Das Drama des begabten Hundes

Manche Hunde passen zu ihren Haltern wie Arsch auf Eimer – doch was, wenn die Interessen des Hundes überhaupt nicht mit den Vorstellungen des Halters übereinstimmen?
Viele Hunde zeigen Jagd-, Schutz-, oder Hüteverhalten, das nicht selten unerwünscht ist – sind die Interessen von Hund und Halter nicht vereinbar und das Verhalten nur trainingsaufwändig modifizierbar, werden die Vorlieben des Hundes zum Problem im Zusammenleben. Liegen die Ursachen für das Verhalten  in Trainingsfehlern oder sind durch Stress des Hundes bedingt, lässt sich die unerwünschte Vorliebe aushebeln, indem die Ursache behoben wird; ist das Verhalten jedoch genetisch bedingt und bereits einstudiert, ist der Trainingsansatz ein anderer: Das Interesse muss in Bahnen gelenkt und kontrollierbar werden. Damit ein entspannter Alltag möglich ist, muss eine Lösung gefunden werden – idealerweise für Hund und Mensch.

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Fördern und fordern

Um das Verhalten des Hundes unter Kontrolle zu bringen, gibt es unterschiedliche Ansätze. Hat der hündische Begleiter bereits seit Längerem die Möglichkeit, seiner Lieblingsbeschäftigung nachzugehen und seine Taktik dabei stets zu seinem Erfolg zu verbessern, ist es häufig wenig zielführend, das Verhalten zu verbieten – der Hund lernt nicht, was er stattdessen tun soll, er muss sich andauernd zurücknehmen und häufig das, was ihm in die Wiege gelegt wurde, unterdrücken; das führt zu Frust und oftmals zu Ersatzhandlungen, es können sich unerwünschte Verhaltensweisen an anderer Stelle zeigen, das andauernde Verbot kann zu massivem Stress führen oder zur Folge haben, dass der Vierbeiner Wege sucht, um das Verbot zu seinem Vorteil zu umgehen.

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Eine andere Möglichkeit ist, dem Hund Ersatzbeschäftigungen anzubieten, die sein Interessensgebiet aufgreifen und seinen Talenten entsprechen.
Für jagdambitionierte Hunde bieten sich Mantrailling, Fährtensuche, Dummyarbeit, Training mit der Reizangel, Apportierübungen und anderes Jagdersatztraining an, bei dem der Hund statt echtem Wild einer Ersatzbeute oder einer anderen Geruchsspur nachjagt. Besonders Hunde, die eine hohe Kooperationsbereitschaft mitbringen und sich nicht nur für die Jagd an echtem Wild, sondern auch an Spielzeug oder Futter begeistern können, ist eine solche Alternativbeschäftigung ideal.

Bei Hunden, die Schutzverhalten zeigen, bietet sich IPO oder Mondioring an, zwei Hundesportarten, die auf beuteorientiertes Arbeiten – mitunter auch Unterordnung und Fährtenarbeit – unter hohen Gehorsamkeitsanforderungen ausgelegt sind und die Ansprechbarkeit des Hundes fördern, ihm jedoch zugleich die Möglichkeit bieten, in gestellten Bedrohungssituationen Ansprechbarkeit zu zeigen und in hoher Erregungslage die gewünschten Entscheidungen zu treffen.

Für Hunde, die ursprünglich für die Arbeit am Vieh gezüchtet wurden oder daran großes Interesse zeigen, gibt es einige etablierte Hundesportarten – dynamischer, schneller Sport wie Agility, Rally Obedience, der bei einigen Hunden das Risiko birgt, sie aufdrehen zu lassen, für andere jedoch genau das richtige Ventil darstellt oder ruhigere Beschäftigungen wie Longieren, Treibball (je nach Ausführungsart) oder Obedience. Besitzt man einen Hund, der sich für tatsächliche Hütearbeit eignet und ist man in der Lage, in die Viehhaltung genauso viel Herzblut zu investieren wie in die Hundehaltung, besteht ebenso die Option, den Hund tatsächlich hüten zu lassen.

Insbesondere bei Hunden, die zusätzlich zum Jagdverhalten sehr zugfreudig sind, bietet sich Zughundesport als Möglichkeit an, dem Hund sowohl zu ermöglichen, zu rennen / zu hetzen und, seinen Vorwärtsdrang auszuleben, ohne dabei stupide in der Leine zu hängen – er übernimmt eine Aufgabe und wird Teil eines Teams.

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Teamwork statt Einzelkämpfer

Für uns war es zielführend, konsequent mit dem Hund statt gegen ihn zu arbeiten, zu sehen, dass er kein Fehlverhalten zeigt, sondern hochtalentiert ist. Für unseren Alltag heißt das, dem Hund so wenig Verbote in seinem Interessengebiet wie möglich aufzuerlegen; abgesehen von den Verboten, die notwendig sind, um ihn und andere Lebewesen zu schützen, darf er seiner Begabung nachkommen – mehr noch, er wird darin geschult. Ich habe mich dafür entschieden, mit meinem jagdambitionierten und ausgesprochen talentierten Hund gemeinsam zu jagen. Wir machen dabei natürlich keine echte Beute, sondern geben uns mit Ersatz zufrieden, dennoch ermögliche ich meinem Hund, so viele Jagdsequenzen wie möglich auszuleben.
Ich fördere gezielt das Wittern von Wild, das Vorstehen, das Spurensuchen, ich beobachte, wie sich die Körpersprache meines Hundes von Wildart zu Wildart unterscheidet, wie sich seine Anspannung je nach Entfernung des Wildes bemerkbar macht und lerne, darauf zu reagieren – ich werde zum Jagdpartner.

Unsere Partnerschaft sorgt dafür, dass mein Hund seine Leidenschaft ausleben kann und dadurch, dass er immer besser lernt, seine Umgebung zu beobachten und einzuschätzen, ansprechbarer und kontrollierter wird.
Viele Hunde lernen dadurch, nicht sofort loszustürmen, wenn sie Wild riechen oder sehen, sondern abzuwarten, so beobachten, durchdacht zu handeln.
Das kann für den Halter ein ungemeiner Vorteil sein, er hat Zeit, um zu reagieren, er kann die Momente, in denen der Hund ansprechbar ist, verlängern und die Kontrollierbarkeit immer mehr ausbauen.

Mein Hund kam schon als kleines Jagdwunderkind zu mir, mit all seinen Vor- und Nachteilen. Er wusste genau, wann es sich lohnt, Wild nachzugehen, konnte einschätzen, ob er eine reelle Chance hat, es zu erwischen und kannte sofort den Unterschied zwischen „angeleint“ und „abgeleint“. Mir hat das anfangs einiges erschwert, nun erleichtert es mir vieles. Dieser Hund hat mich für sein Hobby nicht gebraucht, aber er hat durch unsere Kooperation gelernt, mich als Begleitung wertzuschätzen.

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