Aggressionsverhalten des Hundes – eine tiefergehende Betrachtung

Aggression ist ein natürliches, regulatives Verhalten, das dazu eingesetzt wird, konfrontierende Situationen zu vermeiden, bedrohliche Reize auf Distanz zu halten, Ressourcen zu sichern und das Individuum zu schützen. Aggressionsverhalten ist nicht nur ein Regulationsmechanismus, sondern ebenso ein kommunikatives Element im Sozialkontakt. Droh- und Aggressionsverhalten dienen dazu, Unwohlsein zu transportieren und sowohl sich selbst als auch wichtige Ressourcen wie Nachkommen, Sozialpartner, Nahrung und Lebensraum zu schützen. Aggressive Verhaltensweisen des Hundes sind als Werkzeug zu betrachten, das in vielen verschiedenen Bereichen zunächst einmal völlig natürlich als kommunikatives, deeskalierendes und distanzschaffendes, aber auch als eskalationsförderndes Verhalten eingesetzt wird.
Untersuchungen über die Aggressionsbereitschaft des Hundes ergaben, dass ein Tier, das über eine längere Zeit keine aggressiven Handlungen ausführen muss und nicht mit einschlägigen auslösenden Reizen konfrontiert wird, eine deutlich geringere Bereitschaft zu aggressiven Verhaltensweisen und aggressiven Konfliktlösungsstrategien zeigt. Wie auch bei anderen Verhaltensweisen wird Aggression als Konfliktlösung immer wieder eingeübt und erneut als notwendig eingestuft, wenn der Hund sie ausführen muss – auch, wenn sie nicht immer zum Erfolg führt. Verantwortlich dafür ist insbesondere das Hormon Noradrenalin, das sowohl der Steuerung von aggressivem Verhalten dient und im Gehirn eine Reizschwellenerniedrigung bewirkt, aber auch Lernprozesse erleichtert. Ein Tier, das regelmäßig aggressiv handelt und dabei lernt, dass es seine Umwelt dadurch beeinflussen kann, neigt in der Folgezeit eher dazu, vermehrt aggressiv zu reagieren. Es wird bei der nächsten Gelegenheit schon bei geringeren auslösenden Reizen eine aggressive Reaktion zeigen, da die Aggression als hilfreich wahrgenommen wurde.

Hund-ist-aggressivQuelle: meinhund24.de

Aggressives Verhalten – Böse Absicht oder natürlicher Reflex?

Ein distanzvergrößerndes Knurren ist keine rationale Verhaltensweise des Hundes, sondern eine instinktive kommunikative Geste, ebenso ist ein Biss in einem Schreckmoment des Hundes kein überlegtes, bewusstes Verhalten, sondern eine affektive Reaktion auf einen für ihn bedrohlichen und unangenehmen Reiz. Ein Hund, der auf Berührungen und Distanzunterschreitungen ohne sichtbare Vorwarnung mit einem Biss reagiert, handelt nicht rational motiviert, sondern instinktiv, weshalb Strafmaßnahmen in diesem Fall nicht verhaltensverringend wirken, sondern die Intensität häufig verstärken, da sich das Stresslevel des Hundes erhöht, die Bereitschaft zum Selbstschutz ansteigt und die bestehende Situation für den Hund noch negativer erscheint.
Eine Verhaltensunterbrechung durch konkurrierende aversive und appetitive Reize verringert zwar die Länge der aggressiven Handlung, nicht jedoch das generelle Auftreten und das Initialverhalten – die eskalierende Aggression tritt durch einen wiederkehrenden Abbruch möglicherweise (nicht grundsätzlich) kürzer auf, wird jedoch noch immer ausgeführt. Ein Abbruch ist lediglich im Ansatz des Verhaltens oder vor dem Auftreten der aggressiven Handlung verhaltensmindernd. Präventive Maßnahmen und ein langschrittiges Training an der Impulskontrolle des Hundes sowie an einem erneuten Einsatz von vorherigen Warnsignalen sind deutlich empfehlenswerter, ebenso ist eine Reduktion des Stresslevels und eine Vermeidung von auslösenden Reizen zur Herabsenkung der Aggressionsbereitschaft vor weiteren, verhaltensverändernden Maßnahmen sinnvoll, damit sich das Verhalten nicht weiter festigt. Bei einer durch negative Erfahrungen herabgesetzten Reizschwelle in Kombination mit einem erhöhten Testosteronlevel und einem Anstieg des Cortisolspiegels in einer Stresssituation steigt die Bereitschaft des Tieres, Drohsignale auszulassen und körperliche Aggressivität als distanzvergrößernde Maßnahme zu wählen. Das rationale Handeln des jeweiligen Hundes wird eingeschränkt, wodurch sich die Wahrscheinlichkeit auf einen Biss als Folge einer Stress-, Bedrohungs- oder Affektreaktion erhöht.
Bei einem Hund mit neutraler Vorgeschichte, einer normal verlaufenden Sozialisation und einer normalen Testosteron- und Cortisolkonzentration werden zunächst warnende aggressive Signale (Drohsignale), beispielsweise Knurren, Fletschen und Abschnappen gesendet, um den Konflikt zu entschärfen, das Aggressionsverhalten tritt sowohl kontrollierter als auch verringert affektiv auf.

