Der Fuchs – ein Schlüssel zur Domestikation des Hundes?

Bei der Domestikation des Hundes steht der Wolf als Vorfahre im Fokus der Untersuchungen – doch auch andere Hundeartige liefern zum Teil neue Blickwinkel und interessante Schlussfolgerungen in Bezug auf die Zahmwerdung des Wolfes. Wölfe wurden vor etwa 20.000 bis 40.000 Jahren domestiziert, sie stehen seit etlichen Jahren im Mittelpunkt wissenschaftlicher Forschungen rund um den Hund. Der Wolf soll sich dem Menschen angeschlossen haben und schlussendlich zum Hund geworden sein – doch auch andere Wildtiere exponieren ihren Lebensraum mehr und mehr in menschennahe Gebiete und lassen sich dauerhaft in dicht besiedelten Gegenden nieder. Durch die Ausbreitung ihres Lebensmittelpunktes in urbane Gebiete verändert sich auch ihr Verhalten: sie verlieren ihre Scheu und zeigen einige Tendenzen, die sich vom scheuen Wildtierverhalten zur hundeähnlichen Zahmheit wandeln.
In fast allen größeren Städten, insbesondere in London, Dublin, Melbourne, aber auch in Berlin, Stockholm und Paris gehören Füchse mittlerweile zum Stadtbild. Durch die Ausbreitung ihres Lebensraumes in urbane Gebiete haben sich die Füchse an das Zusammenleben mit Menschen angepasst. Sowohl bei erwachsenen Füchsen als auch bei ihren Nachkommen lassen sich Habituationseffekte beobachten – sie zeigen sich offen Menschen gegenüber, sie bewegen sich arglos in bewohnten Gebieten, sie lassen sich häufig beobachten, fotografieren, anfüttern und sogar anfassen. Im Zuge der Gewöhnung an den neuen Lebensraum haben sie einige Verhaltensweisen wilder Tiere abgelegt – die meisten Stadtfüchse ernähren sich nicht mehr durch die Jagd, sondern plündern menschliche Abfälle, sie suchen mitunter gezielt menschliche Nähe, um Nahrungsmittel zu ergattern oder eine sichere Unterkunft zum Überwintern sowie für die Jungtieraufzucht zu finden. Das Verhalten von Stadtfüchsen erinnert in vielen Bereichen an das von Straßenhunden, die in keinem direkten Sozialverband mit dem Menschen leben, sich aber dennoch der Vorzüge des Zusammenlebens mit Menschen bedienen und häufig zwar abseits stark frequentierter Gebiete leben, aber dennoch in direkter Nähe zum Menschen verweilen.
Die Verhaltensweisen von Füchsen sind bei wilden Hundeartigen bisher nahezu einzigartig – Wildkaniden, beispielsweise Kojoten, die sich zwar auf urbane Gebiete ausgebreitet haben, verhalten sich in der Regel deutlich scheuer und meiden hochentwickelte, stark bewohnte Areale, während Wölfe in derartigen Gegenden nur in Ausnahmefällen anzutreffen sind.

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Red fox near a gas station in a Swedish city by Christian Taiga

Die Verbreitung von Rotfüchsen in Städten ist ein immer stärker auftretendes, in einigen Ländern bereits seit Langem bekanntes Phänomen. Rotfüchse leben in den Städten Europas, Nordamerikas, Australiens und Zentralasien. Besonders stark verbreitet sind Stadtfüchse in Großbritannien. In den 1930er Jahren breiteten sich vermehrt Füchse in London und Melbourne aus, in den 1980er Jahren begannen sie auch, sich in Zürich niederzulassen. Heute beherbergt Großbritannien etwa 33.000 Stadtfüchse, so die Mammal Research Unit der University of Bristol. Das sind etwa 14% der gesamten Fuchspopulation des Landes, allerdings ist bislang nicht bekannt, wie viele dieser Füchse allein in London leben.

Auch in anderen Gegegenden, zum Beispiel in Städten der Vereinigten Staaten, gehören urbane Füchse längst zum Landschaftsbild dazu. Die folgende Abbildung zeigt, wie Kojoten und Rotfüchse in Madison, USA unterschiedliche Habitate (X-Achse) im Verhältnis zu ihrer Verfügbarkeit als Lebensraum auswählten. Die Y-Achse stellt den Anteil des jeweiligen Lebensraums unterteilt in den Teil, den der Lebensraum von der Gesamtfläche des Untersuchungsgebietes in Anspruch nimmt, dar. Liegen die Ergebnisse auf der Skala über 1 bedeutet das, dass das jeweilige Tier diesen Lebensraum bevorzugt aufsucht, wohingegen Ergebnisse unterhalb dieses Wertes dafür sprechen, dass der Lebensraum eher gemieden wird.
Die Untersuchungen in Madison zeigen, dass Kojoten ihren bevorzugten Lebensmittelpunkt in natürliche Gebiete legen, wohingegen Füchse sich deutlich varibaler bei der Wahl ihres Lebensraums zeigen, jedoch moderat entwickelte Gebiete und Gebiete mit naturnaher Bepflanzung bevorzugt aufzusuchen scheinen.

Zur Erläuterung der Angaben:
„Developed open“ bezieht sich auf Bereiche mit großen Rasenflächen, z.B. Sportplätze, Stadtparks, brachliegende Weiden, Gartenanlagen
„High Development“ bezieht sich hauptsächlich auf kommerzielle und industrielle Landnutzung, z.B. Einkaufszentren, Teile des Campus und der Innenstadt.
„Moderate Development“ umfasst hauptsächlich Wohngebiete.
„Natural“ umfasst Naturgebiete wie Wälder, Wiesen und Feuchtgebiete im Untersuchungsgebiet.

 

21192329_1981142635456368_4547170817215317783_nScale by UW Urban Canid Project

Um den Radius des Besiedlungsgebietes zu bestimmen, wurden Füchse und Kojoten über wenige Jahre mit Ortungshalsbändern ausgestattet, die ihre Bewegungen dokumentierten. Die untere Grafik zeigt, in welchen Gebieten sich Füchse (rot) und Kojoten (blau) in den letzten Jahren aufgehalten haben. Die Messungen beziehen sich lediglich auf Gebiete, in denen sich die Tiere im Zeitraum der Untersuchungen dauerhaft aufgehalten haben. Diese Untersuchungen geben sowohl Aufschluss auf den Radius als auch auf die Präferenzen des Lebensraumes, indem sie zeigen, wie weit die jeweiligen Tiere sich durchschnittlich in ihrem Niederlassungsort bewegen und welche Landschaftsmerkmale für die jeweilige Art wichtig sind (UW Urban Canid Project, 2017).

Diese Untersuchungen zeigen, dass sich Füchse, im Gegensatz zu Kojoten, deren Verbreitung in urbanen Lebensräumen vergleichsweise stärker ist als die von Wölfen, deutlich stärker besiedelte Gebiete als Niederlassungsorte aussuchen als es andere Hundeartige tun. Während sich Kojoten sowohl in Kanada als auch in vielen Teilen der vereinigten Staaten bis in die Städte ausgebreitet haben, ist der Lebensraum von Wölfen noch immer stark auf naturnahe Gebiete beschränkt. In Chicago leben laut der Ohio State University derzeit circa 2000 Kojoten in Stadtnähe. Durch den Einbruch des natürlichen Lebensraum wandern auch vereinzelt Bären, Raubkatzen und andere Wildtiere, zum Beispiel Dachse in die Städte. Beobachtungen von Wölfen, die sich dauerhaft in Stadtnähe niedergelassen haben, gibt es jedoch bislang nicht. Man geht weitestgehend davon aus, dass sich ediglich Jungwölfe, unerfahrene oder hungerleidende, in Not geratene Tiere sich städtischen Gebieten annnähern. In Australien breiten sich etwa 19% der juvenilen Dingos in größere Städte aus – in Einzelfällen lassen sich erwachsene Tiere dort sogar bis zu 75% ihrer Zeit nieder, wie Untersuchungen von Allen et. al gezeigt haben. In Südaustralien leben ebenfalls eine hohe Anzahl Füchse bis zu 16 Tiere pro Quadratkilometer, viele davon in Victoria und Sydney.
Die Ansiedlung von Wildkaniden in Städten hat unterschiedliche Gründe, ist jedoch in den meisten Fällen auf eine Einschränkung des natürlichen Lebensraumes zurückzuführen. Während Kojoten durch die Ausbreitung in stadtnahe Gebiete eine ökologische Nische gefunden haben, um den oftmals tödlichen Konfrontationen mit Wölfen und anderen Raubtieren zu entgehen, haben sich Dingos aufgrund der starken Vermischung mit Haushunden in menschennahe Gegegenden ausgebreitet, da ihre Überlebenschancen in natürlichen Gebieten infolgedessen eingeschränkt sind. Wölfe hingegen sind deutlich seltener in urbanen Regionen anzutreffen, da ihr Lebensraum stabiler und weniger durch andere Raubtiere bedroht ist, während die Überlebenschancen in urbanen Gebieten bedeutend geringer als in natürlichen Regionen sind. Eine weitere Erklärung für das hohe Aufkommen von Füchsen verglichen mit anderen Tieren, insbesondere mit Wölfen, ist die Duldung der Population. Größere Hundeartige, allen voran der Wolf, werden häufiger als Bedrohung wahrgenommen als Füchse und infolgedessen stärker vergrämt und bejagt. Es liegt nahe, dass sich die Scheu des Wolfes durch die jahrhundertelange Bejagung durch den Menschen deutlich verstärkt hat, Wölfe jedoch vor der Domestikation in Menschennähe lebten und Anpassungstendenzen zeigten, wohingegen die Nähe zu Menschen zur heutigen Zeit häufig tödlich endet. Auch Kojoten und Dingos haben im Vergleich zu Füchsen eine deutlich geringere gesellschaftliche Akzeptanz und sind in Menschennähe weniger geduldet.

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Graphic by UW Urban Canid Project

Auch Fuchswelpen werden zunehmend in Städten geboren. Bauten unter Verandas, Schuppen oder Gartenhäusern sind in urbanen Gebieten nicht ungewöhnlich. Allein in Großbritannien werden von März bis April jedes Jahr circa 425,000 Fuchswelpen geboren, circa 6400 (15%) davon in städtischen Regionen. Bereits mit vier bis fünf Wochen verlassen Füchse ihre Höhle und erkunden die Umgebung, mit neun Wochen begeben sie sich gemeinsam mit ihren Eltern auf Nahrungssuche. Bereits in dieser Zeit beobachten sie das Verhalten ihrer Eltern und lernen, die Gefahren ihrer Umwelt einzuschätzen. Anders als in naturnahen Gebieten gehen die Jungfüchse häufig nicht auf die Jagd, sondern plündern menschliche Abfälle und betteln an Ständen um Nahrungsreste. Im Gegensatz zu Füchsen, die in abgelegenen, natürlichen Arealen leben, weisen Stadtfüchse meist ausgesprochen wenig Scheu Menschen gegenüber auf und flanieren auch tagsüber durch die Städte.

Trotz der Gewöhnung an den Menschen liegt die Lebensdauer von Füchsen in stark frequentierten Gebieten durchschnittlich lediglich bei 18 Monaten. Oft werden sie von Hunden getötet, sterben an Krankheiten oder werden überfahren, in naturnahen Gebieten lebende Füchse werden hingegen 2-4 Jahre alt. Nichtsdestotrotz gibt es einige Füchse, die auch in Städten deutlich älter werden und lernen, mit den Gefahren ihres Lebensraums umzugehen. Diese Erfahrungen geben sie später an ihren Nachwuchs weiter, der durch das Beobachten seiner Elterntiere lernt, sich später ebenfalls umsichtig in den dicht besiedelten Gebieten zu bewegen, Gefahren zu vermeiden und die Annehmlichkeiten des Lebens in Menschennähe – Unterschlüpfe unter Gartenhäusern, sichere Nahrung aus Mülltonnen und offenstehenden Häusern und mitunter wohlwollende Gesten seitens der Anwohner – zu genießen.
Jene erwachsenen Füchse, die bereits seit Generationen in städtischen Gebieten leben, geben die nötigen Überlebensstrategien auch an ihre Welpen weiter. Die Tiere, die sich in den Städten aufhalten, sind oftmals erstaunlich wenig gestresst. Untersuchungen an zahmen Füchsen haben gezeigt, dass die Tiere bereits nach gezielter Selektion über drei bis vier Generationen einen deutlich niedrigeren Cortisolspiegel im Kontakt zu Menschen aufweisen als die Tiere aus der Vergleichsgruppe wilder Füchse. Jene zahmen Tiere haben im Umgang mit Menschen erheblich weniger Stress und geben diese Entspanntheit auch an ihre Welpen weiter, sowohl durch epigentische Prozesse als auch durch bereits in frühen Stadien gezielter Selektion auftretende, vererbbare Veränderungen der HPA-Achse, die unter anderem für die Steuerung von Stresshormonen verantwortlich ist (Trut et. al, 2009).
Eine Anpassung an die Gegebenheiten ist jedoch nicht nur durch künstliche, sondern auch durch natürliche Selektion möglich. Es ist in Betracht zu ziehen, dass jene Füchse, die sich auf urbane Gebiete ausgebreitet haben, nicht nur eine erlernte Zahmheit den Menschen gegenüber durch Gewöhnung an diese (Habituation) zeigen, sondern jene auch durch erblich bedingte genetische Veränderungen erlangt haben.

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Fox cub near village by Christian Taiga

Füchse leben nicht nur in Städten, sondern auch immer häufiger in Privathaltung. Insbesondere in urbanen Gebieten gibt es mittlerweile zahlreiche Fuchsnothilfen, vor allem in England und den U.S.A., aber auch in Australien. Bei den dort lebenden Tieren handelt es sich häufig um in Städten geborene, verwundete Tiere, Tiere aus Pelzfarmen, aber auch um ausgesetzte oder beschlagnahmte Haustiere – manchmal jedoch finden sogar in der Wildnis geborene Füchse dort eine neue Zwischenstation, bis sie ausgewildert werden können oder ein dauerhaftes Zuhause in menschlicher Obhut finden.
Die Auswilderung von Füchsen gestaltet sich ausgesprochen schwierig – vor allem Tiere, die aufgrund einer Verletzung pflegebedürftig sind, die bereits in der Nähe von Menschen aufgewachsen sind oder die bereits sehr früh gefunden wurden, lassen sich häufig nicht mehr an ein Leben in der Natur gewöhnen. Die Anpassung an menschliche Gegebenheiten findet bei Füchsen oftmals deutlich schneller statt als bei anderen Wildtieren. Im Gegensatz zu Wölfen und Kojoten, aber auch zu anderen Hundeartigen, sind in der Wildnis aufgewachsene Füchse meist sehr zugänglich und fassen schnell Vertrauen zu menschlichen Bezugspersonen. Nothilfen, die sich Wölfen und Kojoten, die in der Natur geborenen wurden, annehmen, berichten häufig davon, dass jene Tiere meist jahrelang, zum Teil sogar bis an ihr Lebensende, scheu bleiben und ihre Angst vor fremden Menschen sowie unbekannten Situationen nicht verlieren.

