„Die klären das unter sich?“

Ob und was überhaupt Hunde unter sich klären ist ein viel behandeltes, kontroverses Thema – „Was haben zwei Fremde schon miteinander zu klären?“ ist eine der treffendsten Fragen, die ich zu dieser Thematik bisher gelesen habe – „Nichts – oder besser: Fast nichts“.
Hunde kommunizieren bei jeder Begegnung miteinander und auch mit uns, sie teilen dem Gegenüber Informationen über ihre Absichten mit, über das Gefühl, mit dem sie in die Begegnung gehen, sie präsentieren sich, sie drohen oder beschwichtigen; doch nicht immer werden diese Informationen auch vom anderen Hund verstanden oder berücksichtigt.

Grundsätzlich erübrigen sich klärende oder eher mehr Unklarheit schaffende Begegnungen zwischen einander fremden Hunden bereits, wenn man die Körpersprache beider liest und feststellt, dass jene ausgesprochen selten Wert darauf legen, sich näher miteinander bekannt zu machen.
Direkte Konfrontationen zwischen zwei oder mehreren Hunden sind unnatürlich und für die meisten Hunde unhöflich, dadurch entsteht ein Konflikt, den es dann zu klären gilt – im Idealfall unter den Haltern, indem man sich Sichtzeichen gibt oder sich kurz austauscht und einander ausweicht. Kommt dennoch eine Begegnung zustande, weil die Kommunikation der Halter miteinander genauso reibungsvoll verläuft wie die der Hunde, ist es Sache des Menschen, die Situation aufzulösen – im Sinne aller Beteiligten.

Die verschiedenen Absichten und das unterschiedliche Kommunikationsverhalten der jeweiligen Hunde kann forcierte, unerwünschte Begegnungen zum Problem werden lassen; dass zwei fremde Hunde miteinander spielen wollen und dem jeweiligen Spielstil des anderen entsprechen, ist ausgesprochen selten – „Spiel“, das unter Fremdhunden beobachtet wird, dient oftmals eher einer sehr juvenilen, freundlichen Art des Konfliktabbaus, kann allerdings in Sekundenschnelle umschlagen, wenn einer die Konfliktlösung des anderen nicht akzeptiert oder ein „Spielverhalten“ zeigt, das dem Gegenüber widerstrebt.
Besonders dann, wenn ein Interaktionspartner sexuelle Ambitionen hegt oder dazu neigt, sein Gegenüber zum Stressabbau zu besteigen, kommt es zu Konflikten, die ernster werden können – aber auch, wenn zwei sehr unterschiedliche Charaktere einander begegnen, besteht ein nicht zu unterschätzendes Konfliktpotenzial, vor allem bei einem sehr ungestümen, rüpelhaftem und einem zurückhaltenden, ängstlichen Hunden – für beide sind geordnete, kontrollierte Begegnungen wichtig, damit die jeweiligen Verhaltensweisen modifiziert und in Bahnen gelenkt werden können, erzwungener Fremdhundkontakt wirkt sich in jedem Fall kontraproduktiv aus.
Hunde, die immer und immer wieder in Situationen gedrängt werden, die sie nicht selbst lösen können, verlieren das Vertrauen zum Halter und entwickeln unerwünschte Lösungsstrategien, die oftmals zu übermäßigem Flucht- oder Aggressionsverhalten, das nur mit großem Aufwand wieder gelöst werden kann, führen. Prävention und Augenmaß ist eindeutig die bessere Wahl als die bequeme Maxime „Das machen die unter sich aus.“

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Vorsorgliche Beschwichtigung seitens sozial unsicherer Hündin gegenüber ungestümen Hund