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Aggression between two dogs – Hana Sanders

Die neurophysiologischen Hintergründe der Aggression

Aggressives Verhalten wird in Selbstschutzaggression, Jungtierverteidigung und Wettbewerbsaggression (Ressourcen, Sozialpartner, Revier und situativer sowie genereller sozialer Status) aufgeteilt. Alle Aggressionsformen können sowohl innerartlich als auch zwischenartlich und im Mensch-Hund-Kontext auftreten.
Pauschale Trainingsansätze oder Verhaltenstherapien gegen aggressives Verhalten sind weder sinnvoll noch seriös, neben einer Anamnese, bei der die auslösenden Reize wie auch das konkrete aggressive Verhalten betrachtet werden, ist es wichtig, die verschiedenen Formen der Aggression sowie ihre zugrundeliegenden Motivationen und neurophysiologischen Hintergründe zu betrachten. Im Gegensatz zu den genannten Manifestationen des aggressiven Verhaltens ist Jagdverhalten nicht emotional angetrieben und wird weitgehend von der Genetik beeinflusst. Jagdverhalten wird in verschiedene Sequenzen unterteilt – ein vollständiges Jagdverhalten besteht aus Appetenz (Hunger / Nahrungsbeschaffung), Lokalisieren und Fixieren (schnüffeln, horchen, sichten), Anpirschen und Hetzen (Fährte verfolgen, einkreisen, Beute verfolgen) und schlussendlich dem Beutefang, dem Erlegen und Verzehren des Beutetieres. Die meisten Hunde zeigen kein vollständiges Jagdverhalten, sondern haben sich auf bestimmte Sequenzen spezialisiert, einige Hunde legen ihre Fokus auf die Fährtensuche oder das Vorstehen, andere suchen sich einen Kick in der Hatz, unter anderem bedingt durch Dopamin und Adrenalin. Das Jagdverhalten basiert auf einer Distanzverringerung, die sich auf den klassischen Beutefang mit dem Erlegen und Konsumieren der Beute als überlebenssichernden Mechanismus bezieht, während Aggression hingegen Distanz vergrößern soll und nicht dazu dient, das Überleben in Form von Nahrungsbeschaffung zu sichern, sondern lediglich beim Selbstschutz und der Ressourcenverteidigung überlebenssichernde Züge aufweisen kann. Dem Jagdverhalten liegen andere neurophysiologische Hintergründe und andere intrinsische Motivationen zugrunde als der Aggression von Hunden.