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Tame foxes in need by Sydney Fox Rescue

In Haustierhaltung zeigen sich Füchse ebenfalls erstaunlich anpassungsfähig – die meisten Füchse, die in Privathaltung leben, stammen aus Pelzfarmen, Privatzüchtungen, die auf Pelzfarmverpaarungen zurückführen oder sind wild geborene Füchse, die nicht wieder ausgewildert werden konnten. Sogenannte domestizierte Füchse, die im Rahmen des „Silver Fox Projects“ gezüchtet worden sind, sind ausgesprochen selten. Es leben derzeit circa 30 Füchse, die direkt aus der Zucht in Novosibirsk stammen, in den Vereinigten Staaten von Amerika, einige andere leben in Europa, verteilt auf Deutschland, die Schweiz, die Niederlande, Großbritianen und Polen.
Neben den Füchsen von Dmitry Belyaev und Lyudmila Trut aus dem „Silver Fox Project“ in Novosibirsk, die im Gegensatz zu wilden Füchsen sowohl genetische als auch phänotypische Unterschiede, beispielsweise Veränderungen der Fellfarbe bis zu weißen Flecken, Scheckungen, Schlappohren und Ringelschwänzen zeigen, weisen auch Füchse aus Pelzfarmen selektionsbedingte Unterschiede auf. Ihr Fell ist durch die Selektion auf Pelzproduktion deutlich länger und dichter als das ihrer wild lebenden Verwandten, sie haben oftmals eine rundere Kopfform, rundliche Augen und weisen weiße Zeichnungen im Gesicht, an großen Teilen oder Rute oder am Rumpf auf. Füchse, die in Menschenhand aufgewachsen sind, zeigen meist starke Anzeichen von Habituation, es gibt einige bekannte Fälle, in denen sich Füchse, die in der Wildnis aufgewachsen sind und aufgrund eines Unfalls in menschliche Obhut aufgenommen wurden, erstaunlich schnell deutliche Zahmheit zeigten. Ähnlich wie bei Hunden oder Katzen beobachten die Halter dieser Tiere, dass jene aufgrund ihrer Neugier dazu neigen, negative Ereignisse weniger intensiv zu bewerten als andere Wildtiere und infolgedessen sowohl explorationsfreudiger als auch deutlich weniger neophob zu sein. Fälle, bei denen wild geborene Wölfe oder Kojoten derart an das Zusammenleben mit Menschen gewöhnt werden konnten, dass sie in der Lage waren, ohne übermäßige Ausschüttung von Stresshormonen im Haus zu leben oder an der Leine zu laufen, sind bislang kaum bekannt. Das Verhalten von Füchsen erinnert auch in dieser Hinsicht eher an das von wild geborenen Haushunden oder verwilderten Hauskatzen als an das anderer wildlebender Hundeartiger.

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Pet fox living in Russia by Anastasia Men

Die erstaunliche Anpassungsfähigkeit des Fuchses ermöglicht es ihm, sich in unterschiedliche Lebensräume integrieren zu können. Er ist nicht nur in der Lage, sich im dichten Unterholz einen sicheren, ungestörten Lebensmittelpunkt einzurichten, sondern kann auch in den Weiten der Großstädte seine Heimat finden und sich die menschlichen Annehmlichkeiten zunutze machen. Die schnelle Gewöhnung an ein Leben in menschlicher Obhut sowie die verglichen mit wilden Canis-Formen einfache Zahmwerdung des Fuchses sind bisher einzigartig. Die bereits nach wenigen Generationen präsente, vererbbare Offenheit lässt, ebenso wie die Ausbildung anderer Domesikationsmerkmale, zumindest vermuten, dass sich die verhaltensspezifischen Merkmale und die gute Habituationsfähigkeit wie auch die Neugier außerordentlich positiv auf die Zahmwerdung des Fuchses ausgewirkt haben.
Anders als in der Wildnis lebende Füchse zeigen freilebende Füchse in urbanen Regionen Verhaltensweisen, die für Wildtiere allgemein untypisch sind – es ist wahrscheinlich, dass sich Tendenz zur Assimilation, dazu, sich bei Tageslicht in besiedelten Gebieten zu bewegen und selbst Jungtiere in direkter Nähe menschlicher Lebensräume aufzuziehen, ausgesprochen positiv auf die Zähmung und die Domestikation des Fuchses ausgewirkt hat. Inwieweit bereits bei freilebenden Füchsen in urbanen Gebieten Veränderungen des sympathischen Nervensystem und der Nebennieren, die für eine verringerte Stress- und Angstreaktion im Kontakt zu Menschen sowie eine damit einhergehende Zahmwerdung verantwortlich sind, aufgetreten sind, ist derzeit leider nicht bekannt – es wäre jedoch eine interessante Untersuchung in Bezug auf die Domestikation wilder Hunde.
http://www.abc.net.au/news/2017-06-27/why-are-there-so-many-foxes-in-melbourne/8654868

http://www.abc.net.au/news/2016-08-09/sydney-urban-fox-numbers-reduced/7704634html

http://agriculture.vic.gov.au/agriculture/pests-diseases-and-weeds/pest-animals/invasive-animal-management/established-invasive-animals/integrated-fox-control-for-urban-and-semi-urban-areas

Animal evolution during domestication: the domesticated fox as a model – Trut et. al

http://unis.mcgill.ca/en/uw/mammals/coyotes_wolves.

https://www.sciencedaily.com/releases/2012/10/121005100909.htm

http://www.thefoxwebsite.net/populations/

Vorschaubild: Black Isle Nature Photography

Von Impulskontrollstörungen zum unerwünschten Verhalten des Hundes

Bei Verhaltensstörungen des Hundes werden oftmals übersteigerte Aggression, stereotypes Verhalten oder verhaltens- respektive objektbezogene Süchte betrachtet. Ein wichtiger Faktor bei unangemessener Aggression, aber auch bei unkontrollierbarem Jagdverhalten oder bei der Entstehung von Sucht ist eine Impulskontrollstörung.
Die Fähigkeit zur Impulskontrolle ist vorrangig genetisch bedingt, jedoch kann die Bereitschaft, Handlungen zugunsten anderer Verhaltensweisen zu hemmen, trainiert werden. Neben endogenen Ursachen für Impulskontrollschwächen können auch exogene, also umweltbezogene Erfahrungen, eine Rolle spielen. Verantwortlich für eine erworbene Schwäche der Impulskontrolle können sowohl neurologische Veränderungen, die durch anhaltenden Stress (erhöhte Cortisolproduktion und Hemmung der präfrontal-cortexalen Funktion) als auch erziehungsbedingte Defizite der Frustrationstoleranz sein. Ebenso stellen durch den Halter verursachte Süchte, häufig in Bezug auf Bewegungsreize, einen wesentlichen Faktor dar.

Bei der Entstehung von Impulskontrollstörungen spielt vorrangig die Amygdala, die für die emotionale Einstufung und die erlernten Assoziationen zwischen motivational relevanten sowie neutralen Reizen verantwortlich ist, eine große Rolle. Daneben ist der orbitofrontalen Cortex (OFC) von Bedeutung, welcher für die Koordination der zu erwartenden Resultate des jeweiligen Verhaltens verantwortlich ist; auch der anterior cinguläre Cortex (ACC), der für die Unterscheidung von relevanten und irrelevanten Erfahrungen ebenso wie für kognitive Kontrolle bedeutsam ist, in diesem Kontext wichtig. Der Hippocampus, der Verbindungen zwischen relevanten Erinnerungen in Bezug auf die jeweilige, derzeitige Motivation herstellt wie auch der Septal Nuclei, der Informationen für primitive Motivationen wie Nahrungsaufnahme und sexuelle Stimulierung bereitstellt, sind zusätzlich für die Fähigkeit, Impulse zu kontrollieren, verantwortlich.  [1, 4, 5-8]

Im Zusammenhang mit selbstbelohnendem Verhalten ist auch der Nucleus accumbens (NAcc), als Teil des mesolimbischen Systems, dem sogenannten Belohnungssystems, von erheblicher Bedeutung. Der Nucleus accumbens besteht aus einer Schale und einem Kern, die unterschiedliche, miteinander kooperierende Funktionen ausführen. Die Schale des NAcc ist wichtig, um motivationsbedingte Salienzen, die für die Hervorhebung der Wichtigkeit eines Reizes verantwortlich sind, zu modulieren, während der Kern stärker mit der Anwendung erlernter Verhaltensweisen, die für die jeweilige Motivation relevante Ereignisse in Aussicht stellen, verantwortlich ist.
Bei selbstbelohnenden Verhaltensweisen, zu denen auch Süchte gehören, werden die Regulationsprozesse des Nucleus accumbens gestört und dopaminerge Systeme aktiviert, die im Zusammenspiel mit einer erhöhten Cortisolproduktion zu einer Hemmung des präfrontalen Cortex und zu einer verminderten Fähigkeit der Impulskontrolle führen können.
Die Neurophysiologie der Sucht ist unter anderem aufgrund der hohen Übertragbarkeit und guten Kontrollierbarkeit von Tierversuchen derart gut erforscht. Eine Ratte zeigt das gleiche Zwangsverhalten, das man bei einer Person, die nach Suchtbefriedigung strebt, sehen würde – ebenso ist es beim Hund. Ein Hund, der seine Gelenke verschleißt, bis zum Kreislaufzusammenbruch oder zum Autounfall hetzt, zeigt sowohl auf neurologischer als auch auf psychologischer Ebene genau die gleichen Bausteine des Suchtverhaltens, die auch ein Heroinsüchtiger im menschenbezogenen Kontext zeigen würde. [1, 3, 9-11]

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In Verbindung mit dem Jagdverhalten stehen neben den Neurotransmittern Dopamin, Serotonin und Noradrenalin, die auch beim Suchtverhalten des Menschen eine Rolle spielen, vor allem der zentrale Nucleus der Amygdala und das periaquäduktale Grau als Teil des Mittelhirns, das sowohl für die Unterdrückung von Schmerzreizen als auch im Rahmen von defensiver Aggression für die Koordinierung von Fluchtreflexen zuständig ist. Der Zentralnucleus integriert die Fokussierung auf das Objekt sowie die Bewegungsabläufe bei zielgerichteten Verhaltensweisen, wodurch die Beuteverfolgung durch Projektionen auf die periaquäduktale graue Materie gesteuert wird.
Für das Suchtverhalten verantwortlich sind zusätzlich dazu insbesondere das dopaminerge System, der Nucleus accumbens, der präfrontale Cortex, das Striatum,  die Area tegmentalis ventralis, die Substantia nigra sowie der orbitofrontale Cortex.
Die Dopamin ausschüttenden Neurone bilden lediglich einen winzigen Bruchteil aller Neuronen, doch jedes dieser Neurone kann sich mit über 10.000 anderen Neuronen in weit entfernten Teilen des Gehirns vernetzen und dort zu suchtbedingten Veränderungen der Hirnchemie führen. Ein einziges jener Neurone kann ein wahres Feuerwerk im Belohnungssystem verursachen. [12, 13, 14]

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Betrachtung des Gehirns aus der hinteren Ansicht. Zu sehen sind die neuronalen Netze, die an der Suchtentstehung beteiligt sind.
Der Weg führt von Dopaminneuronen (zentral) zu Gebieten im Striatum by Kelly Hennigan

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Primitive und „verwilderte“ Haushunde – vergleichende Verhaltensuntersuchungen an primitiven Hunderassen und australischen Dingos

Bei der Domestikation von Hunden wurden bestimmte erwünschte Merkmale züchterisch gefördert oder durch Selektion gezielt ausgeschlichen. Während moderne Rassen durch künstliche Selektion auf besonders hohe Kooperationsbereitschaft, Menschen- und Artgenossenverträglichkeit oftmals eine sehr gute Anpassung an das Leben in urbanem Lebensraum aufweisen, zeigen primitive Rasse weitestgehend Merkmale natürlicher Selektion, u.A. ausgeprägtes Jagdverhalten, Eigenständigkeit, starkes Markierverhalten und niedrige Toleranz gegenüber gleichgeschlechtlichen Artgenossen. Phylogenetisch primitive Rassen zeigen demnach erwartungsgemäß weniger „wünschenswerte“ Eigenschaften als modernere Rassen europäischen Ursprungs, ihr Verhalten wird mitunter als „wildtierartig“ erlebt und beschrieben. Die Unterschiede zwischen sogenannten primitiven Rassen und „verwilderten Haushunden“, in diesem Fall australischen Dingos, erwiesen sich in Untersuchungen und Halterumfragen bei in menschlicher Obhut aufgewachsenen, in Haushalten lebenden Urhunden und Dingos unter vergleichbaren Haltungsbedingungen dennoch als enorm.

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Dingo in private ownership by Jill Pascoe

In zwei unabhängig voneinander durchgeführten Halterumfragen wurden erhebliche Unterschiede in nahezu allen Bereichen zwischen australischen Dingos und primitiven Rassen festgestellt. Es wurde in beiden Untersuchungen herausgestellt, dass Dingos verglichen mit primitiven Rassen eine deutlich geringere Trainierbarkeit aufweisen – sowohl die Dauer des Trainings als auch die Intensität und der Trainingserfolg unterscheidet sich bei Dingos und primitiven Rassen stark, wohingegen die Unterschiede zwischen den jeweiligen ursprünglichen Rassen eher als geringfügig zu betrachten sind. Das Jagdverhalten erweist sich bei primitiven Rassen zwar als wesentlich ausgeprägter modernen Rassen gegenüber, aber als erheblich weniger intensiv und ernsthaft im Vergleich zu australischen Dingos. Während die Halter primitiver Rassen nur selten ein vollständiges Jagdverhalten, das sowohl mit dem Beutefang als auch dem Beuteverzehr einherging, beobachten konnten, zeigen Dingos eine oftmals komplette Abfolge des Jagdverhaltens.
Neophobe Tendenzen gegenüber Personen und Objekten ebenso wie erhöhte Fluchtbereitschaft wurden von Dingos deutlich häufiger und ausgeprägter gezeigt als von Hunden – auch die Ausbruchsfähigkeiten und die Tendenzen zu unabhängigem Verhalten, zum Herumstreunen, zum Öffnen von Türen und zum Klettern waren ausschließlich bei Dingos erheblich ausgeprägt.
Diese Ergebnisse lassen darauf schließen, dass sich Dingos nicht nur aufgrund ihrer Verwilderung und des Lebens abseits von Menschen in ihrem Verhalten und ihren physiologischen Fähigkeiten von Haushunden unterscheiden, sondern auch im Zusammenleben mit Menschen in einer mit Haushunden vergleichbaren Haltung ein anderes und deutlich ausgeprägtes Spektrum bestimmter Verhaltensweisen als Haushunde primitiver und moderner Rassen zeigen.

