Partners in crime

Für viele Hundehalter ist das ausgeprägte Instinktverhalten, insbesondere das Jagdverhalten, ein Graus – dabei lässt sich das Jagdverhalten als Chance sehen, die „wilden Überbleibsel“ des Canis Familiaris Venatorius, des jagenden Haushundes, verstehen und wertschätzen zu lernen, einen Blick in die faszinierende Weite des hündischen Verhaltensrepertoires zu werfen.

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Wild dogs hunting prey – unknown photographer; source: Greg Litatcio

Jagdersatztraining oder auch Anti-Jagd-Training ist den meisten Begleitern eines jagdbegeisterten Hundes ein Begriff – eine Herangehensweise des gemeinsamen Jagens, die „Ulli-Methode“, findet ebenso immer mehr Beachtung – in diesem Artikel möchte ich meine Heransgehensweise beschreiben, aber auch kurz auf die anderen eingehen.
Beim gemeinsamen Jagen, beim „Ullieren“ und auch bei der Jagdkooperation geht es in erster Linie darum, mit dem Jagdverhalten, das der Hund zeigt, zu arbeiten, es nicht auf Ersatzobjekte umzulenken, sondern sich selbst als Jagdpartner zu beweisen und das erwünschte, kooperative Jagdverhalten des Hundes auszubauen, um jenem Schritt für Schritt mehr Bedeutung als der Solitärjagd beizumessen.

Der jagende Hund

Jagende Hunde sind hochtalentiert – einige haben eine außergewöhnliche Expertise auf ihrem Gebiet, andere sind echte Allrounder; ob im Spurenlesen, Vorstehen, Aufstöbern, Hetzen oder auf allen Ebenen, sie perfektionieren ihre Taktik jeden Tag und geben uns Tag für Tag die Chance, an ihrer Welt teilzuhaben.
Mit einem jagenden Hund eröffnen sich nicht nur neue Herausforderungen, sondern auch neue Welten, wir haben die Möglichkeit, das hochfunktionale, präzise und über Jahrtausende perfektionierte Verhalten des Hundes verstehen zu lernen, indem wir ihn beobachten, seine Körpersprache lesen lernen und die Motivation hinter den einzelnen, für den jeweiligen Hund bedeutsamen Sequenzen zu verstehen.
Durch das Fördern der jeweiligen Talente entsteht seitens des Hundes Eustress, er verknüpft die Interaktion mit uns besonders positiv und nimmt den Menschen auf seinen Jagdabenteuern als angenehme Begleitung wahr – er kann seine Leidenschaft (maßvoll) ausleben und wird zusätzlich dafür belohnt, er bekommt positives Feedback, soziale Anerkennung, das Verhalten, aber auch die Interaktion mit dem Menschen wird verstärkt – nicht nur die Jagdsequenz rückt in den Fokus und bleibt dem Hund in positiver Erinnerung, sondern auch die Orientierung an seinem Menschen.

Der Meisterschnüffler

Der Geruchssinn eines Hundes ist deutlich genauer und besser entwickelt als der eines Menschen – Hunde nehmen Gerüche schneller und präziser wahr und können sie deutlich besser zuordnen. Während der Mensch noch rätselt, ob der Hund sich für eine Hasen-, Katzen-, oder Rehspur interessiert, weiß der Hund bereits vor dem Betreten der Spur, welche Tiere sich dort zuvor aufgehalten haben – und er kann es uns beibringen, wenn wir ihn aufmerksam beobachten.
Die Körpersprache verrät häufig, für welches Tier sich der hündische Begleiter just interessiert, jedes Lebewesen hat für den Hund eine andere Bedeutung und ist mit einem anderen Grad an Erregung und unterschiedlicher Erwartung verbunden. Mittlerweile kann ich an der Art, wie Frau Hund die Spur, absucht feststellen, von welchem Tier sie hinterlassen wurde und damit einschätzen, welche Wertigkeit für meinen Hund dahintersteht. Das erleichtert es mir, auf seine Bedürfnisse einzugehen, auszumachen, wie ich am besten reagiere und wie gut die Ansprechbarkeit meines Vierbeines derzeit ist – auch, wie nah das Wild ist und wie frisch die Spur ist, erkenne ich an den Signalen, die mein Hund sendet und kann so im Sinne des Wildes und meines Hundes handeln.
Wann immer mein Hund mir eine Fährte anzeigt und zuvor Kontakt zu mir aufnimmt, erkläre ich mich bereit, sie mit im gemeinsam abzusuchen – an kurz genommener Schleppleine, manchmal nur ein kleines Stück, manchmal weiter, so, dass wir nicht in den Niederwald gehen und kein Wild belästigen.
Auf einsichtigen Wiesen und Weideflächen ist meine erste Handlung, Fräulein Furchtlos mit einem Suchsignal loszuschicken und sie für jede Spur, die sie findet, zu loben; auch, wenn ich sehe, wie Wild eine Spur hinterlässt, gehe ich jene, sobald es sicher nicht mehr gestört wird, mit ihr ab.
Durch dieses Training ist ihr Verhalten auf Spuren deutlich entspannter geworden, sie ist geschult. Sie kann einschätzen, ob sich eine Fährte lohnt, wie frisch diese ist, welches Wild dort gelaufen ist oder, ob andere Tätigkeiten spannender sind – und nicht nur sie kann das, ich kann es durch ihr Verhalten ebenso.