Aggression wird durch verschiedene Hormone, Botenstoffe und Gehirnregionen gesteuert. Bei einer konfrontierenden Auseinandersetzung kommt es zu einer Aktivierung der Amygdala (unseres Angstzentrums), der Insula (des Ekelzentrums) sowie des Hypothalamus (in dem Fall als Stresszentrum, denn der Hypothalamus regelt unseren Hormonhaushalt über die Hypophyse) und des Hirnstamms. Neben Serotonin, Dopamin und GABA sind auch die Signalmoleküle Noradrenalin und Acetylcholin Schlüsselfaktoren für ein breites Spektrum von Verhaltensweisen. Serotonin hat sowohl hemmende als auch stimulierende Effekte auf aggressives Verhalten; Serotonin und die γ-Aminobuttersäure (GABA) wirken sich aggressionshemmend aus. Dopamin und das mesolimbische System, das mit dem Belohnungssystem assoziiert wird, stehen mit offensivem aggressiven Verhalten in Verbindung. Dopamin kann sowohl aggressionsverstärkend als auch impulsivitätshemmend wirken, wodurch abnorme aggressive Verhaltensweisen entstehen können.
Beim Selbstschutzverhalten werden sowohl defensive als auch offensive aggressive Mechanismen aktiviert – während offensive Aggression eine Form des agonistischen Verhaltens ist, die sowohl durch einen defensiven als auch offensiven Aggressor in Bezug auf Ressourcenverteidung (Wettbewerbsaggression, Jungtierverteidigung) auftritt, ist defensive Aggression eine Reaktion auf eine bedrohliche Situation und dient insbesondere dem Selbstschutz.
Beim Selbstschutzverhalten werden vor allem Bereiche des medialen Hypothalamus sowie des periaquäduktalen Graus (einem Hirnbereich, der Angst- und Fluchtreflexe koordiniert) aktiviert. Bei defensiver Aggression sind im Gegensatz zur offensiven Aggression auch die Neurotransmitter Glutamat, Cholecystokinin sowie Substanz P beteiligt, die unter anderem auch für Angst- und Schmerzreaktionen zuständig sind. Auch Serotonin (5-HT) als Schlüsselneurotransmitter im Zusammenhang mit aggressivem Verhalten spielt bei der Selbstschutzaggression eine wichtige Rolle. Im Allgemeinen hat Serotonin eine hemmende Wirkung auf aggressives Verhalten, allerdings steht das funktionale aggressive Verhalten, das eine kommunikative und distanzvergrößernde sowie deeskalierende Funktion erfüllt, im Zusammenhang mit dem Serotoninspiegel.
Da Selbstschutzaggression in hohem Maße selbstbelohnend ist, spielt Noradrenalin im Zusammenhang mit einer Verfestigung des aggressiven Verhaltens eine besondere Rolle.
Verantwortlich für die Verteidigung der Jungtiere ist insbesondere das Hormon Prolaktin. Aggressives Verhalten, das der Verteidigung des Nachwuchses dient, ist in hohem Maße instinktiv und wird selten durch die Erfahrungen des Tieres verringert oder gemildert.
Tritt aggressives Verhalten als Partnerschutzverhalten auf, ist das als Eifersuchtshormon bekannte Vasopressin verantwortlich, während innerartliche Konflikte, die sowohl status- als auch ressourcenbezogen sein können, maßgeblich durch Sexualhormone wie u.A. Testosteron und Serotonin beeinflusst werden. Gemeinsam mit dem Bindungshormon Oxytozin spielt Vasopressin besonders in der Frühphase sich neu bildender Beziehungen eine Rolle. Vasopressin ist als Kotransmitter des Noradrenalins aktiv und sorgt für das Fernhalten unbeteiligter Dritter in der Phase der Beziehungsbildung. Generell ist bei vielen Wirbeltieren eine Beteiligung des Vasopressin-Oxytozin-Systems an der Regelung sozialer Beziehungen nachgewiesen.

Ressourcenverteidigung in Form von Wettbewerbsaggression liegen andere hormonelle Ursachen als der Verteidigung des Nachwuchses zugrunde: Bei Futteraggression spielen Dopamin und Cortisol eine wichtige Rolle – sowohl eine erhöhte als auch eine verminderte Cortisolkonzentration ist mit einer steigenden Aggressionsbereitschaft verbunden. Die Auswirkungen von Cortisol stehen jedoch ebenso in Verbindung mit dem Testosteronlevel – ein erhöhter Testosteronspiegel in Kombination mit einem verringerten Cortisolspiegel trägt zu einer gesteigerten Aggressivität sowie aggressiver Handlungsbereitschaft bei, wohingegen eine geringe Konzentration an Testosteron und ein erhöhtes Cortisolniveau aggressives Verhalten hemmt. Die Rolle von Dopamin in Bezug auf aggressives Verhalten ist noch nicht genau bekannt. Das dopaminerge System wird aktiviert, wenn ein offensives Lebewesen auf ein defensives Lebewesen trifft. Beim Zusammentreffen eines konfliktbereiten Tieres auf ein defensives Tier erhöhen sich sowohl der Dopamin- als auch der Serotoninspiegel in Erwartung einer negativen Konfrontation. Beide Neurotransmitter sind nicht nur an aggressivem Verhalten beteiligt, sondern auch an der Bewältigung von Stress. Sowohl angenehme als auch stressige Ereignisse aktivieren das mesocorticolimbische Dopaminsystem.
Die Beteiligung von Dopamin an der Regulierung des aggressiven Verhaltens wird mit wettbewerbsbezogener Motivation assoziiert. Aggressives Verhalten in Verbindung mit erhöhter Dopaminkontzentration entsteht, wenn ein Konflikt zwischen zwei Individuen auftritt.
Eine Konfrontation um Ressourcen regt die Dopamin-Beteiligung aufgrund ihrer Rolle im Belohnungssystem an. Der Dopaminspiegel ist mit erhöhter Risikobereitschaft verbunden – die Risikobewertung beruht auf der Gewichtung der in Aussicht stehenden Belohnung und der zu erwartenden Selbstbelohnung während einer Konfrontation, wodurch die Dopaminregulation bei ressourcenbezogenener und konfrontierender Aggression eine wichtige Rolle spielt.
Durch den Selbstbelohnungsaspekt einer erfolgreichen Ressourcenverteidigung festigt sich dieses Verhalten schneller als andere aggressive Verhaltensweisen und führt deshalb besonders oft zu übersteigertem, problematischem Verhalten.