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Im Sinne des Tierschutzes? – Weil Wissen hilft, nicht Mitleid

– Ein Artikel in Zusammenarbeit mit Sophie Strodtbeck –

Zu jedem Artikel, der sich mit Tierschutzhunden auseinandersetzt, sollte vorab unbedingt erwähnt werden, dass es nicht den Tierschutz gibt – Hunde, unabhängig von ihrer Herkunft und ebenso innerhalb einer Rasse, sind Individuen, die zwar aufgrund ähnlicher Erfahrungen oder ähnlicher rassespezifischer Merkmale vergleichbare Verhaltensweisen zeigen können, in ihren Eigenheiten jedoch immer unterschiedlich sind. Zu Tierschutzhunden fallen vermutlich jedem, der mit diesem Thema bereits in Berührungen gekommen ist, einige Phrasen ein – Tierschutzhunde seien alle „dankbar“, alle „verhaltensgestört“ oder „traumatisiert“. So mancher Halter oder Trainer denkt besonders an die Hunde, die durch übermäßiges Jagdverhalten, durch unverhältnismäßige Aggression oder ausgeprägte Angst aufgefallen sind; doch genauso, wie es Tierschutzhunde gibt, die ein schweres Päckchen aus verschiedenen verhaltensspezifischen und ggf. gesundheitlichen Problemen zeigen, gibt es jene, die sich ohne Anpassungsschwierigkeiten in den westeuropäischen Alltag integrieren. Der Tierschutzhund ist auch nur Hund, manchmal intensiver, manchmal leicht handhabbar.

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Ehemaliger rumänischer Tierheimhund, Mischling aus unbekannten Rassen/Schlägen*

Nichtsdestotrotz gibt es bei Hunden aus dem Tierschutz, vor allem jenen, die aus einem kulturell und landschaftlich anders geprägten Umfeld stammen, gewisse Parallelen, die das Zusammenleben mit ihnen oftmals von dem mit hiesigen Hunden, seien es jene aus Privatabgaben, Tierheimen oder Hunden aus einer Zuchtstätte, deutlich unterscheiden.

Insbesondere Hunde aus dem ausländischen Tierschutz haben meist eine unbekannte Vergangenheit und – gemessen an der Aufzucht hier lebender Welpen – eine unzureichende, häufig mit fehlender Sozialisation auf bestimmte Reize einhergehende Aufzucht erfahren, die zu Stress- und Abwehrreaktionen auf unbekannte oder ängstigende Reize im neuen Lebensumfeld führen kann. Gepaart mit negativen Erfahrungen Menschen und anderen Hunden gegenüber oder der Not, sich selbst zu versorgen, womöglich in Kombination mit bestimmten Rasseeigenschaften, kann die Aufnahme eines solchen Hundes trotz guten Willens und positiver Beschreibung seitens der Vermittlungsstelle zur Herausforderungen werden; sowohl für unerfahrene als auch für erfahrene Halter.
In einigen Fällen wird eine solche Herausforderung mit Bravour gemeistert, Halter und Hund finden zueinander und gehen fortan einen gemeinsamen, für beide Seiten angenehmen und stressarmen Weg. In anderen Fällen ist die Anleitung eines Trainers oder anderer kompetenter Personen erforderlich und führt zum gewünschten Erfolg, dem weitestgehend reibungslosen Zusammenleben von Hund und Besitzer. Bedauerlicherweise gibt es jedoch noch immer genügend Beispiele, bei denen sich der neu eingezogene Vierbeiner als nicht kompatibel mit seinem „Adoptanten“ erweist, was entweder zu lebenslanger Einschränkung auf beiden Seiten oder zur Abgabe des Hundes in ein anderes, hoffentlich geeigneteres Zuhause führt.
Solche Fälle gibt es allerdings nicht nur im Auslandstierschutz, sondern immer dann, wenn zwei Individuen aufeinandertreffen, die aufgrund ihrer Bedürfnisse oder Eigenschaften nicht zusammenpassen und die nicht ohne übermäßigen Aufwand oder Einschränkungen bedürfnisstillend zusammenleben können – sei es im Inlandstierschutz oder auch bei Hunden, die von einem anerkannten, seriösen Züchter stammen.
Die Ursachen dafür können vielfältig sein, sowohl mangelnde Aufklärung seitens des Züchters, mangelnde Einsicht oder Ehrlichkeit seitens des Halters oder eine fehlerhafte Beschreibung seitens der Vermittlungsstelle. Ebenso stellt die übermäßige Ausprägung bestimmter Merkmale in einer nicht vorhersehbaren Weise Gründe für eine potenzielle Abgabe des Hundes dar.

Wann immer es um die Aufnahme und Abgabe eines Hundes geht, ist vor allem eines wichtig: Ehrlichkeit und ein neutraler, fachkundiger Blick von jemandem, der oftmals fehlinterpretierte Verhaltensweisen korrekt deuten kann. Nur ein Hund, der mit all seinen Marotten und Vorzügen beschrieben wird, hat optimale Chancen auf ein passendes Zuhause, bei anderen ist es Glücksspiel, das sowohl zu Lasten des Hundes als auch zum Nachteil des Menschen stattfindet.
Nach wie vor scheinen Menschen, vor allem im Tierschutz, es für unabdingbar zu halten, Hunde in bestimmte Schubladen zu stecken. Dazu gehören neben der „nur lieb und dankbar- Schublade“ auch einige Rasseschubladen. So sieht man immer wieder den „Corgie aus Griechenland“ oder den Border Collie aus der Türkei in verschiedenen Vermittlungsanzeigen.  Dass es diese Hunde in diesen Ländern kaum oder gar nicht gibt, und dass die meisten von ihnen „Hunde ohne Rasse“ sind, die zwar eventuell rein optische Ähnlichkeiten, sonst aber keinerlei Gemeinsamkeiten mit den Rassen, als die sie verkauft werden, haben, spielt leider oft keine Rolle. Dabei wäre auch hier eine ehrliche Beschreibung ein Mosaiksteinchen, das zu einer erfolgreichen Vermittlung führen kann. Denn wer beim schwarz-weißen Hund aus der Türkei, der als Border Collie deklariert wird, auch dessen Eigenschaften erwartet, wird hinterher enttäuscht sein, einen Hund ohne Rasse, der eben genau das ist, und kein Mix aus Rassen, wie wir sie kennen, zu bekommen. Hat dieser Hund nun nur die typischen Eigenschaften im Gepäck, die man für das Leben auf der Straße in genau diesem Landstrich benötigt, ist die Ent-täuschung hinterher oft groß und das Zusammenleben schwierig.
Ob es sich bei dem labradorähnlichen, aber sehr groß geratenen Hund aus dem Osten tatsächlich um einen Retrievermischling oder doch um einen Herdenschutzhund handelt, können die Vermittler nur selten korrekt feststellen, deshalb ist es wichtig, sich an eine erfahrene Person, die neben der Beurteilung des Phänotypes auch auf spezielle Verhaltensweisen achtet, zu wenden – doch nicht jeder Hund, der sich als wachsam entpuppt oder Ähnlichkeit mit einem Hirtenhund aufweist, ist auch einer; Pauschaleinstufungen in die eine oder andere Richtung tun keinem Hund gut. In unklaren Fällen sollte der Mut zum Fragezeichen hinter der vermuteten Rassezugehörigkeit sich vor allem in der Tiervermittlung öfter durchsetzen. Genauso, wie Rasseeinstufungen Türen öffnen und Verhalten erklären, können sie blind für die tatsächlichen Gründe der gezeigten Verhaltensweisen machen. Ist unklar, warum ein Hund sich auf bestimmte Weise verhält, sollten gerade bei Hunden aus dem Tierschutz nicht nur die Rasse, sondern auch individuelle Lebenserfahrungen oder gesundheitliche Ursachen in Betracht gezogen werden.

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Herdenschutzhundmischling, seit seiner Abgabe bei einer Dauerpflegestelle lebend*

Betrachtet man den Verlauf vieler Hundeabgaben, so wird deutlich, dass es oftmals nicht an einem übermäßig schwierigen Hund, sondern vielmehr an mangelnder Aufklärung, fehlenden erzieherischen Fähigkeiten, einen Hund zu führen, aber vor allem an mangelnder Vereinbarkeit der jeweiligen Interessen von Hund und Mensch liegt. Umso wichtiger ist es, bei der Neuanschaffung eines Hundes die Möglichkeit zu haben, Informationen zunächst kostengünstig einzuholen und Stellen zu kennen, an die man sich wenden kann.
Es liegt nicht nur in der Hand von Vermittlungsorganisationen, ehrliche, aussagekräftige Texte, die offen über mögliche Schwierigkeiten, regionale Schläge und Anpassungsschwierigkeiten schreiben, sondern auch in der Verantwortung von Haltern jener Hunde – seien es Hunde aus dem Ausland, dem Inland oder Rassehunde – einen offenen Informationsaustausch zu ermöglichen, Probleme anzusprechen und die Nachteile sowie Vorzüge der jeweiligen Hunde in den Fokus zu rücken.
Insbesondere bei der Prävention von Hundeabgaben stellen aufklärende, weiterbildende Artikel, kostenlose Trainingsangebote, Rasseberatungen, Literatur über rassespezifische Besonderheiten und Trainerlisten einen effektiven Beitrag zum Tierschutz dar, sofern sie vom Hundeinteressenten wahr- und angenommen werden. Ein potenzieller Halter, der sich aufgrund der Informationen über die Hunde oder die Rasse, für die er sich interessiert, bewusst dafür oder dagegen entscheidet ist ein größerer Gewinn für das, was wir unter Tierschutz verstehen als jener, der Hunde aus Mitleid aufnimmt, ihnen oder sich selbst dann jedoch aus Überforderung nicht ausreichend gerecht werden kann.

Spricht man vom Tierschutz, ist es eindeutig nicht sinnvoll, die Zucht von Hunden auszuklammern oder zu verteufeln, sondern vielmehr, seriöse Zucht zu fördern, genetische Vielfalt zu unterstützen und die Haltung sowie Weiterentwicklung von Rassen zu bestärken. Entgegen des oftmals erklingendes Vorwurfes, Hunde aus einer Zucht stünden dem Tierschutz entgegen, ist die Aufnahme eines solchen Hundes oftmals eine bessere und mehr im Sinne des Tierschutz stehende Entscheidung als einen Hund unbekannter Vergangenheit mit möglicherweise unkalkulierbarem Verhalten in eine Lebenssituation, die die Einstellung darauf nicht zulässt, aufzunehmen.
Jede vernünftige und überlegte Aufnahme oder Nicht-Aufnahme eines Hundes ist tierschutzfördender als gut gemeinte, aber unzureichende durchgeführte Adoptionen von Hunden, die nicht ihres Wesens entsprechend gefördert werden können.
Der Schrei danach, Rassehundzucht zu verbieten, um die Aufnahme von Abgabehunden anzukurbeln, kann nicht im Sinn von durchdachter Tierschutzarbeit sein – wer einen Hund möchte, sollte die Option haben, den für sich passenden Vierbeiner aufzunehmen, anstatt sein Leben mit einem Vierbeiner zu verbringen, dessen erst nach der Vermittlung auftretende Verhaltensweisen zu einer Lebenseinschränkung auf beiden Seiten führen. Wer sich für einen Hund mit protokolliertem Gesundheitszustand und bekannten Aufzuchtbedingungen entscheidet, handelt ebenso pro Hund.
Selbstverständlich ist die durchdachte Aufnahme eines Hundes aus dem Tierschutz ein ausgesprochen bedeutender Part – vermittlungsfähige Hunde, die von einem Leben in unserem Alltag profitieren und die mit ihren Eigenheiten oder Vorzügen so aufgenommen werden können, wie sie sind, sollten diese Chance unbedingt erhalten. Jeder, der einen Vermittlungshund aufnimmt, behält oder erfolgreich weitervermittelt, leistet einen unerlässlichen Teil zum gelungen Tierschutz.
Die vielen Fälle von erfolgreichen Vermittlungen und zufriedenen Hunden in den Händen glücklicher Halter zeigen, dass der Import von Hunden aus dem Ausland durchaus seine Berechtigung hat – gut umgesetzt.

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Günes von Sophie Strodtbeck – die türkische Sonne, die als lebendiges Beispiel für eine ganzes Fehlerkonzert im Tierschutz über deutschen Weiden flimmert

Den wichtigsten Beitrag im Tierschutz leistet jedoch noch immer die kompetente Hilfe vor Ort – sei es bei der Durchführung und Betreuung von Sterilisationsprojekten, dem sozialen oder politischen Engagement in Bezug auf den landesinternen Tierschutz oder die Aufklärung über verhaltensspezifische und rassetypische Merkmale bestimmter Hunde und Schläge.
In diesem Artikel wird bewusst von Sterilisations- statt von Kastrationsprojekten geschrieben: Fatalerweise sind es oftmals Kastrationsprogramme, die in den jeweiligen Ländern zu einer Reduktion der Population führen sollen – demgegenüber steht eine italienische Langzeit-Studie (2000-2013), die zeigt, dass weder Kastrationen noch Vermittlungen die Streunerhund-Population reduzieren („Free-roaming dogs control activities in one italian province (2000-2013): is the implemented approach effective?“, Barnard, S. et al, Mac Vet Rev 2015). Es wurden Daten über die Streunerpopulation einer italienischen Provinz aus den Jahren 2000 bis 2013 ausgewertet. Die bisher verfolgte Strategie mit umfassenden Kastrationsmaßnahmen (Einfangen-Kastrieren-Wiederausetzen oder Vermitteln) hat nicht zu einer Verringerung der Streuner-Population geführt, weil sie nur das Symptom, aber nicht die Wurzel des Problems bekämpft. Statt der – aufgrund der Kastrationsmaßnahmen zu erwartenden – Alterung der Population ist das Gegenteil festzustellen. Entstandene Lücken werden sofort wieder aufgefüllt, denn die Populationsdichte in einem Lebensraum wird bestimmt durch die Bedingungen im selbigen, und nicht davon, wie viele Tiere man tötet/rettet/kastriert.
Allerdings leben die verwilderten Haushunde in vielen Regionen in festen Gruppenstrukturen, so dass eine Sterilisation der aggressiveren, konfliktpräsenteren Rüden oft die bessere Alternative wäre. Denn dieser hormonell weiterhin intakte Rüde wird verhindern, dass ein Konkurrent „seine Mädels“ deckt, selber aber weiterhin decken, ohne Nachwuchs produzieren zu können.
Wenn man sich bewusst macht, dass es eben die Bedingungen im Lebensraum sind, die die Populationsdichte bestimmen, hat man hier auch einen weiteren Ansatzpunkt vor Ort, auch wenn dieser sicherlich hart klingt: Solange in den betreffenden Ländern weiterhin ausreichend Müll rumliegt, also genug Ressourcen vorhanden sind, um die Population konstant zu halten, und solange diese Hunde von (oft ausländischen) Tierschützern gefüttert werden, wird sich auf lange Sicht nichts ändern, weil sich ja die Bedingungen für mehr Individuen in diesem Landstrich verbessern, die Lücken also sofort aufgefüllt werden. Gut gemeint ist also auch hier oft das Gegenteil von gut gemacht…
Des Weiteren sollte gut gemachter Tierschutz vor Ort bereits bei den Kleinsten anfangen: nur, wenn man bereits Kindern zeigt, dass Hunde keineswegs nur „schmutzig und böse“ sind, wird sich auf lange Sicht etwas ändern. Es bietet sich an, nicht nur bei fremden Kindern in Form von Aufklärungsprojekten an Schulen anzusetzen, sondern gerade innerhalb des eigenen Umfeldes ein von Anfang an gutes und wichtiges Bild vom Zusammenleben mit Hunden zu schaffen.
Außerdem neigt der deutsche Auslandstierschutz – sicherlich auf Grund mancher nachvollziehbarer Erfahrungen – dazu, die Bevölkerung vor Ort pauschal zu verunglimpfen („die bösen Rumänen quälen Hunde“), wodurch oft eine echte Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort nicht möglich ist. Ohne die Einbeziehung der Menschen vor Ort wird sich aber auf lange Sicht nichts ändern, und es bleibt bei einer reinen „Symptomdoktorei“ – oft auf Kosten der „geretteten“ Hunde, und auch der Menschen, die diese Hunde im festen Glauben, etwas Gutes zu tun, aufnehmen.
Wie man es also dreht und wendet: ohne ein Umdenken der Menschen vor Ort, aber auch derer, die im (Auslands-)Tierschutz tätig sind, wird keine Änderung der Situation herbeigeführt werden können. Und genau hier, bei Aufklärung und Ehrlichkeit bei der Vermittlung, sollte angesetzt werden, um auf lange Sicht eine Verbesserung der „Streuner“ zu erreichen. Das ist aber oft mühsamer, als das vermitteln einzelner, „nur dankbarer“ Straßenhunde.