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Mit Adleraugen

Hunde sind nicht nur exzellente Spurenleser, sondern auch sehr gute Bewegungsseher – Objekte, die sich im Stillstand bewegen, nehmen sie deutlich schlechter wahr als wir, wohingegen sie auf Bewegungsreize binnen Sekunden reagieren und ihr Instinktverhalten sofort überhandnimmt – doch auch das Anzeigeverhalten lässt sich fördern und ausarbeiten.
Solange das Wild im Stillstand ist, nehmen Hunde es eher über den Geruch wahr, den es aussendet, allerdings können auch Hunde lernen, die Silhouetten verschiedener Wildarten auf Distanz zu erkennen. Mir war es besonders wichtig, ein ruhiges, bedachtes Anzeigeverhalten auszuarbeiten, um dem Hund zu ermöglichen, abzuwägen, wann es sich lohnt, dem Wild nachzustellen und, wann die Beschäftigung mit dem Wild Energieverschwendung ist – wann immer ich bemerkt habe, das Frau Hund Wild sichtet, habe ich das Anzeigen ruhig gelobt, mich mit ihr ein Stück genährt und sie leicht berührt, um sie durch einen taktilen Reiz ansprechbarer zu machen und, um sie in ihrer ruhigen Position zu halten.
Jede Orientierung zu mir oder Weg vom Wild, jedes Ohrenzucken, jede Gewichtsverlagerung wurde belohnt und anschließend wieder Aufmerksamkeit auf das erwünschte ruhige Beobachten gelenkt. Sah ich das Wild vorher, habe ich jede Gelegenheit genutzt, den Hund darauf leise aufmerksam zu machen, um das Erlernte kontrolliert zu festigen und besonders diesem Hund zu zeigen, dass auch ich Interesse an seiner (Um-)Welt habe.
Das Training hat uns nach recht kurzer Zeit dazu gebracht, dass auch flüchtiges Wild auf eine Distanz von unter 20-30 Metern nur noch selten interessant ist, es wurde nicht als erfolgversprechend eingestuft und das Stresslevel, jedem Wild potenziell folgen zu wollen, deutlich reduziert. Sogar aus einem Hundekletteräffchen, das für ein Eichhörnchen schon mehrfach einen geraden Baumstamm meterhoch geklettert ist, ist ein Hund geworden, der sich damit zufriedengibt, den Baum emporzublicken und sich danach Futter abzuholen oder es vom Baum abzulecken – obwohl er weiß, dass er anders könnte, wenn er wollte.

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Der gemeinsame Höhepunkt oder: die Königsdisziplin

Unsere Teamarbeit bezieht sich nicht nur auf die ruhigen Sequenzen des Jagdverhaltens, das Wittern und Anzeigen, sondern auch auf das Aufstöbern und die gemeinsame, zugegebenermaßen stark abgewandelte Hatz.
Kooperation direkt am Wild, in höchster Erregungslage, funktioniert auch jetzt noch nicht zuverlässig. Eine Zuverlässigkeit, die es uns ermöglicht, einen leinenlosen Hund zu haben, gibt es in unserem Duo ohnehin nicht, doch manchmal hapert es leider sogar daran, Wild in Interaktion mit mir aufspüren und nachgehen zu wollen – verständlich, schließlich bin ich da in jeder Hinsicht ein Bremsklotz und Spielverderber, der darauf achten möchte und muss, dass sich das Wild trotz unseres Trainings nicht gestört fühlt oder gefährdet wird.