Ursachen inadäquater und übersteigerter Aggression

In einer angemessenen Form dient Aggression ebenso wie Beschwichtigung dazu, Konflikte zu entschärfen, aber auch dazu, jene für sich zu entscheiden. Aggression ist ein natürlicher Mechanismus, um sich gegenüber anderen Individuen durchzusetzen, Ressourcen zu schützen oder zu beanspruchen und ein sicheres Lebensumfeld zu schaffen. Bei einem normalen, angemessenen Aggressionsverhalten sind Interdependenzen zwischen Drohen und Beschwichtigung vorhanden, der offensive Part reagiert auf die konfliktentschärfenden Signale des Gegenübers und zeigt situativ sowohl offensive Handlungen (Aggression) als auch defensive Handlungen (Beschwichtigung, Vermeidung). Ein Hund, der aggressive Handlungen als einzige Konfliktlösung etabliert hat, zeigt nur noch wenige Beschwichtigungssignale, mitunter bleibt eine entschärfende Kommunikation zunächst völlig aus, es kommt direkt zum Angriff oder zum Bedrohungsverhalten – um dies zu entschärfen, müssen alle Stufen des Drohverhaltens wiederhergestellt werden und Meideverhalten als gewinnbringende Lösung etabliert werden.
In den meisten Fällen entsteht ein unangemessenes Aggressionsverhalten durch eine für den jeweiligen Hund unpassende oder unzureichende Sozialisierung, gravierende Erziehungsfehler und die immer wiederkehrende Bestätigung, einen Konflikt nur durch massives aggressives Handeln erfolgreich lösen zu können. Hunde, deren Drohsignale missachtet oder bestraft wurden, neigen dazu, keine Warnzeichen zu zeigen, sondern direkt zu beißen.
Obwohl aggressives Verhalten nicht rassebedingt ist, weisen einige Rassen Verhaltensweisen auf, die ohne entsprechende Kontrolle und Modifikation seitens des Halters zu einer Begünstigung aggressiver Konfliktlösungen führen können. Individuen können stärker ausgeprägte Vorwärtstendenzen aufweisen und durch eine ungünstige Verpaarung, die die aggressiven Tendenzen fördern sowie durch eine unzureichende Aufzucht bereits im Junghundalter ausgeprägte Aggressivität zeigen. Insbesondere Rassen und Individuen, die aufgrund ihrer Unsicherheit oder ihrer Reaktivität dazu neigen, einen engen, klaren Handlungsrahmen zu benötigen, neigen bei unklaren Regeln, bereits wenigen schlechten Erfahrungen und Erfolgen aggressiver Problemlösungen dazu, unangemessene Aggression zu zeigen, die oftmals in wettbewerbsbezogen oder selbstschutzmotiviert ist.
Viele Hunde, die vorrangig aggressiv in Konflikte treten, profitieren von einem engmaschigen, berechenbaren und klaren Handlungsrahmen, in dem sie sich bewegen können, bevor es ihnen ermöglicht wird, eigene Lösungsansätze zu finden und erfolgreich statt einer aggressiven Konfliktlösung einzusetzen.