Einen leider viel zu selten beachteten, aber ebenfalls nicht zu unterschätzenden, immer bedeutsameren Teil des Tierschutzes vor allem im ost- und südeuropäischen Ausland stellt zudem die Aufklärung, Betreuung und der Schutz über und von Hunden, die mit einer „Auslandsadoption“ aus ihrem gewohnten, für sie angenehmen Umfeld gerissen würden, dar. Nicht jeder Hund, insbesondere nicht jeder auf der Straße lebende oder gar dort aufgewachsene, augenscheinlich gesunde Hund, profitiert davon, aus seinem Alltag herausgerissen und in eine Fremde, für ihn völlig konträre Welt gesetzt zu werden. Aus diesem Vorgehen entstehen häufig massive Verhaltensprobleme, die sowohl zu einer Belastungsreaktion oder gar einer traumatischen Erfahrung des Hundes und ggf. durch das daraus resultierende Verhalten auch des Halters führen können. Insbesondere Straßenhunde – das zeigen eindrucksvoll die Beobachtungen von Günter Bloch, aber auch die von Gerd Schuster oder anderen, beispielsweise Stefan Kirchhoff – fühlen sich in ihrem Lebensumfeld wohl und leiden eher unter einer Verfrachtung in ein für sie fremdes und aus Straßenhundesicht wenig attraktives Land.
Auch bestimmte Rassen, vor allem Herdenschutzhunde, aber ebenfalls die derzeit zu ihrem Nachteil immer mehr in Mode kommenden Wolfhunde, seien es Rassewolfhunde oder Mischlinge, profitieren selten von der (unüberlegten) Anschaffung und einem Besitzer, dem die nötige Sachkunde sowie Erfahrung oder Passion im Umgang mit diesem Hunden fehlt. Das Training mit Tierheimhunden, die aufgrund ihres Verhaltens derzeit nicht vermittelbar sind, wird bedauerlicherweise viel zu selten im Atemzug mit Tierschutz erwähnt, dabei leistet vor allem die Arbeit mit Abgabehunden ebenso wie die Aufklärung über rassetypisches Verhalten, die Einrichtung spezieller Auffangstellen sowie die Mithilfe in diesen ihren Beitrag zum erfolgreichen, gut gemachten Tierschutz.

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Wolfhunde verschiedenen Wolfsanteils in einer deutschen Wolfhundauffangstation*

Im Tierschutz, in diesem Fall im Auslandstierschutz, gibt es einige, meist kleinere Organisationen, die eine hervorragende Arbeit leisten, die jene Hunde, die sie vor Ort über einige Zeit erleben können, bei sich aufnehmen, um dann zu entscheiden, ob und an wen sie vermittlungsfähig sind, die ehrlich über Verhaltensweisen und gesundheitliche Probleme aufklären und auch nach der Vermittlung noch beratend zur Seite stehen. Leider rücken solche Organisationen oftmals in den Schatten derer, die durch herzzerreißende Anzeigen, traurige Bilder und besonders unkomplizierte, für alles und jeden geeignete Hunde mit dafür erstaunlich bewegender Vergangenheit, ins Auge stechen. Vergleicht man Inserate von seriösen Organisationen mit denen, die vor allem auf eine schnelle Vermittlung möglichst vieler Hunde ausgelegt sind, werden schnell deutliche Unterschiede sichtbar.
Pflegestellen, besonders jene, die sich passioniert und mit dem nötigen Know-how einer Rasse oder eines Schlages annehmen, sind nahezu unerlässlich für gut gemachte Tierschutzarbeit. Doch auch solche, die Hunde erst mal aufnehmen, um für potenzielle Interessenten zu prüfen, ob der Hund wirklich in das geplante Lebensumfeld passt oder die mit jeder Art von (Auslands-)Tierschutzhunden betraut sind, sind von großer Bedeutung für den Tierschutz.
Die Aufnahme eines Hundes aus dem inländischen oder ausländischen Tierschutz hilft dem jeweiligen Individuum ebenfalls, ist jedoch verglichen mit dem Engagement im jeweiligen Land oder der Arbeit mit noch im Tierheim befindlichen Hunden ein kleiner, doch dennoch wichtiger Teil der Tierschutzarbeit.
Ebenso wichtig wie die Verbesserung der Situation im Ausland und die Prävention sind inländische Organisationen, die sich um bestimmte Rassen oder Hunde mit spezifischen Problemen kümmern, seien es Herdenschutzhundhilfen, Wolfhundauffangsstationen, Windhundnothilfen, Vereine für nordische Hunde oder solche, die sich aggressiven, ängstlichen oder jagdlich besonders begeisterten Hunden widmen. Persönliches Engagement, entweder im Training, in der Betreuung, der Versorgung oder durch Spenden und Veranstaltungen hilft, solche wichtigen Angebote zu erhalten und zu fördern. Wenn es um Tierschutz geht, kann jeder seinen Beitrag leisten, beim eigenen Hund, durch kritische Fragen, durch ehrliche Angaben, aber besonders durch handfesten Einsatz.

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Hütehundmischling aus Privatabgabe – aufgrund seines Verhaltens wird er durch Maulkorb und Leine gesichert*

*Alle gezeigten Hunde sind mir persönlich bekannt und stehen exemplarisch für gelungenen Tierschutz, da sie entweder in geeigneten Händen oder in kompetenten Tierheimen/Nothilfen leben

Canis Dingo – Ein Interview über das Zusammenleben mit Australiens Hundeartigen

„A cat in a dog suit with a monkey brain“ – so wird der australische Dingo von Haltern, Forschern und Auffangstationen in Australien beschrieben.

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Black and tan dingo living in the desert by Clarissa Human

Der australische Dingo ist ein umstrittener Kanide, der viele noch ungeklärte Fragen aufwirft. Während er in Teilen Australiens als „Pest Species“ gilt, steht er in anderen Staaten des Landes unter Artenschutz, in manchen darf er als Haustier gehalten werden, andere haben strenge Auflagen zur Haltung oder verbieten den Besitz des australischen Wildhundes komplett.
Nach dem aktuellen Forschungsstand gilt er weitläufig als Canis Dingo, eine eigene Subspezies der Gattung Canis, die wesentliche Unterschiede zu Haushunden und anderen Wildkaniden aufweist.
Der Dingo ist ein besonderer Hund, der dazu in der Lage ist, unabhängig von Menschen zu überleben, der erstaunliche Agilität beim Klettern auf Bäume, dem Erklimmen von Felswänden und dem Zwängen durch kleinste Zwischenräume beweist, der jedoch ebenso anpassungsfähig genug ist, um mit Menschen unter besonderen Voraussetzungen zusammenleben, im Gegensatz zu anderen Wildkaniden selbst dann, wenn er in der Wildnis geboren und aufgewachsen ist.
Neben Gemeinsamkeiten mit ursprünglichen Hunden, insbesondere dem Basenji, beispielsweise dem Heulen als Hauptkommunikation oder dem lediglich einmaligen Paarungszyklus innerhalb eines Jahres, weisen sie einige charakteristische Unterschiede auf, vor allem in Bezug auf ihre physiologischen Fähigkeit, unterschiedlichem Körperbau und höherer Intelligenz.
Dingos gelten als in der Lage, ihre Hüften auszurenken, um zu klettern oder durch besonders schmale Zwischenräume zu passen, sie können ihre Pfotengelenke um die eigene Achse drehen, ihren Kopf komplett nach hinten verdrehen und können mit ihren Pfoten Gegenstände greifen, drehen und festhalten. Bei Dingos wurde erstmals „tool-use“, die Benutzung von Gegenständen zu einem bestimmten Zweck, festgestellt. Es wurden Dingos und deren Mischlinge dabei beobachtet, Stühle zu verschieben, um an die Türöffnung zu gelangen oder andere Gegenstände zu erreichen.

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Pregnant dingo female climbing the top of a tree by Australian Dingo Foundation

Ich habe mich für ein Interview mit zwei Dingohaltern, die seit Jahren mit diesen Tieren leben, sie aufziehen und vermitteln, entschieden. Ihnen sind Unterschiede zwischen gezüchteten, wildgeborenen und mit Hunden vermischten Dingos kennen, persönlich bekannt und sie können die verschiedenen Anforderung an die Haltung von Dingos und Haushunden hervorstellen.

Das Interview

Joshua Said ist Leiter der Dingoauffangstation „Dingo Den“ in Sydney, kümmert sich seit 2014 um die Erhaltung und den Schutz reiner Dingos sowie um die Aufzucht, Beherberung und Vermittlung von Dingos und Dingomischlingen. Er lebt zusammen mit einem Dingomischling.

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Joshua Said together with Alpine Dingo puppies by Dingo Den Rescue

Wie würden Sie die Unterschiede zwischen reinen wildgeborenen Dingos und den Dingo-Haushund-Mischlingen, die Sie vermitteln, beschreiben?

–  „Bei jeder Diskussion in Bezug auf reine Dingos und Mischlinge ist es wichtig, sich daran zu erinnern, dass jedes Tier einzigartig ist und dass seine Lebenserfahrungen seine Verhaltensweisen und Temperament maßgeblich beeinflussen. Zwei reine wildgeborene Dingos können sehr unterschiedlich in ihrem Verhalten sein, ebenso wie in Gefangenschaft gezüchtete Dingos sich gegenseitig unterscheiden. Das Gleiche gilt für Mischlinge, wildgeboren oder handaufgezogen.

Typischerweise wird ein wildgeborener reinrassiger Dingo sich ähnlich wie ein wildgeborener Mischling verhalten, während ein in Menschenhand aufgewachsener Dingo oftmals anders ist. Die Lebenserfahrungen und Instinkte bestimmen das Verhalten mehr als die Genetik – doch dennoch spielt die Genetik eine wichtige Rolle. Ein Tier, das zum Teil Dingo ist, wird sich nicht wie ein reiner Haushund verhalten, aber es kann sehr hündisch oder dingoartig in bestimmten Aspekten sein.
Einige gezüchtete, rein geborene Dingos, die ich getroffen habe, sind sehr hündisch in Bezug auf fügsames, manchmal unbeholfenes und sehr freundliches Verhalten Menschen gegenüber, wohingegen wildgeborene Mischlinge weit mehr dingoartig sind – wachsam, sensibel, sorgfältig, agil, körperbewusst und misstrauisch vor Menschen und ungewohnten Dingen.“

Können Sie anhand des Verhaltens eines wildgeborenen Dingos feststellen, ob jener reinrassig oder aus einer Kreuzung mit domestizierten Hunden entstanden ist?

–  „Wildtiere benötigen alle gewisse Eigenschaften, um zu überleben – unabhängig von der Reinheit tendiert jeder wildgeborene Dingo oder Dingomischling dazu, dasselbe Verhalten (Vorsicht, Scheu, Fluchttendenzen) in Bezug auf Menschen und andere Dingos zu zeigen. Ich kenne wildgeborene Mischlinge, die deutlich dingoartiger handeln als in Menschenhand aufgewachsene, reine Dingos.“

Inwiefern unterscheidet sich das Verhalten eines wildgeborenen Dingos und Dingomischling im Vergleich zu dem Verhalten eines bewusst gezücheten?

–  „In der Wildnis geborene Tiere sind viel vorsichtiger, ihr Überlebensinstinkt ist tief in ihnen verankert und alles, was nicht vertraut ist, ist eine potentielle Bedrohung. Anders als bei Hunden verändert sich dieses Verhalten für gewöhnlich nicht, wenn sie sich an menschliche Nähe gewöhnt haben, das Verhalten ist in jedem Aspekt deutlich ausgeprägter. Ihre Sinne sind ausgeprägt – sehen, hören, riechen – sie reagieren sehr empfindlich auf alles um sie herum, wohingegen einige handaufgezogene Dingos, vor allem diejenigen, die eine lange Zuchtgeschichte (über mehrere Generationen) haben, weniger starke Reaktionen auf Reize zu zeigen scheinen.
Dingos sind bekannt dafür, Ausbruchskünstler und Fluchttalente zu sein. Bei den Dingos, die wir in unserer Obhut gehabt haben, neigten wildgeborene Dingos häufiger dazu, sich zu verstecken und waren weniger damit beschäftigt, zu entkommen / zu erforschen. Da ihr Selbstvertrauen häufig gering ist, sind sie mehr daran interessiert, in Sicherheit zu sein als neue Orte zu erkunden. Das kann sich ändern, sobald sie selbstbewusster werden und sich an ihre menschnahe Umgebung gewöhnen.“

Welche Eigenschaften eines Dingos sind bei in Gefangenschaft gezüchteten Dingos weniger stark ausgeprägt?

