Dominanz – Mythos oder Realität?

Der Begriff „Dominanz“ ist weit verbreitet in der wissenschaftlichen und populären Literatur über das Verhalten von Haushunden; vor allem in Bezug auf aggressives und agonistisches Verhalten in Hund-Hund- und Mensch-Hund-Beziehungen.
Obwohl Dominanz ein situatives Verhalten beschreibt, wird der Begriff immer wieder irrtümlich verwendet, um ein vermeintliches Wesensmerkmal einzelner Hunde zu beschreiben, obgleich es keine Beweise dafür gibt, dass ein solches Merkmal existiert.
Anders als oftmals angenommen beschreibt „Dominanz“ keine generelle Position innerhalb einer Hierarchie oder eine dauerhaft präsente Charaktereigenschaft, sondern bezieht sich auf das situationsbezogene Verhalten in Konflikten und in der sozialen Interaktion – ein Hund kann einem Artgenossen gegenüber in einem Konflikt dominant auftreten und dessen Ausgang positiv für sich entscheiden, in einer anderen Interaktion mit demselben Hund jedoch submissiv agieren. Ein andauerndes Streben nach Dominanz oder einen Hund, der jedes andere Lebewesen unterwerfen möchte, gibt es jedoch nicht.
Die Idee, dass Hunde nach dauerhafter Dominanz streben und den Wunsch haben, den Menschen zu unterwerfen, ist längst überholt; auch unter Hunden gibt es meist wechselnde Sozialstrukturen und keine strikte Hierarchie. Die Vorstellung einer dauerhaft dominanten Position und dem Streben nach Macht, die aus der Beobachtung von Gehegewölfen abgeleitet wurde, ist inzwischen durch Verhaltensbeobachtungen und qualifizierten Studien an Wölfen und Haushunden widerlegt worden – während Wölfe innerhalb ihres Familienverbandes und im Kontakt zu Menschen dazu neigen, zu kooperieren und gemeinsam eine Lösung zu erarbeiten, ordnen sich Hunde situativ einem Artgenossen oder dem Menschen unter – eine Eigenschaft, die nicht natürlich entstanden ist, sondern durch Selektion gefördert wurde, da ein konfliktvermeidenes Verhalten sowohl Mensch-Hund-Beziehungen als auch innerartliche Beziehungen erleichtert. [1]

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Dominanz oder Kommunikation? – Eine stressbedingte Reaktion auf Unbehagen

Verhalten, das oftmals als irrtümlich dominant eingestuft wird, ist in der Regel in drei Motivationen zu unterteilen: Instinkt, Übersprung/Stressabbau und Konfliktlösung.
– Hunde, die vermeintliches Sexualverhalten ihren Besitzern oder anderen Hunden gegenüber zeigen, versuchen nur selten, ihr Gegenüber zu unterwerfen; vielmehr dient dieses Verhalten dem Stressabbau. Insbesondere das „Besteigen“ ist ein häufiges Übersprungsverhalten, das nicht durch das Streben nach Macht, sondern durch Stress bedingt ist.
– Vierbeiner, die vor dem Halter wegrennen, in die Leine beißen, knurren oder schnappen, zeigen konfliktlösendes und konfliktvermeidendes Verhalten, sie sind jedoch nicht dominant.
– Jagdverhalten oder Ressourcenverteidung sind weder Dominanz noch Ungehorsam, sondern natürliches Verhalten, das aus Hundesicht absolut logisch ist. Es liegt am Halter, dieses mit bedürfnisorientiertem Training in angemessene Bahnen zu lenken.
– Ein Hund, der wegläuft, versucht, sich dem Konflikt mit seinem Halter zu entziehen, ein Hund, der knurrt oder schnappt, möchte kein Anführer sein, sondern kommuniziert Unbehagen und versucht, die Situation durch sein Kommunikationsrepertoire zu lösen.
– Hunde, die nicht auf den Rückruf reagieren, nicht auf die Worte des Halters reagieren, entgegen eines Verbotes aufs Bett springen, sind nicht dominant, sondern haben schlichtweg nicht zufriedenstellend gelernt, was sie dürfen oder nicht dürfen. [2]

In Studien über das Verhalten einer Gruppe Haushunde waren lediglich paarweise Beziehungen erkennbar, aber es konnte keine Gesamthierarchie festgestellt werden. Assoziatives Lernen bietet mehr Erklärungen für das agonistische Verhalten bei Hunden als das traditionelle Konzept der Dominanz. Andere Untersuchungen zeigen, dass Hunde nicht motiviert sind, einen Platz in einer „Rangordnung“ einzunehmen oder eine Gruppe anzuführen. Die Vorstellung, dass jeder Hund von einem angeborenen Wunsch motiviert wird, Menschen und andere Hunde zu kontrollieren, unterschätzt die komplexen kommunikativen und kognitiven Fähigkeiten von Hunden enorm. Vermeintlich dominantes Verhalten wird oftmals von Hunden gezeigt, die gelernt haben, Aggression zu nutzen, um eine vorweggenommene Strafe zu vermeiden oder von Hunden, die vermeintlich respektlose Übersprungshandlungen zeigen. [3]

Dominanz existiert tatsächlich, allerdings bezeichnet sie nicht das dauerhafte Streben nach Macht und Gewinn, sondern dient dazu, eine soziale Dynamik zu beschreiben. Dominanz ist ein Konzept zwischen Individuen und ein situationsbezogenes Verhalten, doch basiert eine gesunde soziale Dynamik nicht darauf, eine Hierarchie durch aggressive Handlungen durchzusetzen – derartige Konzepte sind potenziell gefährlich und fördern Aggression. Eine ordnungsgemäße Sozialisation und bedürfnisorientierte Ausbildung fördern eine angemessene Interaktion zwischen Mensch und Hund und tragen zu einer auf Vertrauen und gegenseitigem Respekt beruhenden Beziehung bei; im Falle von Verhaltensauffälligkeiten ist keine „Rangreduktion“ sinnvoll, sondern ein auf den Einzelfall angepasstes Training, das den Umgang zwischen Hund und Halter schult.

Sources:
http://www.journalvetbehavior.com/article/S1558-7878%2808%2900115-9/abstract
https://www.sciencedaily.com/releases/2009/05/090521112711.htm
http://www.sciencemag.org/news/2014/08/wolves-cooperate-dogs-submit-study-suggests
http://www.apbc.org.uk/articles/why-wont-dominance-die

3 Gedanken zu “Dominanz – Mythos oder Realität?

  1. Klasse Text! Sowas wie Dominanz oder Rudelführer gibt es in der Hundewelt ohnehin nicht. Hunde sind da viel mehr aufs Nächstliegende als wir Menschen beschränkt, wo wir Macht wollen, wollen Hunde einfach nur ihre Bedürfnisse befriedigen. Die Hunde wollen einfach ihr Ding machen und vor allem alles auf das sie Lust haben. Fressen, dösen, buddeln, spielen, Popos anderer Hunde riechen und dazu gehören auch mal Sachen die uns nicht so gut gefallen. Da liegt es an uns, sie umzuerziehen, nicht an der Dominanz oder an unserem Rang.

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  2. Pingback: Dominance in dogs – explained | Wolf-Hund.Info

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