 

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Eskalationsleiter beim Hund – Quelle: Teamschule.ch

Fazit

Es ist wichtig, aggressives Verhalten genauso wie beschwichtigendes und defensives konfliktvermeidendes Verhalten als einen natürlichen, funktionalen Bestandteil in der Kommunikation des Hundes anzusehen. Aggressives Handeln eines Hundes in Form von Drohsignalen sind ein Teil deeskalierender Kommunikation und dienen erst einmal dazu, Konflikte artübergreifend zu vermeiden. Aggressives Verhalten eskaliert erst dann, wenn feine, konfliktentschärfende Drohgesten wiederholt missachtet wurden und der Hund gelernt hat, sich durch deutlichere Signale durchsetzen zu müssen. Um eine übersteigerte Aggressivität zu vermeiden, ist es wichtig, die normale Kommunikation des Hundes sowohl im Droh- als auch im Meideverhalten zu respektieren und darauf einzugehen. Aggressives Verhalten hat in jedem Fall eine Ursache, die sowohl durch die Umwelt, als auch durch Krankheiten bedingt sein kann; ist diese Ursache aus der Welt geschafft oder die Emotion des Hundes zum Auslöser eine andere, mindert sich die Aggressionsbereitschaft. Bereits manifestiertes Aggressionsverhalten sollte unbedingt in einem auf das Indiviuum abgestimmten Training behandelt werden und nicht in Form einer strafbasierten, reaktionshemmenden Weise trainiert werden, es ist wichtig, nicht nur die Ausführung der aggressiven Handlung zu unterdrücken, sondern auch ihre Ursachen zu beheben und eine vollständige Kommunikationsleiter des Drohverhaltens wiederherzustellen. Aggressives Verhalten ist eine natürliche, affektive und instinktgesteuerte Reaktion auf einen auslösenden Umweltreiz, die sowohl ernstgenommen als auch respektiert werden sollte. Durch deeskalierendes Verhalten, distanzvergrößernde Maßnahmen und entsprechendes Training am Verhalten des Hundes und seiner Bewertung des Schlüsselreizes lassen sich übermäßige aggressive Handlungen vermeiden.

References: Aggressive behavior and three neurotransmitters: dopamine, GABA, and serotonin—a review of the last 10 yearsRodrigo Narvaes ; Rosa Maria Martins de Almeida ;Psychology & Neuroscience 2014
Biology of Aggression, 2005; Randy J. Nelson
Affective Neuroscience: The Foundations of Human and Animal Emotions (Series in Affective Science), Panksepp
http://www.concordia.ca/cunews/main/releases/2011/02/09/behavioral-problems-linked-to-cortisol-levels.html
Aggression im Hundealltag von Sophie Strodtbeck
Neuroendocrine aspects of pediatric aggression: Can hormone measures be clinically useful?
Drew H Barzman, Avni Patel, Loretta Sonnier and Jeffrey R Strawn
Cortisol, dopamine, aggression presentation; Gustavo A. Martínez-Muñiz
Brain structures and neurotransmitters regulating aggression in cats: implications for human aggression; Gregg TR, Siegel A.

Der Canaan Dog – ein Bedouinenhund

-Ein Gastbeitrag von Steffi –

Ein wie ich finde sehr besonderer Hund, der nicht so aussieht – der Canaan Dog

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Geschichtlicher Überblick

Im Orient gibt es verschiedene Felsritzungen aus dem Neolithikum, die Hunde darstellen, die dem heutigen Canaan Dog sehr ähneln und den Menschen begleitet haben.

Auch auf einigen ägyptischen Reliefs oder Wandmalereien tauchen ähnliche Hunde auf, ein Beispiel sind die Gräber von Bene Hassan. Aus Ashkelon gibt es einen Sarkophag, auf dem ein ähnlicher Hund abgebildet ist.

In der Bibel werden Hunde genannt, die die Herden schützen und Alarm schlagen, wenn sich jemand nähert. Die Bedouinen im heutigen Israel und Jordanien nutzen Canaan Dogs immer noch, um ihre Herden zu bewachen. Allerdings nimmt ihre Zahl und damit die Zahl der wild- bzw. halb wildlebenden Hunde stetig ab, da der Staat Israel die Bedouinen lieber sesshaft haben würde.