–  „Ausweichen von Bedrohungen / potenziellen Gefahren, typischerweise entspannter gegenüber Menschen, mehr Selbstvertrauen, passen sich leichter an neue Dinge an, der Überlebensinstinkt ist nicht mehr so ausgeprägt, er zeigt sich zwar noch immer, wenn er benötigt wird, aber generell sind sie von Tag zu Tag entspannter.“

Wird ein Dingo-Hund-Mischling alle Eigenschaften eines Dingos aufweisen oder gibt es welche, die bei Mischlingen – je nach dem Dingoanteil – nicht mehr auftreten?

–  „Das hängt davon ab, ob wir von in der Wildnis geborenen oder in Menschenhand aufgewachsenen Dingos reden – auch der Dingoanteil spielt dabei eine wesentliche Rolle.
Bei wildgeborenen Tieren gleichen die Merkmale meist denen reiner Dingos, auch bei niedrigprozentigen Tieren.
Hochprozentige in Menschenhand aufgewachsene Dingos können alle oder die meisten Eigenschaften teilen, während niedrigprozentige Mischlinge oftmals eher der Hunderasse, mit der sie vermischt sind, ähneln.
Ich habe festgestellt, dass einige mittelprozentige Tiere einen kleineren Vokalisierungsbereich haben als reine Dingos oder niedrigprozentige Mischlinge. Sie haben das weder das katzenartige Schnurren noch andere Klänge, die reine Dingos aufweisen, aber ihnen fehlt ebenso die Fähigkeit, in der gleichen Weise zu bellen, wie es ein Haushund tut. Die, mit denen ich zu tun hatte, schienen eher leise Tiere zu sein.“

Was macht Dingohaltung besonders anspruchsvoll, welche Merkmale weichen vorrangig von Hundehaltung ab?

– „Auslastung – Ausbruchsversuche. Die Ernährung unterscheidet sich maßgeblich – Dingos können bestimmte Fette und Kohlenhydrate nicht verstoffwechseln, sodass sie eine rohe, fett- und kohlenhydratarme Ernährung bereitgestellt bekommen sollten. Die körperliche Fähigkeiten unterscheiden sich sehr – sie haben ausgeprägte Talente zu springen, zu klettern, ihre Pfoten zu benutzen, um die Dinge zu öffnen, ihre Hüfte auszukugeln und ihren Kopf bis in den Nacken zu drehen. Der Zuchtzyklus unterscheidet sich von Hunden, sie sind nur einmal im Jahr paarungsfähig, sie haben keinen Körpergeruch und sind meist recht sauber. Viele gehen ins Badezimmer, um sich an einer Stelle zu entleeren, da sie es gern sauber mögen.
Bei wildgeborenen Dingos kann all das deutlich extremer sein, es wird generell nicht empfohlen, sie als Haustiere zu halten, da ihr Verhalten wildtierartig bleibt.“

Welche charakteristischen Merkmale weisen alle Mischlinge auf, auch welche, die aus Kreuzungen mit ungewöhnlichen Rassen, beispielsweise Pudel oder Hunden vom Pitbull-Typ entstanden sind?

– „Es gibt kein Verhaltensmerkmal, das immer vorhanden ist. Eines der häufigsten Merkmale könnte Schüchternheit oder Jagdverhalten sein. Nichtsdestotrotz wird sich auch ein niedrigprozentiger Mischling immer etwas anders als ein Hund verhalten – und man sieht ihm den Dingoanteil an.“

Dingos im Haus – worauf muss man achten, welche besonderen Vorkehrungen müssen getroffen werden, was unterscheidet sich in der Haltung von Haushunden? Welche Verhaltensweisen zeigen Dingos im Haus?

– „Die meisten Betreuer unserer Auffangstation finden domestizierte Dingos vor allem in Bezug auf deren Auslastung anspruchsvoll; Dingos mögen Herausforderungen und finden schnell heraus, wie sie Dinge umsetzen können. Sie sind dafür bekannt, große Ausbruchskünstler zu sein und genießen es, Sachen zu erforschen. Sie betrachten Menschen als Teil ihrer Familie und wollen immer dort sein, wo der Halter ist. Verlässt ein Familienmitglied das Haus, tun sie meist alles, um ihm zu folgen. Sie mögen es nicht, Dinge zu verpassen – sei es Zeit, Aufmerksamkeit oder Essen. Wildgeborene Dingos machen sich in der Regel nicht gut im Haus, sie werden sich selten daran gewöhnen, drinnen zu leben, werden Angst vor allem haben, vor allem vor neuen Dingen. Sie zerstören viel, stehlen, erforschen. Sie sind sehr neugierig und sehr vorsichtig, sie lernen normalerweise nicht, sich im Haus zu benehmen.“

 

Jen Parker und Gary Taylor leben bereits seit 11 Jahren mit australischen Dingos zusammen und besitzen derzeit drei reine Bergdingos. Sie haben zusammen den Aussie Canis Dingo Day gegründet und setzen sich für die Aufklärung über das Verhalten des Dingos und seinen Artenschutz ein. Sie sind an einigen Aufklärungsprojekten beteiligt und stehen im Diskurs mit dem australischen Umweltministerium (Department of Environment and Energy) sowie dem Artenschutzbeauftragten (Threatened Species Commissioner).

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Gary Taylor and two of his adult Alpine dingoes on a beach in Victoria by Jen Parker

Wie würden Sie die Unterschiede zwischen einem Dingowelpen und einem Haushundwelpen beschreiben? Sind Dingowelpen unabhängiger, entwickeln sie sich schneller, sind sie scheuer?

–  „Bereits als Welpen sind sie sehr unabhängig und sie entwickeln sich deutlich schneller als Hunde. Sie sind scheuer Menschen gegenüber, aber extrem neugierig, sie wachsen schneller, sehen schneller erwachsen aus und sind bereits sehr früh deutlich eigenständiger und klüger in ihrer Handlungen als alle Hunde, die ich aufgezogen habe.“

Haben Sie jemals einen Hund erlebt, der die Agilität und die körperlichen Fähigkeiten eines australischen Dingo beim Klettern, Springen oder Laufen teilt?

–  „Als ich verheiratet war, hatte ich einen Cattle Dog, der viele Dingocharakteristika aufwies, der nie so agil war. Ich habe noch keinen Hund erlebt, der klettern oder springen konnte wie ein Dingo, der in der Lage war, seine Pfoten einzusetzen, um sich Zugang zu jedem Bereich im Haus zu verschaffen oder der Felsen, Bäume oder Zäune hochklettern konnte, wie es jeder Dingo kann.“

Worin liegen die offensichtlichen optischen und charakterlichen Unterschiede zwischen Dingos und domestizierten Hunden, welche Unterschiede stechen sofort ins Auge?

–  „Ich habe festgestellt, dass die Haltung von Dingos erfolgreicher ist, wenn man sie als Familienmitglieder ansieht und auf Augenhöhe behandelt, anstatt sie wie einen Haushund oder ein Haustier aufzuziehen – während Hunde meistens unterwürfig sind und sich auf die Anleitung ihres Besitzers verlassen, sind Dingos absolut eigenständig, sie haben nicht das gleiche Bedürfnis nach Führung wie Hunde und folgen nur der Person, der sie vertrauen. Dieses Vertrauen entsteht durch Bindung, dadurch, dass man sie mit Respekt behandelt und ihnen ihre Unabhängigkeit zugesteht.
Neben dem Verhalten von Dingos, ihrer Intelligenz, der Eigenwilligkeit, gibt es offensichtliche physiologische Unterschiede – Dingos sind nur einmal jährlich paarungsbereit, die meisten Hunde sind das zweimal. Als ein natürliches Raubtier weisen sie keinen Körpergeruch auf. Der Schädel ist der breiteste Teil der Anatomie eines Dingos, das sichert jenem das Überleben, da sein Körper dem Kopf durch jedes Hindernis folgen kann, unabhängig davon, wie eng der Zwischenraum des Hindernisses ist. Ihre Zähne sind viel schärfer und größer als die eines Hundes. Dingos zu haben extrem flexible Gelenke, eine Duftdrüse, die sich am Schwanz befindet. Sie unterscheiden sich von Hunden in ihrer Gangart, bei der Platzierung ihrer Vorder- und Hinterfüße beim Gehen – sie schnüren, ebenso wie andere Wildcaniden.“

Wo gehen Sie mit Ihren Dingos spazieren? Gibt es bestimmte Gebiete, in denen sie von der Leine gelassen werden können? Wie reagieren sie auf Fremde, neue Dinge, Beutetier

–  „Wir gehen mit unseren Dingos sowohl mit als auch ohne Leine spazieren, in der Wildnis oder am Strand. Die Dingos sind unabhängig, eigensinnig, unglaublich intelligent und sehr intuitiv. Ihr Jagdverhalten ist stark ausgeprägt.
Unsere Dingos reagieren auf den Rückruf, wenn sie sich dazu bereitfühlen, aber nicht, wenn einer von uns ruft und sie etwas, das aus ihrer Sicht wichtiger ist, zu tun haben. Sie kommen, wann sie möchten – und lassen es, wenn sie nicht wollen.“

Haushaltung bei Dingos – werden sie stubenrein? Hören sie auf, Dinge zu stehlen und ausgeprägte Neugier zu zeigen? Gibt es so etwas wie einhaltbare Hausregeln im Zusammenleben mit einem Dingo?

–  „Das Haustraining und die Stubenreinheit war bei unseren Dingos sehr einfach, sobald sie aßen oder tranken, nahmen wir sie mit nach draußen, dadurch lernten sie, an die Tür zu klopfen, um rausgelassen zu werden, aber das ist nicht bei allen so, manche Dingos lernen das sehr langsam oder gar nicht.
Sie konnten sich die Tür bei Bedarf ebenfalls selbst öffnen.
Es ist am besten, sie draußen in einem großen Gehege zu halten, da sie Fluchtkünstler, Kletterer und Buddeltalente sind, viele sind damit in der Wohnung überfordert. Viele Dingos fühlen sich in der Wohnung ebenfalls nicht wohl, sie beobachten gern alles, was um sie herum passiert und mögen es, ihren Lebensraum selbst zu gestalten.“

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Dingo puppies by Australian Dingo Foundation

Die Originalinterviews: Weiterlesen

Einmaleins Kanidenverhalten

Teil 4 – Schnauzgriff im innerartlichen Kontext

Der Schnauzgriff ist ein häufig missverstandenes Verhalten in der innerartlichen Kommunikation von Hunden. Meist wird er unter miteinander verwandten oder sehr lange zusammenlebenden Hunden, von denen häufig einer die Rolle des Verantwortungsträgers und Erziehers übernommen hat, angewendet – unter fremden Hunden wird ein Schnauzgriff nur in Ausnahmefällen gezeigt.

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Liebevoller Schnauzgriff zwischen Bruder (schwarz) und Schwester (grau)

Ein Schnauzgriff hat unterschiedliche Funktionen: er kann sowohl eine unterbindend wirken, wenn ein Welpe / Junghund / Geschwisterchen die Grenzen eines Verwandten / mit ihm zusammenlebenden Hundes überschreitet, er kann aber auch als liebkosende Geste unter vertrauten und verwandten Hunden innerhalb einer Gemeinschaft verwendet werden – das hängt vom Kontext und der Intensität ab.
Einem „Über-den-Fang-Greifen“ des Hundes gehen bei einem Unterbinden eines unerwünschten Verhaltens verschiedene defensive und offensive Kommunikationswerkzeuge voraus, ein Schnauzgriff wird niemals ohne vorherige Warnung angewendet. Häufig dient jener dazu, ein übermäßig forderndes oder für den anderen Hund schmerzhaftes Verhalten zu unterbrechen, beispielsweise bei zu stark saugenden Welpen, bei ruppigem Spiel oder bei einem harmlosen Disput um Ressourcen.
Als Zeichen der Zuneigung wird das „Über-den-Fang-Greifen“ ohne Warnsignale und ohne einen Konflikt ausgeführt, beispielsweise in einer harmonischer Rangelei, nach dem gegenseitigen Putzen oder während des sonstigen Körperkontaktes.

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Verwarnender Schnauzgriff mit höherer Intensität nach zu aufdringlichem Spiel, ohne sichtbares Meideverhalten und Anzeichen von Schmerzen oder Unbehagen

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Rollenwechsel nach Zuneigung und Spiel – was gefährlich aussieht, ist für keinen der Beiden schmerzhaft oder unangenehm

Ein Schnauzgriff dient nicht dazu, wehzutun, der Fang wird dabei niemals (wie es fälschlicherweise bei Menschen passiert) zugedrückt, ein Hund legt lediglich seine Zähne um bzw. auf den Fang und übt leichten Druck aus. Insbesondere Elterntiere sind ausgesprochen geduldig mit ihren Nachkommen; beim ersten Schnauzgriff quieken Welpen mitunter aus dem Schreck heraus, ältere Hunde tun dies nicht mehr. Vor allem beim Liebkosen sieht diese Geste und die Reaktion darauf völlig anders aus, der Schnauzgriff wird als angenehm empfunden.
Meist dient der Schnauzgriff als Zeichen der Zuneigung oder als freundliches „Lass das.“ Das, was Menschen daraus machen, ist er eindeutig nicht.

 

Aggressionsverhalten des Hundes – eine tiefergehende Betrachtung

Aggression ist ein natürliches, regulatives Verhalten, das dazu eingesetzt wird, konfrontierende Situationen zu vermeiden, bedrohliche Reize auf Distanz zu halten, Ressourcen zu sichern und das Individuum zu schützen. Aggressionsverhalten ist nicht nur ein Regulationsmechanismus, sondern ebenso ein kommunikatives Element im Sozialkontakt. Droh- und Aggressionsverhalten dienen dazu, Unwohlsein zu transportieren und sowohl sich selbst als auch wichtige Ressourcen wie Nachkommen, Sozialpartner, Nahrung und Lebensraum zu schützen. Aggressive Verhaltensweisen des Hundes sind als Werkzeug zu betrachten, das in vielen verschiedenen Bereichen zunächst einmal völlig natürlich als kommunikatives, deeskalierendes und distanzschaffendes, aber auch als eskalationsförderndes Verhalten eingesetzt wird.
Untersuchungen über die Aggressionsbereitschaft des Hundes ergaben, dass ein Tier, das über eine längere Zeit keine aggressiven Handlungen ausführen muss und nicht mit einschlägigen auslösenden Reizen konfrontiert wird, eine deutlich geringere Bereitschaft zu aggressiven Verhaltensweisen und aggressiven Konfliktlösungsstrategien zeigt. Wie auch bei anderen Verhaltensweisen wird Aggression als Konfliktlösung immer wieder eingeübt und erneut als notwendig eingestuft, wenn der Hund sie ausführen muss – auch, wenn sie nicht immer zum Erfolg führt. Verantwortlich dafür ist insbesondere das Hormon Noradrenalin, das sowohl der Steuerung von aggressivem Verhalten dient und im Gehirn eine Reizschwellenerniedrigung bewirkt, aber auch Lernprozesse erleichtert. Ein Tier, das regelmäßig aggressiv handelt und dabei lernt, dass es seine Umwelt dadurch beeinflussen kann, neigt in der Folgezeit eher dazu, vermehrt aggressiv zu reagieren. Es wird bei der nächsten Gelegenheit schon bei geringeren auslösenden Reizen eine aggressive Reaktion zeigen, da die Aggression als hilfreich wahrgenommen wurde.

