Kooperation oder Co-Existenz

Miteinandersein oder Nebeneinanderherleben? – eine Frage, die sich insbesondere bei eigensinnigen Hunden, deren eigener Wille selten dem des Hundehalters entspricht, stellt.
Was tut man, wenn die Vorstellungen von Hund und Halter komplett auseinandergehen, wenn der Eindruck entsteht, dass der Hund den Halter nicht braucht? Ein schwieriges, für viele Halter leider sehr präsentes Thema. Resignation – keine Option! Doch, was nicht passt, muss passend gemacht werden? Nicht immer.
Manchmal ist es einfacher und zielführender, sich den Bedürfnissen des Hundes anzunähern, auf die Vorlieben des Hundes einzugehen und ihm Entscheidungen zuzusprechen – die Motivationen des Hundes zu erkennen und seinen Bedürfnissen entsprechend zu trainieren.

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Bedürfnisorientiert – aber wie?
Jeder Hund hat unterschiedlich Bedürfnisse und Interessen, die es als Halter herauszufinden gilt. Weiß man, woran der Hund Freude hat, kann man das gezielt einsetzen, um ihn seinen Vorlieben entsprechend zu belohnen – vielseitig und variabel.
Viele Hunde schätzen eine Belohnung über Futter oder Spielzeug sehr, allerdings sind die meisten ebenso begeistert, wenn sie über Umweltbelohnungen bestärkt werden.
Eine Umweltbelohnung ist, was der Hund von sich aus anbietet, beispielsweise schnüffeln, buddeln, vorstehen, beobachten, wittern, fährten. Ebenso bietet es sich an, Belohnungen in die Umwelt einzubauen – statt nur Futter zu geben, kann man es suchen lassen, den Hund hinterherjagen lassen oder es an Bäume kleben. Auch Hunde, die Futter und Spielzeug wenig Bedeutung beimessen, lassen sich belohnen – häufig über Rennspiele, Distanzvergrößerung oder Verringerung oder, indem der Hund nach dem gewünschten Verhalten das tun darf, was er bereits zuvor machen wollte.

Gefährte statt Kommandant
Erlerntes Verhalten einzufordern ist sinnvoll, allerdings lohnt es sich, zu hinterfragen, ob das Signal in diesem Moment genutzt werden muss – soll der Hund herkommen, weil ich es möchte oder hat es einen anderen Grund, zum Beispiel eine Trainingssituation oder ein Ereignis, bei dem der Hund besser in meiner Nähe ist?
Hunde meistern jeden Tag eine gewaltige Aufgabe, sie nehmen sich ständig zurück, ordnen sich unseren Wünschen und Bedürfnissen unter und passen sich den Gegebenheiten unserer Menschenwelt an, die sich häufig von der hündischen Empfindungswelt unterscheiden – warum dem Hund nicht Freiraum lassen, wenn es geht?
Den Hund entscheiden lassen, in welchem Tempo er zurück kommt, wie lange er schnüffeln möchte, ob er die nächsten drei Matschpfützen in einem irrsinnigen Tempo durchrennen und mit einem Bauchklatscher darin landen möchte – ihm den Raum lassen, unheimliche Situationen zu meiden, seine Individualdistanz zu wahren, zu entscheiden, welcher Artgenosse Sympathien weckt und wem man lieber nicht auf den Hundepelz rückt. Es spricht nichts dagegen, den Hund bei allem Für-den-Mensch-Sein auch mal ganz Hund sein zu lassen.

Grenzenlose Freiheit?
Um dem Hund Entscheidungsfreiheit zu ermöglichen, muss man seine Kompetenzen, aber auch seine Grenzen kennen. Ich habe gern Hunde, denen ich viel Verantwortung überlassen kann, weil sie mitdenken, weil sie sich mit eigenen Entscheidungen wohlfühlen und, weil sie in ihren Bereichen kompetent sind; doch jeder Freiraum hat auch Grenzen, die es zu wahren gilt. Dem Hund Grenzen zu weisen, bedeutet nicht zwingend, in ihm Aversionen auszulösen – zwar sind negative Emotionen und Erlebnisse nicht gänzlich vermeidbar, jedoch können wir jene im gezielten Training außen vor lassen.
Klare Regeln braucht jedes Lebewesen, um die Welt um sich begreifen zu können – doch klar ist eine Regel auch, wenn sie für den Hund bedeutet, dass seine Strategie keinen Erfolg bringt, während sich alles, was im erwünschten Bereich ist, lohnt.
Hunde entscheiden nach Motivationen, nach Wertigkeiten – ist das, was sie wollen, weniger interessant als das, was wir zu bieten haben oder weniger wertvoll als eine Strafe zu vermeiden, entscheiden sie sich für uns. Ist die Motivation des Hundes, etwas zu tun, was wir nicht wollen, jedoch höher als die, das zu tun, was wir wollen, die Belohnung zu ergattern oder die Strafe zu vermeiden, muss der Erfolg des Hundes verhindert und das Training intensiviert werden; doch auch der Trainingserfolg des Hundes hat Grenzen, die es zu erkennen und zu respektieren gilt.