Prof. Menzel schrieb dazu, dass diese Hunde scheinbar eine Zwischenform zwischen den Haushunden und den Wildhunden darstellen können. Wildlebende Hunde passen sich dem Haushalt sehr schnell an und sind dann kaum von einem normalen Haushund zu unterscheiden. Das gleiche funktioniert aber auch andersherum: Wird ein gezüchteter Canaan Dog in die Wildnis entlassen, kann er sich selbst versorgen und adaptiert sich an seine Umwelt. Sie wurden bis vor 50 Jahren nie gezielt gezüchtet, sondern eher auf einen Nutzen hin selektiert; aggressive Hunde die die eigene Herde angriffen wurden einfach getötet.

Es sind ganz klar Hunde und sie benehmen sich wie Hunde, dennoch ist ihr Überlebenswille stärker als die Kooperation mit dem Menschen. Ein Canaan würde im Zweifel eher fliehen als anzugreifen.

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Aussehen

Der Canaan hat einen quadratischen, athletischen Körperbau von mittlerer Größe, aufrecht stehende, spitz zulaufende Ohren, mandelförmige dunkle Augen, ein dichtes Fell mit Unterwolle, welches nicht zu weich ist. Levi hat sehr harsches Fell, was aber ideal gegen sämtliche Wetterbedingungen schützt. Sie haben einen relativ breiten Kopf (gerade bei Rüden gut zu sehen), der aber zur Nase hin spitz zuläuft. Die Rute sollte hoch angesetzt sein und im Idealfall über den Rücken verlaufen, einige haben eine Sichelrute, andere einen richtigen Ringelschwanz.

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Es gibt sie in verschiedenen Farben: Creme, sandfarben, rot, schwarz mit weiß oder weiß mit schwarz gefleckt, weiß mit braunen Flecken (mit oder ohne Maske); nicht erwünscht ist grau, gestromt, liver oder black&tan.

Das Aussehen ist an die Gegebenheiten angepasst, daher haben viele streunende Hunde in den südlichen Ländern ein ähnliches Aussehen.
Rüden sind in der Regel größer und kräftiger als Hündinnen.

Verhalten

Sie sind sehr eigen- und selbständig, das kommt durch ihre ursprüngliche Lebensweise: entweder als freilebende Hunde oder als Begleiter bei den Bedouinen. In beiden Situationen entscheiden sie über ihr Leben selbst und es wird ihnen so gut wie nichts vorgeschrieben. Das macht es für viele Hunde schwierig, sich an die Normen hier anzupassen, wenn von den Hunden ein „Kadavergehorsam“ erwartet wird. Wer sich für einen Canaan Dog oder sonst einen Paria entscheidet, sollte sich von einem immer funktionierenden und akkuraten Grundgehorsam verabschieden.

Im Allgemeinen sind sie bereit mit dem Menschen zu kooperieren, solange sie daran Gefallen finden und man mit ihnen und nicht gegen sie arbeitet. Wichtig ist dabei das Vertrauen, was der Hund in seinen Menschen braucht. Ist es nicht da, wird dieser sich weigern mit zu machen.

Sie sind sehr wachsam, ihnen entgeht nichts! Alles was als gefährlich eingestuft wird, wird verbellt: das kann ein vorbeifahrendes Auto, der Nachbar oder ein sich bewegendes Katzenspielzeug sein, was immer in der Ecke liegt. Wichtig ist es, dem Hund zu zeigen, was ist normal und was nicht. Levi weiß genau, wer bei uns wohnt und wer nicht, wer regelmäßig durch das Hoftor kommt und wer neu ist.

Selbst auf einem Spaziergang sind sie immer wachsam und beobachten ihre Umgebung, Levi kann draußen zwar entspannen, aber dennoch ist er wachsam und schläft nur wenn er sich sicher fühlt (Auto, Wohnung etc.).

Zu seiner eigenen Familie ist er sehr loyal, alles was ich Levi als „Familienmitglied“ vorstelle, wird von ihm akzeptiert, das gilt auch für Nager und Vögel. Ich hab die Kaninchen mit ihm im Garten laufen lassen und er hat auf sie aufgepasst.

Fremde Hunde werden im eigenen Bereich eher selten toleriert, wobei Levi da sehr offen ist, intakte Rüden werden jedoch nicht geduldet. Generell ist es nicht unüblich, dass sich gleichgeschlechtliche Hunde ab dem Erwachsenenalter nicht mehr verstehen. Denn im Gegensatz zu vielen Hunden werden sie erwachsen und benehmen sich entsprechend.