Hund-ist-aggressivQuelle: meinhund24.de

Aggressives Verhalten – Böse Absicht oder natürlicher Reflex?

Ein distanzvergrößerndes Knurren ist keine rationale Verhaltensweise des Hundes, sondern eine instinktive kommunikative Geste, ebenso ist ein Biss in einem Schreckmoment des Hundes kein überlegtes, bewusstes Verhalten, sondern eine affektive Reaktion auf einen für ihn bedrohlichen und unangenehmen Reiz. Ein Hund, der auf Berührungen und Distanzunterschreitungen ohne sichtbare Vorwarnung mit einem Biss reagiert, handelt nicht rational motiviert, sondern instinktiv, weshalb Strafmaßnahmen in diesem Fall nicht verhaltensverringend wirken, sondern die Intensität häufig verstärken, da sich das Stresslevel des Hundes erhöht, die Bereitschaft zum Selbstschutz ansteigt und die bestehende Situation für den Hund noch negativer erscheint.
Eine Verhaltensunterbrechung durch konkurrierende aversive und appetitive Reize verringert zwar die Länge der aggressiven Handlung, nicht jedoch das generelle Auftreten und das Initialverhalten – die eskalierende Aggression tritt durch einen wiederkehrenden Abbruch möglicherweise (nicht grundsätzlich) kürzer auf, wird jedoch noch immer ausgeführt. Ein Abbruch ist lediglich im Ansatz des Verhaltens oder vor dem Auftreten der aggressiven Handlung verhaltensmindernd. Präventive Maßnahmen und ein langschrittiges Training an der Impulskontrolle des Hundes sowie an einem erneuten Einsatz von vorherigen Warnsignalen sind deutlich empfehlenswerter, ebenso ist eine Reduktion des Stresslevels und eine Vermeidung von auslösenden Reizen zur Herabsenkung der Aggressionsbereitschaft vor weiteren, verhaltensverändernden Maßnahmen sinnvoll, damit sich das Verhalten nicht weiter festigt. Bei einer durch negative Erfahrungen herabgesetzten Reizschwelle in Kombination mit einem erhöhten Testosteronlevel und einem Anstieg des Cortisolspiegels in einer Stresssituation steigt die Bereitschaft des Tieres, Drohsignale auszulassen und körperliche Aggressivität als distanzvergrößernde Maßnahme zu wählen. Das rationale Handeln des jeweiligen Hundes wird eingeschränkt, wodurch sich die Wahrscheinlichkeit auf einen Biss als Folge einer Stress-, Bedrohungs- oder Affektreaktion erhöht.
Bei einem Hund mit neutraler Vorgeschichte, einer normal verlaufenden Sozialisation und einer normalen Testosteron- und Cortisolkonzentration werden zunächst warnende aggressive Signale (Drohsignale), beispielsweise Knurren, Fletschen und Abschnappen gesendet, um den Konflikt zu entschärfen, das Aggressionsverhalten tritt sowohl kontrollierter als auch verringert affektiv auf.

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Aggression between two dogs – Hana Sanders

Die neurophysiologischen Hintergründe der Aggression

Aggressives Verhalten wird in Selbstschutzaggression, Jungtierverteidigung und Wettbewerbsaggression (Ressourcen, Sozialpartner, Revier und situativer sowie genereller sozialer Status) aufgeteilt. Alle Aggressionsformen können sowohl innerartlich als auch zwischenartlich und im Mensch-Hund-Kontext auftreten.
Pauschale Trainingsansätze oder Verhaltenstherapien gegen aggressives Verhalten sind weder sinnvoll noch seriös, neben einer Anamnese, bei der die auslösenden Reize wie auch das konkrete aggressive Verhalten betrachtet werden, ist es wichtig, die verschiedenen Formen der Aggression sowie ihre zugrundeliegenden Motivationen und neurophysiologischen Hintergründe zu betrachten. Im Gegensatz zu den genannten Manifestationen des aggressiven Verhaltens ist Jagdverhalten nicht emotional angetrieben und wird weitgehend von der Genetik beeinflusst. Jagdverhalten wird in verschiedene Sequenzen unterteilt – ein vollständiges Jagdverhalten besteht aus Appetenz (Hunger / Nahrungsbeschaffung), Lokalisieren und Fixieren (schnüffeln, horchen, sichten), Anpirschen und Hetzen (Fährte verfolgen, einkreisen, Beute verfolgen) und schlussendlich dem Beutefang, dem Erlegen und Verzehren des Beutetieres. Die meisten Hunde zeigen kein vollständiges Jagdverhalten, sondern haben sich auf bestimmte Sequenzen spezialisiert, einige Hunde legen ihre Fokus auf die Fährtensuche oder das Vorstehen, andere suchen sich einen Kick in der Hatz, unter anderem bedingt durch Dopamin und Adrenalin. Das Jagdverhalten basiert auf einer Distanzverringerung, die sich auf den klassischen Beutefang mit dem Erlegen und Konsumieren der Beute als überlebenssichernden Mechanismus bezieht, während Aggression hingegen Distanz vergrößern soll und nicht dazu dient, das Überleben in Form von Nahrungsbeschaffung zu sichern, sondern lediglich beim Selbstschutz und der Ressourcenverteidigung überlebenssichernde Züge aufweisen kann. Dem Jagdverhalten liegen andere neurophysiologische Hintergründe und andere intrinsische Motivationen zugrunde als der Aggression von Hunden.

Aggression wird durch verschiedene Hormone, Botenstoffe und Gehirnregionen gesteuert. Bei einer konfrontierenden Auseinandersetzung kommt es zu einer Aktivierung der Amygdala (unseres Angstzentrums), der Insula (des Ekelzentrums) sowie des Hypothalamus (in dem Fall als Stresszentrum, denn der Hypothalamus regelt unseren Hormonhaushalt über die Hypophyse) und des Hirnstamms. Neben Serotonin, Dopamin und GABA sind auch die Signalmoleküle Noradrenalin und Acetylcholin Schlüsselfaktoren für ein breites Spektrum von Verhaltensweisen. Serotonin hat sowohl hemmende als auch stimulierende Effekte auf aggressives Verhalten; Serotonin und die γ-Aminobuttersäure (GABA) wirken sich aggressionshemmend aus. Dopamin und das mesolimbische System, das mit dem Belohnungssystem assoziiert wird, stehen mit offensivem aggressiven Verhalten in Verbindung. Dopamin kann sowohl aggressionsverstärkend als auch impulsivitätshemmend wirken, wodurch abnorme aggressive Verhaltensweisen entstehen können.
Beim Selbstschutzverhalten werden sowohl defensive als auch offensive aggressive Mechanismen aktiviert – während offensive Aggression eine Form des agonistischen Verhaltens ist, die sowohl durch einen defensiven als auch offensiven Aggressor in Bezug auf Ressourcenverteidung (Wettbewerbsaggression, Jungtierverteidigung) auftritt, ist defensive Aggression eine Reaktion auf eine bedrohliche Situation und dient insbesondere dem Selbstschutz.
Beim Selbstschutzverhalten werden vor allem Bereiche des medialen Hypothalamus sowie des periaquäduktalen Graus (einem Hirnbereich, der Angst- und Fluchtreflexe koordiniert) aktiviert. Bei defensiver Aggression sind im Gegensatz zur offensiven Aggression auch die Neurotransmitter Glutamat, Cholecystokinin sowie Substanz P beteiligt, die unter anderem auch für Angst- und Schmerzreaktionen zuständig sind. Auch Serotonin (5-HT) als Schlüsselneurotransmitter im Zusammenhang mit aggressivem Verhalten spielt bei der Selbstschutzaggression eine wichtige Rolle. Im Allgemeinen hat Serotonin eine hemmende Wirkung auf aggressives Verhalten, allerdings steht das funktionale aggressive Verhalten, das eine kommunikative und distanzvergrößernde sowie deeskalierende Funktion erfüllt, im Zusammenhang mit dem Serotoninspiegel.
Da Selbstschutzaggression in hohem Maße selbstbelohnend ist, spielt Noradrenalin im Zusammenhang mit einer Verfestigung des aggressiven Verhaltens eine besondere Rolle.
Verantwortlich für die Verteidigung der Jungtiere ist insbesondere das Hormon Prolaktin. Aggressives Verhalten, das der Verteidigung des Nachwuchses dient, ist in hohem Maße instinktiv und wird selten durch die Erfahrungen des Tieres verringert oder gemildert.
Tritt aggressives Verhalten als Partnerschutzverhalten auf, ist das als Eifersuchtshormon bekannte Vasopressin verantwortlich, während innerartliche Konflikte, die sowohl status- als auch ressourcenbezogen sein können, maßgeblich durch Sexualhormone wie u.A. Testosteron und Serotonin beeinflusst werden. Gemeinsam mit dem Bindungshormon Oxytozin spielt Vasopressin besonders in der Frühphase sich neu bildender Beziehungen eine Rolle. Vasopressin ist als Kotransmitter des Noradrenalins aktiv und sorgt für das Fernhalten unbeteiligter Dritter in der Phase der Beziehungsbildung. Generell ist bei vielen Wirbeltieren eine Beteiligung des Vasopressin-Oxytozin-Systems an der Regelung sozialer Beziehungen nachgewiesen.

Ressourcenverteidigung in Form von Wettbewerbsaggression liegen andere hormonelle Ursachen als der Verteidigung des Nachwuchses zugrunde: Bei Futteraggression spielen Dopamin und Cortisol eine wichtige Rolle – sowohl eine erhöhte als auch eine verminderte Cortisolkonzentration ist mit einer steigenden Aggressionsbereitschaft verbunden. Die Auswirkungen von Cortisol stehen jedoch ebenso in Verbindung mit dem Testosteronlevel – ein erhöhter Testosteronspiegel in Kombination mit einem verringerten Cortisolspiegel trägt zu einer gesteigerten Aggressivität sowie aggressiver Handlungsbereitschaft bei, wohingegen eine geringe Konzentration an Testosteron und ein erhöhtes Cortisolniveau aggressives Verhalten hemmt. Die Rolle von Dopamin in Bezug auf aggressives Verhalten ist noch nicht genau bekannt. Das dopaminerge System wird aktiviert, wenn ein offensives Lebewesen auf ein defensives Lebewesen trifft. Beim Zusammentreffen eines konfliktbereiten Tieres auf ein defensives Tier erhöhen sich sowohl der Dopamin- als auch der Serotoninspiegel in Erwartung einer negativen Konfrontation. Beide Neurotransmitter sind nicht nur an aggressivem Verhalten beteiligt, sondern auch an der Bewältigung von Stress. Sowohl angenehme als auch stressige Ereignisse aktivieren das mesocorticolimbische Dopaminsystem.
Die Beteiligung von Dopamin an der Regulierung des aggressiven Verhaltens wird mit wettbewerbsbezogener Motivation assoziiert. Aggressives Verhalten in Verbindung mit erhöhter Dopaminkontzentration entsteht, wenn ein Konflikt zwischen zwei Individuen auftritt.
Eine Konfrontation um Ressourcen regt die Dopamin-Beteiligung aufgrund ihrer Rolle im Belohnungssystem an. Der Dopaminspiegel ist mit erhöhter Risikobereitschaft verbunden – die Risikobewertung beruht auf der Gewichtung der in Aussicht stehenden Belohnung und der zu erwartenden Selbstbelohnung während einer Konfrontation, wodurch die Dopaminregulation bei ressourcenbezogenener und konfrontierender Aggression eine wichtige Rolle spielt.
Durch den Selbstbelohnungsaspekt einer erfolgreichen Ressourcenverteidigung festigt sich dieses Verhalten schneller als andere aggressive Verhaltensweisen und führt deshalb besonders oft zu übersteigertem, problematischem Verhalten.

Ursachen inadäquater und übersteigerter Aggression

In einer angemessenen Form dient Aggression ebenso wie Beschwichtigung dazu, Konflikte zu entschärfen, aber auch dazu, jene für sich zu entscheiden. Aggression ist ein natürlicher Mechanismus, um sich gegenüber anderen Individuen durchzusetzen, Ressourcen zu schützen oder zu beanspruchen und ein sicheres Lebensumfeld zu schaffen. Bei einem normalen, angemessenen Aggressionsverhalten sind Interdependenzen zwischen Drohen und Beschwichtigung vorhanden, der offensive Part reagiert auf die konfliktentschärfenden Signale des Gegenübers und zeigt situativ sowohl offensive Handlungen (Aggression) als auch defensive Handlungen (Beschwichtigung, Vermeidung). Ein Hund, der aggressive Handlungen als einzige Konfliktlösung etabliert hat, zeigt nur noch wenige Beschwichtigungssignale, mitunter bleibt eine entschärfende Kommunikation zunächst völlig aus, es kommt direkt zum Angriff oder zum Bedrohungsverhalten – um dies zu entschärfen, müssen alle Stufen des Drohverhaltens wiederhergestellt werden und Meideverhalten als gewinnbringende Lösung etabliert werden.
In den meisten Fällen entsteht ein unangemessenes Aggressionsverhalten durch eine für den jeweiligen Hund unpassende oder unzureichende Sozialisierung, gravierende Erziehungsfehler und die immer wiederkehrende Bestätigung, einen Konflikt nur durch massives aggressives Handeln erfolgreich lösen zu können. Hunde, deren Drohsignale missachtet oder bestraft wurden, neigen dazu, keine Warnzeichen zu zeigen, sondern direkt zu beißen.
Obwohl aggressives Verhalten nicht rassebedingt ist, weisen einige Rassen Verhaltensweisen auf, die ohne entsprechende Kontrolle und Modifikation seitens des Halters zu einer Begünstigung aggressiver Konfliktlösungen führen können. Individuen können stärker ausgeprägte Vorwärtstendenzen aufweisen und durch eine ungünstige Verpaarung, die die aggressiven Tendenzen fördern sowie durch eine unzureichende Aufzucht bereits im Junghundalter ausgeprägte Aggressivität zeigen. Insbesondere Rassen und Individuen, die aufgrund ihrer Unsicherheit oder ihrer Reaktivität dazu neigen, einen engen, klaren Handlungsrahmen zu benötigen, neigen bei unklaren Regeln, bereits wenigen schlechten Erfahrungen und Erfolgen aggressiver Problemlösungen dazu, unangemessene Aggression zu zeigen, die oftmals in wettbewerbsbezogen oder selbstschutzmotiviert ist.
Viele Hunde, die vorrangig aggressiv in Konflikte treten, profitieren von einem engmaschigen, berechenbaren und klaren Handlungsrahmen, in dem sie sich bewegen können, bevor es ihnen ermöglicht wird, eigene Lösungsansätze zu finden und erfolgreich statt einer aggressiven Konfliktlösung einzusetzen.

