang zu jedem Bereich im Haus zu verschaffen oder der Felsen, Bäume oder Zäune hochklettern konnte, wie es jeder Dingo kann.“

Worin liegen die offensichtlichen optischen und charakterlichen Unterschiede zwischen Dingos und domestizierten Hunden, welche Unterschiede stechen sofort ins Auge?

–  „Ich habe festgestellt, dass die Haltung von Dingos erfolgreicher ist, wenn man sie als Familienmitglieder ansieht und auf Augenhöhe behandelt, anstatt sie wie einen Haushund oder ein Haustier aufzuziehen – während Hunde meistens unterwürfig sind und sich auf die Anleitung ihres Besitzers verlassen, sind Dingos absolut eigenständig, sie haben nicht das gleiche Bedürfnis nach Führung wie Hunde und folgen nur der Person, der sie vertrauen. Dieses Vertrauen entsteht durch Bindung, dadurch, dass man sie mit Respekt behandelt und ihnen ihre Unabhängigkeit zugesteht.
Neben dem Verhalten von Dingos, ihrer Intelligenz, der Eigenwilligkeit, gibt es offensichtliche physiologische Unterschiede – Dingos sind nur einmal jährlich paarungsbereit, die meisten Hunde sind das zweimal. Als ein natürliches Raubtier weisen sie keinen Körpergeruch auf. Der Schädel ist der breiteste Teil der Anatomie eines Dingos, das sichert jenem das Überleben, da sein Körper dem Kopf durch jedes Hindernis folgen kann, unabhängig davon, wie eng der Zwischenraum des Hindernisses ist. Ihre Zähne sind viel schärfer und größer als die eines Hundes. Dingos zu haben extrem flexible Gelenke, eine Duftdrüse, die sich am Schwanz befindet. Sie unterscheiden sich von Hunden in ihrer Gangart, bei der Platzierung ihrer Vorder- und Hinterfüße beim Gehen – sie schnüren, ebenso wie andere Wildcaniden.“

Wo gehen Sie mit Ihren Dingos spazieren? Gibt es bestimmte Gebiete, in denen sie von der Leine gelassen werden können? Wie reagieren sie auf Fremde, neue Dinge, Beutetier

–  „Wir gehen mit unseren Dingos sowohl mit als auch ohne Leine spazieren, in der Wildnis oder am Strand. Die Dingos sind unabhängig, eigensinnig, unglaublich intelligent und sehr intuitiv. Ihr Jagdverhalten ist stark ausgeprägt.
Unsere Dingos reagieren auf den Rückruf, wenn sie sich dazu bereitfühlen, aber nicht, wenn einer von uns ruft und sie etwas, das aus ihrer Sicht wichtiger ist, zu tun haben. Sie kommen, wann sie möchten – und lassen es, wenn sie nicht wollen.“

Haushaltung bei Dingos – werden sie stubenrein? Hören sie auf, Dinge zu stehlen und ausgeprägte Neugier zu zeigen? Gibt es so etwas wie einhaltbare Hausregeln im Zusammenleben mit einem Dingo?

–  „Das Haustraining und die Stubenreinheit war bei unseren Dingos sehr einfach, sobald sie aßen oder tranken, nahmen wir sie mit nach draußen, dadurch lernten sie, an die Tür zu klopfen, um rausgelassen zu werden, aber das ist nicht bei allen so, manche Dingos lernen das sehr langsam oder gar nicht.
Sie konnten sich die Tür bei Bedarf ebenfalls selbst öffnen.
Es ist am besten, sie draußen in einem großen Gehege zu halten, da sie Fluchtkünstler, Kletterer und Buddeltalente sind, viele sind damit in der Wohnung überfordert. Viele Dingos fühlen sich in der Wohnung ebenfalls nicht wohl, sie beobachten gern alles, was um sie herum passiert und mögen es, ihren Lebensraum selbst zu gestalten.“

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Dingo puppies by Australian Dingo Foundation

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Einmaleins Kanidenverhalten

Teil 4 – Schnauzgriff im innerartlichen Kontext

Der Schnauzgriff ist ein häufig missverstandenes Verhalten in der innerartlichen Kommunikation von Hunden. Meist wird er unter miteinander verwandten oder sehr lange zusammenlebenden Hunden, von denen häufig einer die Rolle des Verantwortungsträgers und Erziehers übernommen hat, angewendet – unter fremden Hunden wird ein Schnauzgriff nur in Ausnahmefällen gezeigt.

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Liebevoller Schnauzgriff zwischen Bruder (schwarz) und Schwester (grau)

Ein Schnauzgriff hat unterschiedliche Funktionen: er kann sowohl eine unterbindend wirken, wenn ein Welpe / Junghund / Geschwisterchen die Grenzen eines Verwandten / mit ihm zusammenlebenden Hundes überschreitet, er kann aber auch als liebkosende Geste unter vertrauten und verwandten Hunden innerhalb einer Gemeinschaft verwendet werden – das hängt vom Kontext und der Intensität ab.
Einem „Über-den-Fang-Greifen“ des Hundes gehen bei einem Unterbinden eines unerwünschten Verhaltens verschiedene defensive und offensive Kommunikationswerkzeuge voraus, ein Schnauzgriff wird niemals ohne vorherige Warnung angewendet. Häufig dient jener dazu, ein übermäßig forderndes oder für den anderen Hund schmerzhaftes Verhalten zu unterbrechen, beispielsweise bei zu stark saugenden Welpen, bei ruppigem Spiel oder bei einem harmlosen Disput um Ressourcen.
Als Zeichen der Zuneigung wird das „Über-den-Fang-Greifen“ ohne Warnsignale und ohne einen Konflikt ausgeführt, beispielsweise in einer harmonischer Rangelei, nach dem gegenseitigen Putzen oder während des sonstigen Körperkontaktes.

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Verwarnender Schnauzgriff mit höherer Intensität nach zu aufdringlichem Spiel, ohne sichtbares Meideverhalten und Anzeichen von Schmerzen oder Unbehagen

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Rollenwechsel nach Zuneigung und Spiel – was gefährlich aussieht, ist für keinen der Beiden schmerzhaft oder unangenehm

Ein Schnauzgriff dient nicht dazu, wehzutun, der Fang wird dabei niemals (wie es fälschlicherweise bei Menschen passiert) zugedrückt, ein Hund legt lediglich seine Zähne um bzw. auf den Fang und übt leichten Druck aus. Insbesondere Elterntiere sind ausgesprochen geduldig mit ihren Nachkommen; beim ersten Schnauzgriff quieken Welpen mitunter aus dem Schreck heraus, ältere Hunde tun dies nicht mehr. Vor allem beim Liebkosen sieht diese Geste und die Reaktion darauf völlig anders aus, der Schnauzgriff wird als angenehm empfunden.
Meist dient der Schnauzgriff als Zeichen der Zuneigung oder als freundliches „Lass das.“ Das, was Menschen daraus machen, ist er eindeutig nicht.