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Sie sind, sofern gut sozialisiert, sehr offen für neues, wenn auch skeptisch am Anfang. Alles wird erst vorsichtig inspiziert, bevor es für ungefährlich gehalten wird. Selbst unbekanntes Futter wird meistens erst einmal in Ruhe angeschaut, bevor es gegessen wird. Das darf aber nicht mit Angst verwechselt werden. Wer in der Natur keine Skepsis zeigt, wird aufgegessen und lebt nicht lange.

Er ist kein Hund, der gut Befehle ohne zu hinterfragen ausführt. Levi und ich führen viele Diskussionen und nicht immer habe ich Recht! Wir gehen viele Kompromisse ein, dennoch können sie sehr gut trainiert und konditioniert werden, wenn das Training an den jeweiligen Hund angepasst wird. Levi hat nicht nur den Grundgehorsam gelernt, sondern auch den einen oder anderen Trick.

Nicht zu unterschätzen ist der Jagdtrieb dieser Hunde! Als eigenständige Wesen, die auch alleine in der Wüste überleben, jagen sie natürlich auch. Levi ist es egal, ob es ein Kaninchen oder ein Reh ist. Das übliche JET-Training ist dabei nicht immer hilfreich, ich arbeite dagegen viel mit selbstbelohnendem Verhalten und „gemeinsames Jagen“.

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Bis Levi bei mir einzog, kannte ich das Phänomen so gut wie gar nicht, dass Hunde ihr Essen verstecken, wenn sie satt sind. Dambo hat es immer im Napf liegen lassen, aber Levi vergräbt sein Futter: im Katzenklo, in der Zimmerpflanze, im Bett, im Sofa, auf dem Sessel oder wenn er im Garten Futter kriegt auch da. Ob das jetzt Rassetypisch oder generell eher Urhundetypisch ist, kann ich nicht genau sagen.

Ich hab oben bereits erwähnt, dass Menzel sie als Zwischenglied von Haus- und Wildhunden ansiedelt. 2015 hatte ich das Glück in Israel wildlebende aber auch Bedouinenhunde beobachten zu dürfen, dazu kenne ich viele Canaans als Haushunde. Dabei ist mir aufgefallen, dass die Hunde, die wild oder halb wild leben, eine viel größere Individualdistanz aufweisen, als Hunde, die an den Menschen und deren Umfeld (z.B. Stadt, Dorf etc.) gewöhnt sind. Selbst die Hunde, die bei den Bedouinen leben, bleiben auf Entfernung und lassen sich allerhöchstens von den Kindern anfassen. Der Canaan Dog ist immer bei seinem Menschen, aber selten mit ihm. Die Interaktion mit dem Menschen, wie bei den meisten Jagdhunden, wurde niemals als Zuchtziel ausgewählt. Sie sollten die Herde bewachen und melden, wenn sich jemand nähert, sie agieren eigenständig und ohne Kommando des Menschen. Betrachtet man so ein Bedouinencamp, sieht man die Hunde um das Camp herumlaufen, niemals in den Zelten oder nahe bei den Menschen. Einige Rüden bewegen sich außerhalb des Camps, manchmal schließen sich neue Hunde an oder junge Exemplare ziehen weg und suchen sich was neues. Aber anders als unsere Hütehunde bewegen sie sich mit der Herde und halten die Tiere nicht zusammen, das ist Aufgabe der Frauen und Kinder. Es ist eben ein Hund, der eine lose Beziehung zu dem Menschen hat und dies im Falle der Bedouinen auch zeigt. Ein einzelner Hund kann eine sehr innige Beziehung zu einem Menschen aufbauen, wenn beide Parteien das zulassen.

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Bis zu einem bestimmten Alter jedoch (ca. 6-8 Wochen) sind sie sehr unerschrocken und zeigen keine Angst gegenüber dem Menschen. Während unseres Wüstentrips haben wir einen Wurf Canaans gefunden, geschätzt wurden sie auf ca. 6 Wochen, eine Hündin davon wurde mitgenommen und sie zeigte sich aufgeschlossen und offen allem neues. Ausgewachsene wild/halbwild lebende Hunde sind viel skeptischer Fremden und Neuem gegenüber, als die, die bei uns aufwachsen, egal, ob es um Menschen oder Futter geht.