 

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Eskalationsleiter beim Hund – Quelle: Teamschule.ch

Fazit

Es ist wichtig, aggressives Verhalten genauso wie beschwichtigendes und defensives konfliktvermeidendes Verhalten als einen natürlichen, funktionalen Bestandteil in der Kommunikation des Hundes anzusehen. Aggressives Handeln eines Hundes in Form von Drohsignalen sind ein Teil deeskalierender Kommunikation und dienen erst einmal dazu, Konflikte artübergreifend zu vermeiden. Aggressives Verhalten eskaliert erst dann, wenn feine, konfliktentschärfende Drohgesten wiederholt missachtet wurden und der Hund gelernt hat, sich durch deutlichere Signale durchsetzen zu müssen. Um eine übersteigerte Aggressivität zu vermeiden, ist es wichtig, die normale Kommunikation des Hundes sowohl im Droh- als auch im Meideverhalten zu respektieren und darauf einzugehen. Aggressives Verhalten hat in jedem Fall eine Ursache, die sowohl durch die Umwelt, als auch durch Krankheiten bedingt sein kann; ist diese Ursache aus der Welt geschafft oder die Emotion des Hundes zum Auslöser eine andere, mindert sich die Aggressionsbereitschaft. Bereits manifestiertes Aggressionsverhalten sollte unbedingt in einem auf das Indiviuum abgestimmten Training behandelt werden und nicht in Form einer strafbasierten, reaktionshemmenden Weise trainiert werden, es ist wichtig, nicht nur die Ausführung der aggressiven Handlung zu unterdrücken, sondern auch ihre Ursachen zu beheben und eine vollständige Kommunikationsleiter des Drohverhaltens wiederherzustellen. Aggressives Verhalten ist eine natürliche, affektive und instinktgesteuerte Reaktion auf einen auslösenden Umweltreiz, die sowohl ernstgenommen als auch respektiert werden sollte. Durch deeskalierendes Verhalten, distanzvergrößernde Maßnahmen und entsprechendes Training am Verhalten des Hundes und seiner Bewertung des Schlüsselreizes lassen sich übermäßige aggressive Handlungen vermeiden.

References: Aggressive behavior and three neurotransmitters: dopamine, GABA, and serotonin—a review of the last 10 yearsRodrigo Narvaes ; Rosa Maria Martins de Almeida ;Psychology & Neuroscience 2014
Biology of Aggression, 2005; Randy J. Nelson
Affective Neuroscience: The Foundations of Human and Animal Emotions (Series in Affective Science), Panksepp
http://www.concordia.ca/cunews/main/releases/2011/02/09/behavioral-problems-linked-to-cortisol-levels.html
Aggression im Hundealltag von Sophie Strodtbeck
Neuroendocrine aspects of pediatric aggression: Can hormone measures be clinically useful?
Drew H Barzman, Avni Patel, Loretta Sonnier and Jeffrey R Strawn
Cortisol, dopamine, aggression presentation; Gustavo A. Martínez-Muñiz
Brain structures and neurotransmitters regulating aggression in cats: implications for human aggression; Gregg TR, Siegel A.

Der Canaan Dog – ein Bedouinenhund

-Ein Gastbeitrag von Steffi –

Ein wie ich finde sehr besonderer Hund, der nicht so aussieht – der Canaan Dog

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Geschichtlicher Überblick

Im Orient gibt es verschiedene Felsritzungen aus dem Neolithikum, die Hunde darstellen, die dem heutigen Canaan Dog sehr ähneln und den Menschen begleitet haben.

Auch auf einigen ägyptischen Reliefs oder Wandmalereien tauchen ähnliche Hunde auf, ein Beispiel sind die Gräber von Bene Hassan. Aus Ashkelon gibt es einen Sarkophag, auf dem ein ähnlicher Hund abgebildet ist.

In der Bibel werden Hunde genannt, die die Herden schützen und Alarm schlagen, wenn sich jemand nähert. Die Bedouinen im heutigen Israel und Jordanien nutzen Canaan Dogs immer noch, um ihre Herden zu bewachen. Allerdings nimmt ihre Zahl und damit die Zahl der wild- bzw. halb wildlebenden Hunde stetig ab, da der Staat Israel die Bedouinen lieber sesshaft haben würde.

Prof. Menzel schrieb dazu, dass diese Hunde scheinbar eine Zwischenform zwischen den Haushunden und den Wildhunden darstellen können. Wildlebende Hunde passen sich dem Haushalt sehr schnell an und sind dann kaum von einem normalen Haushund zu unterscheiden. Das gleiche funktioniert aber auch andersherum: Wird ein gezüchteter Canaan Dog in die Wildnis entlassen, kann er sich selbst versorgen und adaptiert sich an seine Umwelt. Sie wurden bis vor 50 Jahren nie gezielt gezüchtet, sondern eher auf einen Nutzen hin selektiert; aggressive Hunde die die eigene Herde angriffen wurden einfach getötet.

Es sind ganz klar Hunde und sie benehmen sich wie Hunde, dennoch ist ihr Überlebenswille stärker als die Kooperation mit dem Menschen. Ein Canaan würde im Zweifel eher fliehen als anzugreifen.

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Aussehen

Der Canaan hat einen quadratischen, athletischen Körperbau von mittlerer Größe, aufrecht stehende, spitz zulaufende Ohren, mandelförmige dunkle Augen, ein dichtes Fell mit Unterwolle, welches nicht zu weich ist. Levi hat sehr harsches Fell, was aber ideal gegen sämtliche Wetterbedingungen schützt. Sie haben einen relativ breiten Kopf (gerade bei Rüden gut zu sehen), der aber zur Nase hin spitz zuläuft. Die Rute sollte hoch angesetzt sein und im Idealfall über den Rücken verlaufen, einige haben eine Sichelrute, andere einen richtigen Ringelschwanz.

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Es gibt sie in verschiedenen Farben: Creme, sandfarben, rot, schwarz mit weiß oder weiß mit schwarz gefleckt, weiß mit braunen Flecken (mit oder ohne Maske); nicht erwünscht ist grau, gestromt, liver oder black&tan.

Das Aussehen ist an die Gegebenheiten angepasst, daher haben viele streunende Hunde in den südlichen Ländern ein ähnliches Aussehen.
Rüden sind in der Regel größer und kräftiger als Hündinnen.

Verhalten

Sie sind sehr eigen- und selbständig, das kommt durch ihre ursprüngliche Lebensweise: entweder als freilebende Hunde oder als Begleiter bei den Bedouinen. In beiden Situationen entscheiden sie über ihr Leben selbst und es wird ihnen so gut wie nichts vorgeschrieben. Das macht es für viele Hunde schwierig, sich an die Normen hier anzupassen, wenn von den Hunden ein „Kadavergehorsam“ erwartet wird. Wer sich für einen Canaan Dog oder sonst einen Paria entscheidet, sollte sich von einem immer funktionierenden und akkuraten Grundgehorsam verabschieden.

Im Allgemeinen sind sie bereit mit dem Menschen zu kooperieren, solange sie daran Gefallen finden und man mit ihnen und nicht gegen sie arbeitet. Wichtig ist dabei das Vertrauen, was der Hund in seinen Menschen braucht. Ist es nicht da, wird dieser sich weigern mit zu machen.

Sie sind sehr wachsam, ihnen entgeht nichts! Alles was als gefährlich eingestuft wird, wird verbellt: das kann ein vorbeifahrendes Auto, der Nachbar oder ein sich bewegendes Katzenspielzeug sein, was immer in der Ecke liegt. Wichtig ist es, dem Hund zu zeigen, was ist normal und was nicht. Levi weiß genau, wer bei uns wohnt und wer nicht, wer regelmäßig durch das Hoftor kommt und wer neu ist.

Selbst auf einem Spaziergang sind sie immer wachsam und beobachten ihre Umgebung, Levi kann draußen zwar entspannen, aber dennoch ist er wachsam und schläft nur wenn er sich sicher fühlt (Auto, Wohnung etc.).

Zu seiner eigenen Familie ist er sehr loyal, alles was ich Levi als „Familienmitglied“ vorstelle, wird von ihm akzeptiert, das gilt auch für Nager und Vögel. Ich hab die Kaninchen mit ihm im Garten laufen lassen und er hat auf sie aufgepasst.

Fremde Hunde werden im eigenen Bereich eher selten toleriert, wobei Levi da sehr offen ist, intakte Rüden werden jedoch nicht geduldet. Generell ist es nicht unüblich, dass sich gleichgeschlechtliche Hunde ab dem Erwachsenenalter nicht mehr verstehen. Denn im Gegensatz zu vielen Hunden werden sie erwachsen und benehmen sich entsprechend.

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Sie sind, sofern gut sozialisiert, sehr offen für neues, wenn auch skeptisch am Anfang. Alles wird erst vorsichtig inspiziert, bevor es für ungefährlich gehalten wird. Selbst unbekanntes Futter wird meistens erst einmal in Ruhe angeschaut, bevor es gegessen wird. Das darf aber nicht mit Angst verwechselt werden. Wer in der Natur keine Skepsis zeigt, wird aufgegessen und lebt nicht lange.

Er ist kein Hund, der gut Befehle ohne zu hinterfragen ausführt. Levi und ich führen viele Diskussionen und nicht immer habe ich Recht! Wir gehen viele Kompromisse ein, dennoch können sie sehr gut trainiert und konditioniert werden, wenn das Training an den jeweiligen Hund angepasst wird. Levi hat nicht nur den Grundgehorsam gelernt, sondern auch den einen oder anderen Trick.

Nicht zu unterschätzen ist der Jagdtrieb dieser Hunde! Als eigenständige Wesen, die auch alleine in der Wüste überleben, jagen sie natürlich auch. Levi ist es egal, ob es ein Kaninchen oder ein Reh ist. Das übliche JET-Training ist dabei nicht immer hilfreich, ich arbeite dagegen viel mit selbstbelohnendem Verhalten und „gemeinsames Jagen“.

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Bis Levi bei mir einzog, kannte ich das Phänomen so gut wie gar nicht, dass Hunde ihr Essen verstecken, wenn sie satt sind. Dambo hat es immer im Napf liegen lassen, aber Levi vergräbt sein Futter: im Katzenklo, in der Zimmerpflanze, im Bett, im Sofa, auf dem Sessel oder wenn er im Garten Futter kriegt auch da. Ob das jetzt Rassetypisch oder generell eher Urhundetypisch ist, kann ich nicht genau sagen.

Ich hab oben bereits erwähnt, dass Menzel sie als Zwischenglied von Haus- und Wildhunden ansiedelt. 2015 hatte ich das Glück in Israel wildlebende aber auch Bedouinenhunde beobachten zu dürfen, dazu kenne ich viele Canaans als Haushunde. Dabei ist mir aufgefallen, dass die Hunde, die wild oder halb wild leben, eine viel größere Individualdistanz aufweisen, als Hunde, die an den Menschen und deren Umfeld (z.B. Stadt, Dorf etc.) gewöhnt sind. Selbst die Hunde, die bei den Bedouinen leben, bleiben auf Entfernung und lassen sich allerhöchstens von den Kindern anfassen. Der Canaan Dog ist immer bei seinem Menschen, aber selten mit ihm. Die Interaktion mit dem Menschen, wie bei den meisten Jagdhunden, wurde niemals als Zuchtziel ausgewählt. Sie sollten die Herde bewachen und melden, wenn sich jemand nähert, sie agieren eigenständig und ohne Kommando des Menschen. Betrachtet man so ein Bedouinencamp, sieht man die Hunde um das Camp herumlaufen, niemals in den Zelten oder nahe bei den Menschen. Einige Rüden bewegen sich außerhalb des Camps, manchmal schließen sich neue Hunde an oder junge Exemplare ziehen weg und suchen sich was neues. Aber anders als unsere Hütehunde bewegen sie sich mit der Herde und halten die Tiere nicht zusammen, das ist Aufgabe der Frauen und Kinder. Es ist eben ein Hund, der eine lose Beziehung zu dem Menschen hat und dies im Falle der Bedouinen auch zeigt. Ein einzelner Hund kann eine sehr innige Beziehung zu einem Menschen aufbauen, wenn beide Parteien das zulassen.

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Bis zu einem bestimmten Alter jedoch (ca. 6-8 Wochen) sind sie sehr unerschrocken und zeigen keine Angst gegenüber dem Menschen. Während unseres Wüstentrips haben wir einen Wurf Canaans gefunden, geschätzt wurden sie auf ca. 6 Wochen, eine Hündin davon wurde mitgenommen und sie zeigte sich aufgeschlossen und offen allem neues. Ausgewachsene wild/halbwild lebende Hunde sind viel skeptischer Fremden und Neuem gegenüber, als die, die bei uns aufwachsen, egal, ob es um Menschen oder Futter geht.

Hunde, die von klein auf an den Menschen und alles, was dazu gehört, gewöhnt sind, können sehr gut in der Stadt leben. Für einen Hund aus der Wildnis stellt es in der Regel auch kein Problem dar, allerdings muss man Abstriche machen und das Training bzw. die Gewöhnung an das neue Leben kleinschrittig aufbauen. Levi z.B. ist ein Zuchthund, ist aber in einem kleinen Dorf in Italien ohne große Umweltreize groß geworden, bei der Gewöhnung an fremde Menschen bin ich mir nicht sicher, was da gemacht wurde. In einer reizarmen Umgebung fühlt er sich wohl, kann gut mit mir agieren und orientiert sich an mir oder an Dambo. Sind wir aber in der Stadt, fällt es ihm schwer: laute Geräusche, viele Menschen und neue Gerüche verunsichern ihn schnell. In so einem Fall stellt er das Denken ein und reagiert nur noch instinktiv: Flucht ist dabei seine erste Wahl, egal wohin, nur erst einmal weg von allem, bis er in Sicherheit ist und es sich angucken kann. Und das ist der entscheidende Faktor, der ihn von einem Angsthund unterscheidet: Er flüchtet, aber nur soweit, bis er sich sicher fühlt, er rennt nicht völlig plan- und kopflos weg. Ein Canaan Dog kann sich relativ gut orientieren und findet den Weg nach Hause. Selbst wenn er mir wegrennen würde, weil er was gesehen hat, weiß er wo ich bin und taucht hinter/vor/neben mir wieder auf und läuft weiter. Und auch in einer Angstsituation entfernt er sich nicht weit von mir, ich kann ihn zwar nicht einfangen, aber er bleibt bei mir, in sicherer Entfernung (diesen Fall hatten wir einmal in einem Park in Potsdam, er hat auf mich gewartet und wäre auf Abstand mit mir zum Auto gelaufen, ließ sich aber nicht einfangen, solange wir an der Stelle standen, vor der er sich erschreckt hatte).