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Konsequent dafür, konsequent dagegen?
Der Unterschied zwischen einem Hund, der macht, was er will, der einfach in die Leine rennt, der differenzialdiagnostisch untersucht wurde, um Taubheit auszuschließen und der sich mehr für den nächsten Baum als den Halter interessiert, ist in erster Linie Konsequenz.
In unserem Fall hieß Konsequenz, sich konsequent dafür zu entscheiden, was der Hund möchte, ihm Raum zu lassen, sich wirklich darauf einzulassen und interessant zu werden. Aus einem Hansguckindieluft, der zuvor nicht zu wissen schien, was er mit dem anderen Ende der Leine anfangen soll, wurde ein Hund, der sich auch für das, was ich machte, zu interessieren begann. Eine Kooperationsbasis war da, die für uns bedeutet hat, konsequent alles zu fördern, was erwünscht ist, auch, wenn der Grat zum Unerwünschten schmal war und, konsequent alles zu verhindern und zu stoppen, was ungewollt war. Mit einer Leine, mit Worten, mit antrainierten Signalen und Verhaltensketten.
Konsequenz lohnt sich in jedem Fall – wenn der Hund weiß, was lohnenswert ist und was nicht, wird er jenes ebenso konsequent zeigen, doch das heißt unter Umständen auch, den Hund zu sichern, um Verhalten, das für den Hund selbstbelohnend ist, verhindern zu können.

Der selbstbestimme Hund, der selbst bestimmende Mensch
Für uns waren Freiheiten und eigene Entscheidungen der entscheidende Schlüssel zur Kooperationsbereitschaft – dem Hund zuzugestehen, selbst zu entscheiden, welchen Weg er auf dem Spaziergang einschlagen will, wie lange er schnüffeln möchte, ob das geforderte „Sitz“ wirklich sinnvoll ist oder ob ein anderes Verhalten ebenso in Ordnung ist – darauf zu achten, was der Hund möchte, auch mal nachzugeben, abzuwägen und sich selbst zu reflektieren; eine Balance zwischen dem zu finden, was ruhig aus dem Ruder laufen darf und, was unbedingt mit Präzision erfüllt werden muss.
Seit die Hunde – innerhalb ihrer Möglichkeiten – das machen dürfen, was sie möchten, sind sie und wir viel entspannter geworden. Je mehr wir auf sie eingehen, desto mehr kommen sie uns entgegen – es ist ein Geben und Nehmen, das für uns besser funktioniert als eine strikte Hierarchie.

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4 Gedanken zu “Kooperation oder Co-Existenz

  1. Ein sehr lesenswerter Artikel über den jeder Hundehalter einmal nachdenken sollte. Manchmal lassen wir unseren Hunden doch zu wenig Freiheit, weil gerade jemand da ist, der erwartet, dass der Hund funktioniert und es uns peinlich wäre, wenn es nicht so ist. Warum eigentlich? Ein Hund muß nicht immer funktionieren, es sei den die Situation erfordert es, aber ist es nicht schön eine lehmverschierte Schnauze und glückliche Augen zu sehen? Und wenn mir einer sagt, sie haben ihren Hund nicht im Griff, sag ich: Stimmt und dem Hund gefällts.

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  2. Ich bin immer froh, über artikel wie diesen zu “stolpern“. Wie viele, denen das brett vom kopf gefallen ist, bin ich froh über neue anregungen.
    In meinem fall hat es meinen jungen rüden davor bewahrt, als problemhund abgestempelt zu werden und uns die möglichkeit eröffnet, alles komplett neu zu definieren und spaß am anderen zu finden. Selbst meine zehnjährige hündin profitiert von den geänderten umständen enorm und ist regelrecht aufgeblüht..
    Es ist also wirklich schön, dass mehr und mehr aufgezeigt wird, dass auch ängstliche, überreizte und aggressive hunde so die möglichkeit haben, raum für sich zu entdecken und vertrauen (neu) aufzubauen.
    Dass konditionierung ohne dominanz mehr als nur möglich ist und viel zu lange beseite geschoben wurde – wir alle müssen anfangen, empfänglicher für die signale unserer vierbeinigen gefährten zu werden.
    Weiter so! 😊

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  3. Toller Text. Das kann ich nur bestätigen. Ich habe zwar keinen „Urhund“, aber es ist auch für mich so viel entspannter, ihr so viele Entscheidungen wie möglich zu lassen. Ich lasse sie total gerne beim Spazieren die Richtung entscheiden und schnüffeln, solange sie will. Warum auch nicht? Das ist ja schließlich der einzige Grund, warum ich mit meinem Hund rausgehe – damit sie mal ihren Bedürfnissen nachgehen kann 🙂
    Schöner Blog, ich klick mich hier mal durch!

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