Nichtsdestotrotz sind wir auch in dieser Hinsicht weit gekommen – neben einer Kanidin, die mir Umweltgefahren bereits von Anfang an zuverlässig als Bedrohung gemeldet und uns den Weg dorthin verwehrt hat, ist auch eine Hundedame aus ihr geworden, die mit mir gemeinsam unterschiedliche Wildarten sucht und, nach Begegnungen mit fliehenden, defensiven Wildschweinen, die als jagdbares Gut klassifiziert wurden, tatsächlich aufgrund meiner ehrlichen Sorge anerkannt hat, dass Wildschweine diskussionslos gefährlich sind.
Wir gingen öfter kleine Abstecher ins übersichtliche Wegabseits, wo ich jedes Wittern von Wildschweinen gelobt und mit einem besorgten Gefahrenausruf quittiert habe, sodass sich ein vorbildlicher Rückzug eingespielt hat, während ich jede Rehsichtung mit einem interessierten Anpirschen und anschließendem Hinhocken zur Beobachtungsposition aufgebaut habe.
Um das Verhalten am Wild gezielt zu fördern, habe ich sowohl wildreiche als auch wildarme Gebiete aufgesucht, um die Gewöhnung an den Reiz ausbauen, aber auch Entspannungstage zu haben, die uns beide die Aufregung abbauen lassen und zeigen, dass sich Spaziergänge ebenso für andere Abenteuer lohnen.
In wildreichem Gebiet habe ich jede Chance ergriffen, Wild ruhig zu beobachten, die Witterung aufzunehmen, die Nähe einzuschätzen und das erwünschte Verhalten zu belohnen, um es zu festigen.
Ohne Interesse an Kooperation mit mir zu zeigen, lasse ich Jagdsequenzen soweit wie möglich nicht zu – es gibt keinen Abbruch, die Leine wird kurz genommen und ich warte ab, bis wieder eine beidseitige Kommunikation möglich ist und wir gemeinsam spazieren gehen können.
Passiert es, dass Wild im Unterholz aufspringt oder den Weg kreuzt, fasse ich die Leine so kurz wie möglich und renne auf dem Weg mit, bis ich merke, dass das Adrenalin im Hunde-und Menschenkörper abgebaut wurde – dann gibt es ein Stoppsignal oder einen Rückpfiff und viel, viel Futter vor einer Verschnauf- und Sammelpause. Zeigt der Hund jedoch in diesem Moment kein Interesse daran, loszustarten, pfeife ich ihn zu mir, um ihn mit dem Sprint und einer großen Futterportion zu belohnen.

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Erlaubte Solitärjagd und Jagdersatz

In wenigen Situationen darf der rote Hund selbstbestimmt jagen – es ist in Ordnung für mich, wenn er buddelt und Mäuse fängt, er darf Ratten von mir fernhalten und, nach kurzem Blickkontakt, nicht dem Jagdschutz unterliegende Vögel aufscheuchen, weil er davon jederzeit abrufbar ist und kein Interesse zeigt, Vögel zu erhaschen, dabei renne ich nicht mit, er darf seine Energie loswerden und wir nutzen es als Training zur Abrufbarkeit.
Als Jagdersatz nutzen wir sehr gern Fleisch- und Schleppwildfährten, die mit hoher Nase und nicht spurgetreu abgesucht werden dürfen, wir machen Futtersuchspiele und Zughundesport, bei dem ausgiebig gerannt werden darf.
Werkzeuge aus klassischem, aber auch aus abgewandeltem Jagdersatztraining haben für uns nicht funktioniert, jeder Versuch, Jagdverhalten zu verbieten oder zu Sanktionieren, scheiterte sofort. Für uns war dieser Weg richtig und ich freue mich, in die Jagdwelt des Hundes einzutauchen, ihn zu lassen, Sachen zu erkunden und zu lernen und mitzufiebern, wenn er gefahrenlos sprinten oder einen gelungenen Mäusesprung vollziehen kann.

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Wer sich zum Jagdersatztraining, aber auch zum gemeinsamen Jagen nach der Ulli-Methode informieren möchte, kann das hier tun:

Jagdersatztraining – Facebook
Markertraining-Website – Jagdersatztraining
Ullihunde – Facebook
Ullihunde-Website

Credits to Greg Litatcio as photo source

2 Gedanken zu “Partners in crime

    • In Panik zu geraten ist meist kein guter Ratgeber, es hilft auch mir immer wieder, mir das ins Gedächtnis zu rufen, um dann in solchen Situationen ruhig zu bleiben, weil es einfach das ist, was am besten hilft: Ruhig bleiben und weggehen.

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