„Dürfen die Hunde gar nichts mehr untereinander regeln?“

Doch, dürfen sie – wenn sie einander kennen oder, wenn sie auch gegenüber fremden Hunden fair handeln können – und der andere Hund das annehmen kann.
Ich lasse meinen Hund ausgesprochen selten auf fremde Hunde los – weil ich nicht weiß, wie der jeweilige Hunde reagiert. Bevor ich entscheide, meinen Hund eine Situation an meiner Stelle klären zu lassen, vergehen in der Regel einige Sekunden, in der ich die Körpersprache des anderen Hundes (und, falls anwesend, des Halters) so genau wie möglich lese und abwäge, ob mein Hund der bessere (Er-)Klärer ist als ich.
Häufig passieren solche Situationen mit Hunden, deren Menschen einige hundert Meter vor oder hinter jenen laufen und gar nicht mitbekommen, dass der Hund auf Abwegen quer übers Feld zum Fremdhund ist.
Bemerke ich, dass der andere Hund stoppt, einen Bogen läuft oder anders bereits auf Distanz beginnt, zu kommunizieren und die Signale meines Hundes richtig zu deuten, lasse ich eine Kommunikation zu – ist das nicht der Fall und alle noch so feinen oder offensichtlichen Drohsignale meines Hundes werden ignoriert, übernehme ich die Verantwortung, den Fremdhund zu stoppen, um den Konflikt im Keim zu ersticken und beiden Hunden eine unerwünschte Konfrontation zu ersparen; die wenigsten „Tut-Nixe“ ignorieren die Signale anderer Hunde aus Absicht oder dem Wunsch nach Maßregelung, viele verstehen sie nicht oder reagieren darauf mit „fiddle about“ – einer spielerischen, häufig stark überzogenen und hektischen Art der Konfliktlösung, die unter adulten Hunden vieler Rassen selten verwendet wird und damit häufig zu Konflikten führt.
Findet ein Kontakt zwischen meinen Hunden und einem Fremdhund statt, ist die Sache häufig schnell erledigt – entweder, der Kontakt ist erwünscht und die Hunde gehen ein Stück miteinander oder der unerwünschte Gast sucht schnell das Weite, notfalls, indem ich als Mensch meiner Aufgabe nachkomme und nachhelfe.

Klärungsbedarf unter Hundefreunden

Sind meine Hunde und ich in einer Gruppe aus mehreren Hunde-Halter-Teams unterwegs, die bereits miteinander bekannt sind und einander mögen, dürfen die Hunde nahezu alles untereinander klären – weil sie einander einschätzen können, weil sie sich miteinander verstehen, weil auch wir als Halter genau wissen, dass die Kommunikation erfolgreich ist.
Ich weiß, dass ich in einer Diskussion meiner Hunde innerhalb ihrer Gruppe nicht einzugreifen brauche – weil die Hunde so aufeinander abgestimmt sind, dass die Kommunikation passt und dass verschiedene Konflikte nicht aus dem Ruder laufen.
Meine Hunde haben zum Glück (!) kein ausgeprägtes Ressourcenverteidigungsverhalten, keine Tendenzen, andere Hunde zu jagen, zu hüten, zu besteigen oder andauernd zu bespielen – sie sind durchsetzungsstark und können maßvoll mit anderen Hunden umgehen, deshalb dürfen sie viele Dinge selbst lösen. Mit uns laufen jedoch auch Hunde mit, die das nicht können, mit denen es eine Gratwanderung darstellt, ob sie eine Zurechtweisung eines anderen, eines vertrauten Hundes akzeptieren können oder ob sie über die Stränge schlagen – in solchen Fällen greifen wir als Halter ein, denn auch unter Freunden gibt es keine Narrenfreiheit.

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Ressourcenverteidung zwischen zwei Jugendfreunden – ein Beispiel reibungsloser Kommunikation

Fremden Hunden traue ich in der Regel nicht zu, meine Hunde einschätzen zu können oder angemessen zu reagieren – ein Grund, aus dem ich nur Hundekontakt zulasse, wenn ich zweifelsfrei sehe, dass beide Hunde jenen wünschen, sofern er sich ansonsten verhindern lässt.
Kenne ich Hund und Halter und weiß, dass jeder von uns seinen Hund richtig einschätzen kann, lassen wir die Hunde ihre Konflikte lösen – eine erfolgreiche Konfliktlösung ist wichtig für das Sozialverhalten und Selbstbewusstsein des Hundes, deshalb sollte es jedem Hund ermöglicht werden, unter kontrollierten Bedingungen eigene, angemessene Lösungsansätze finden zu dürfen; Fremdhunde sind dafür allerdings ein denkbar schlechter Übungsgegenstand.

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