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Wildlebende Hunde haben für solche Zwecke mehrere Höhlen, wobei eine der Hauptwohnsitz ist (in Levis Fall unsere Wohnung), sie haben aber auch weitere Zufluchtsorte, die sie aufsuchen, wenn sie gejagt werden oder es nicht rechtzeitig zurück schaffen, z.B. weil es schnell zu heiß wird (in Levis Fall ist das z.B. das Auto, er weiß in der Regel wo das steht oder die Wohnung meiner Mutter in Berlin).

Im Vergleich zu anderen Urhunden (ich persönlich hatte Kontakt zu Shibas, Akitas, Huskys, einer Korean Jindo-Hündin, Islandhunden, Thai Ridgebacks) kann ich sagen, dass keiner von denen so extrem skeptisch gegenüber Neuem war (sofern sie nicht depriviert waren!). Wobei da aber der Faktor mitspielt, dass diese Hunde zwar ursprünglich sind und viele von den Eigenschaften besitzen, dennoch wurden sie für einen Zweck (z.B. Jagd, Schlittenhunde) gezüchtet und somit mehr vom Menschen abhängig waren als der Canaan Dog. Gerade der Islandhund ist offen für alles und freundlich zu jedem, zumindest den, den ich kenne.

Pariahunde können beim Menschen leben und mit ihm interagieren, sie können aber gleichzeitig auch selbständig ohne diesen überleben, sofern genug Wild da ist, sind sie unabhängig von Siedlungen. Die meisten Parias finden sich dennoch in der Nähe der Siedlungen (Egal ob Israel oder Zentralasien), einfach weil das Futter dort auf der Straße liegt und nicht noch erbeutet werden muss. In Israel/Jordanien gibt es wahrscheinlich noch kleinere Familienverbände die weitab vom Menschen leben. Und auch der Indian Paria Dog, der New Guinea Singing Dog oder der New Guinea Highland Wild Dog können fernab der Zivilisation überleben und tun dies erfolgreich auch.

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Canaan Dogs im Sport

Obwohl es in den USA nicht unüblich ist, Canaans im Sport zu sehen ist es in Deutschland eher eine Seltenheit. Vieles in dem Hundesport ist ihnen auf Dauer zu langweilig: viele Wiederholungen finden sie furchtbar.

Wobei sie oft für Agility zu begeistern sind, da ihre Schnelligkeit und Geschicklichkeit herausgefordert werden, können sie auf einem Turnier aber auch einfach nicht mitmachen, weil ihnen gerade nicht danach ist. Die 100%ige Sicherheit hat man eben nie.

Was ihnen Spaß macht ist Nasenarbeit: Mantrail, Fährtensuche, aber auch hier Vorsicht mit Wiederholungen! Levi z.B. macht eine Runde Mantrail sehr gut, die zweite dagegen wird nicht sauber, sehr langsam oder mit Unterbrechungen ausgeführt. Und wehe er muss zweimal die gleiche Person suchen! Da kann er dann schon mal Umwege laufen, weil sie interessanter sind oder einer Katzenfährte hinterhergehen. Aber auch dann kann ich ihm nicht meinen Willen aufzwingen, weil er dann umdreht und zum Auto läuft.

Fürs Canicross kann ich ihn jedoch immer überzeugen: er läuft für sein Leben gerne.

Da ich selber aber auch nicht so der Hundesportler bin, kann ich nur auf Erfahrungen anderer zugreifen: in den USA machen sie Agility, Obedience, Herding, Barn Hunt und vieles mehr.

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Warum ich mich für einen Canaan Dog entschieden habe?

Ich mag ihre Eigenständigkeit, das selber denken, ihre Fähigkeit sich schnell anzupassen und auch wenn es manchmal nervig sein kann: das Hinterfragen und nicht jeden Befehl ausführen. Natürlich führt er mich vor, steht vor mir, weiß genau was er machen soll und tut es nicht. Ich sehe es ihm an! Sage ich ihm er soll sich setzen kommt es fast immer zu der Frage: warum?

Für Levi bin ich nicht die Herrscherin die alles bestimmt, sondern seine Freundin mit der er Abenteuer erleben kann. Wir sind ein Team was miteinander agiert, er folgt mir, weil er mir vertraut und nicht weil ich es ihm sage. Durch das Vertrauen was wir haben, fährt er in Berlin S-Bahn, obwohl er es unheimlich findet. Er würde niemals was tun, was ihm schadet, nur weil ich das gerne will. Und genau das mag ich an ihm: Er ist ein Hund mit allem was dazugehört, aber mit viel Grips und einen eigenen Willen.

Natürlich mag ich auch die Optik, auch wenn sie sich für einen Laien nicht viel vom Husky unterscheidet.

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Bücher:

Dres. R. und R. Menzel, Pariahunde
Myrna Shiboleth, The Israel Canaan Dog

Links:

http://www.canaandog.ch
http://www.canaandog.co.uk/
http://myrnash0.tripod.com/shaarhagai-canaandogs/

Dominanz – Mythos oder Realität?

Der Begriff „Dominanz“ ist weit verbreitet in der wissenschaftlichen und populären Literatur über das Verhalten von Haushunden; vor allem in Bezug auf aggressives und agonistisches Verhalten in Hund-Hund- und Mensch-Hund-Beziehungen.
Obwohl Dominanz ein situatives Verhalten beschreibt, wird der Begriff immer wieder irrtümlich verwendet, um ein vermeintliches Wesensmerkmal einzelner Hunde zu beschreiben, obgleich es keine Beweise dafür gibt, dass ein solches Merkmal existiert.
Anders als oftmals angenommen beschreibt „Dominanz“ keine generelle Position innerhalb einer Hierarchie oder eine dauerhaft präsente Charaktereigenschaft, sondern bezieht sich auf das situationsbezogene Verhalten in Konflikten und in der sozialen Interaktion – ein Hund kann einem Artgenossen gegenüber in einem Konflikt dominant auftreten und dessen Ausgang positiv für sich entscheiden, in einer anderen Interaktion mit demselben Hund jedoch submissiv agieren. Ein andauerndes Streben nach Dominanz oder einen Hund, der jedes andere Lebewesen unterwerfen möchte, gibt es jedoch nicht.
Die Idee, dass Hunde nach dauerhafter Dominanz streben und den Wunsch haben, den Menschen zu unterwerfen, ist längst überholt; auch unter Hunden gibt es meist wechselnde Sozialstrukturen und keine strikte Hierarchie. Die Vorstellung einer dauerhaft dominanten Position und dem Streben nach Macht, die aus der Beobachtung von Gehegewölfen abgeleitet wurde, ist inzwischen durch Verhaltensbeobachtungen und qualifizierten Studien an Wölfen und Haushunden widerlegt worden – während Wölfe innerhalb ihres Familienverbandes und im Kontakt zu Menschen dazu neigen, zu kooperieren und gemeinsam eine Lösung zu erarbeiten, ordnen sich Hunde situativ einem Artgenossen oder dem Menschen unter – eine Eigenschaft, die nicht natürlich entstanden ist, sondern durch Selektion gefördert wurde, da ein konfliktvermeidenes Verhalten sowohl Mensch-Hund-Beziehungen als auch innerartliche Beziehungen erleichtert. [1]

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Dominanz oder Kommunikation? – Eine stressbedingte Reaktion auf Unbehagen

Verhalten, das oftmals als irrtümlich dominant eingestuft wird, ist in der Regel in drei Motivationen zu unterteilen: Instinkt, Übersprung/Stressabbau und Konfliktlösung.
– Hunde, die vermeintliches Sexualverhalten ihren Besitzern oder anderen Hunden gegenüber zeigen, versuchen nur selten, ihr Gegenüber zu unterwerfen; vielmehr dient dieses Verhalten dem Stressabbau. Insbesondere das „Besteigen“ ist ein häufiges Übersprungsverhalten, das nicht durch das Streben nach Macht, sondern durch Stress bedingt ist.
– Vierbeiner, die vor dem Halter wegrennen, in die Leine beißen, knurren oder schnappen, zeigen konfliktlösendes und konfliktvermeidendes Verhalten, sie sind jedoch nicht dominant.
– Jagdverhalten oder Ressourcenverteidung sind weder Dominanz noch Ungehorsam, sondern natürliches Verhalten, das aus Hundesicht absolut logisch ist. Es liegt am Halter, dieses mit bedürfnisorientiertem Training in angemessene Bahnen zu lenken.
– Ein Hund, der wegläuft, versucht, sich dem Konflikt mit seinem Halter zu entziehen, ein Hund, der knurrt oder schnappt, möchte kein Anführer sein, sondern kommuniziert Unbehagen und versucht, die Situation durch sein Kommunikationsrepertoire zu lösen.
– Hunde, die nicht auf den Rückruf reagieren, nicht auf die Worte des Halters reagieren, entgegen eines Verbotes aufs Bett springen, sind nicht dominant, sondern haben schlichtweg nicht zufriedenstellend gelernt, was sie dürfen oder nicht dürfen. [2]

In Studien über das Verhalten einer Gruppe Haushunde waren lediglich paarweise Beziehungen erkennbar, aber es konnte keine Gesamthierarchie festgestellt werden. Assoziatives Lernen bietet mehr Erklärungen für das agonistische Verhalten bei Hunden als das traditionelle Konzept der Dominanz. Andere Untersuchungen zeigen, dass Hunde nicht motiviert sind, einen Platz in einer „Rangordnung“ einzunehmen oder eine Gruppe anzuführen. Die Vorstellung, dass jeder Hund von einem angeborenen Wunsch motiviert wird, Menschen und andere Hunde zu kontrollieren, unterschätzt die komplexen kommunikativen und kognitiven Fähigkeiten von Hunden enorm. Vermeintlich dominantes Verhalten wird oftmals von Hunden gezeigt, die gelernt haben, Aggression zu nutzen, um eine vorweggenommene Strafe zu vermeiden oder von Hunden, die vermeintlich respektlose Übersprungshandlungen zeigen. [3]

Dominanz existiert tatsächlich, allerdings bezeichnet sie nicht das dauerhafte Streben nach Macht und Gewinn, sondern dient dazu, eine soziale Dynamik zu beschreiben. Dominanz ist ein Konzept zwischen Individuen und ein situationsbezogenes Verhalten, doch basiert eine gesunde soziale Dynamik nicht darauf, eine Hierarchie durch aggressive Handlungen durchzusetzen – derartige Konzepte sind potenziell gefährlich und fördern Aggression. Eine ordnungsgemäße Sozialisation und bedürfnisorientierte Ausbildung fördern eine angemessene Interaktion zwischen Mensch und Hund und tragen zu einer auf Vertrauen und gegenseitigem Respekt beruhenden Beziehung bei; im Falle von Verhaltensauffälligkeiten ist keine „Rangreduktion“ sinnvoll, sondern ein auf den Einzelfall angepasstes Training, das den Umgang zwischen Hund und Halter schult.

Sources:
http://www.journalvetbehavior.com/article/S1558-7878%2808%2900115-9/abstract
https://www.sciencedaily.com/releases/2009/05/090521112711.htm
http://www.sciencemag.org/news/2014/08/wolves-cooperate-dogs-submit-study-suggests
http://www.apbc.org.uk/articles/why-wont-dominance-die

Einmaleins Kanidenverhalten

Teil 3- Neophobie bei Hunden und Hundeartigen

Der Begriff Neophobie bezeichnet die Angst vor unbekannten Situationen, neuartigen Dingen oder fremden Personen. Neophobie wird besonders bei Wildkaniden (Wölfen, Kojoten, Schakalen und Dingos), aber auch bei Hunden mit Deprivationssyndrom beobachtet.
Bei wildlebenden Hunden und nicht domestizierten Kaniden erfüllt die Angst vor Unbekanntem eine wichtige, überlebenssichernde Funktion – Neophobie erfüllt eine wichtige Funktion bei der Nahrungsbeschaffung, der Wahl des Reviers und dem Verhalten anderen Lebewesen gegenüber. Neophobische Tiere sind seltener gefährdet, toxische Pflanzen zu konsumieren, sich potenziell gefährlichen Objekten und Lebewesen unbedacht zu nähern und sich selbst Gefahrensituationen auszuliefern – es ist eine Überlebensstrategie.
Deprivierte Hunde reagieren auf eine Vielzahl unbekannter Reize ängstlich-vermeidend, weil sie aufgrund ihres reizarmen Aufwachsens keine angemessenen Bewältigungsstrategien kennenlernen und kein gesundes Explorationsverhalten entwickeln konnten – wie auch bei Wildkaniden und deren Mischlingen bleibt das instinktgeleitete neophobische Verhalten ein Leben lang präsent, lässt sich jedoch durch intensives Training deutlich verbessern.

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-Hund bei dem Vorhaben, Futter aus der Hand eines Fremden zu nehmen, in Fluchtposition verharrend, vor dem Essen wieder zurückschreckend, dann auf Distanz bleibend

Im Gegensatz zu deprivierten Hunden zeigen Wildkaniden und deren Mischlinge neben Neophobie auch Neophilie, eine große Neugier und ein ausgeprägtes Erkundungsverhalten bei neuen Objekten. Exploration ist eine wichtige Eigenschaft, um Informationen über Merkmale der Umgebung zu sammeln, die direkt oder indirekt das Überleben und die Reproduktion beeinflussen können. In engem Zusammenhang mit der Exploration steht die Neophobie, die die Exposition gegenüber der Gefahr reduzieren kann, aber auch das explorative Verhalten einschränkt.
Wolf & Co dazu, schneller Bewältigungsstrategien zu entwickeln, erlerntes Verhalten anzuwenden und sich selbst neues Verhalten zu erarbeiten, sind jedoch weniger zugänglich dafür, sich Verhaltensweisen mit menschlicher Hilfe beibringen zu lassen.


Kojoten-Hund-Mischlinge nach jahrelanger Gewöhnung an neue Objekte. Trotz des intensiven Trainings zeigen die Tiere noch immer neophobische Tendenzen.

Die reduzierte Latenz, sich neuen Objekten zuzuwenden und Gefahren abzuwägen sowie weniger Zeit für die Erkundung von Gegenständen aufzubringen, kann bei Hunden als eine Folge der Domestikation interpretiert werden – durch die Domestikation haben gesunde Hunde die Angst vor Neuem abgelegt, jedoch auch ihr ausgeprägtes und eigenständiges Erkundungsverhalten verloren – zwei Eigenschaften, die mit der engen Kooperation mit Menschen einhergehen und häufig als wünschenswert angesehen werden.

Sources: The influence of relationships on neophobia and exploration in wolves and dogs -Lucia Morettia, Marleen Hentrup, Kurt Kotrschal,Friederike Range
The Domestic Dog: Its Evolution, Behaviour and Interactions with People – James Serpell
Kalissa Black as owner of the coydogs and originator of the linked video