Hunde, die von klein auf an den Menschen und alles, was dazu gehört, gewöhnt sind, können sehr gut in der Stadt leben. Für einen Hund aus der Wildnis stellt es in der Regel auch kein Problem dar, allerdings muss man Abstriche machen und das Training bzw. die Gewöhnung an das neue Leben kleinschrittig aufbauen. Levi z.B. ist ein Zuchthund, ist aber in einem kleinen Dorf in Italien ohne große Umweltreize groß geworden, bei der Gewöhnung an fremde Menschen bin ich mir nicht sicher, was da gemacht wurde. In einer reizarmen Umgebung fühlt er sich wohl, kann gut mit mir agieren und orientiert sich an mir oder an Dambo. Sind wir aber in der Stadt, fällt es ihm schwer: laute Geräusche, viele Menschen und neue Gerüche verunsichern ihn schnell. In so einem Fall stellt er das Denken ein und reagiert nur noch instinktiv: Flucht ist dabei seine erste Wahl, egal wohin, nur erst einmal weg von allem, bis er in Sicherheit ist und es sich angucken kann. Und das ist der entscheidende Faktor, der ihn von einem Angsthund unterscheidet: Er flüchtet, aber nur soweit, bis er sich sicher fühlt, er rennt nicht völlig plan- und kopflos weg. Ein Canaan Dog kann sich relativ gut orientieren und findet den Weg nach Hause. Selbst wenn er mir wegrennen würde, weil er was gesehen hat, weiß er wo ich bin und taucht hinter/vor/neben mir wieder auf und läuft weiter. Und auch in einer Angstsituation entfernt er sich nicht weit von mir, ich kann ihn zwar nicht einfangen, aber er bleibt bei mir, in sicherer Entfernung (diesen Fall hatten wir einmal in einem Park in Potsdam, er hat auf mich gewartet und wäre auf Abstand mit mir zum Auto gelaufen, ließ sich aber nicht einfangen, solange wir an der Stelle standen, vor der er sich erschreckt hatte).

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Wildlebende Hunde haben für solche Zwecke mehrere Höhlen, wobei eine der Hauptwohnsitz ist (in Levis Fall unsere Wohnung), sie haben aber auch weitere Zufluchtsorte, die sie aufsuchen, wenn sie gejagt werden oder es nicht rechtzeitig zurück schaffen, z.B. weil es schnell zu heiß wird (in Levis Fall ist das z.B. das Auto, er weiß in der Regel wo das steht oder die Wohnung meiner Mutter in Berlin).

Im Vergleich zu anderen Urhunden (ich persönlich hatte Kontakt zu Shibas, Akitas, Huskys, einer Korean Jindo-Hündin, Islandhunden, Thai Ridgebacks) kann ich sagen, dass keiner von denen so extrem skeptisch gegenüber Neuem war (sofern sie nicht depriviert waren!). Wobei da aber der Faktor mitspielt, dass diese Hunde zwar ursprünglich sind und viele von den Eigenschaften besitzen, dennoch wurden sie für einen Zweck (z.B. Jagd, Schlittenhunde) gezüchtet und somit mehr vom Menschen abhängig waren als der Canaan Dog. Gerade der Islandhund ist offen für alles und freundlich zu jedem, zumindest den, den ich kenne.

Pariahunde können beim Menschen leben und mit ihm interagieren, sie können aber gleichzeitig auch selbständig ohne diesen überleben, sofern genug Wild da ist, sind sie unabhängig von Siedlungen. Die meisten Parias finden sich dennoch in der Nähe der Siedlungen (Egal ob Israel oder Zentralasien), einfach weil das Futter dort auf der Straße liegt und nicht noch erbeutet werden muss. In Israel/Jordanien gibt es wahrscheinlich noch kleinere Familienverbände die weitab vom Menschen leben. Und auch der Indian Paria Dog, der New Guinea Singing Dog oder der New Guinea Highland Wild Dog können fernab der Zivilisation überleben und tun dies erfolgreich auch.

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Canaan Dogs im Sport

Obwohl es in den USA nicht unüblich ist, Canaans im Sport zu sehen ist es in Deutschland eher eine Seltenheit. Vieles in dem Hundesport ist ihnen auf Dauer zu langweilig: viele Wiederholungen finden sie furchtbar.

Wobei sie oft für Agility zu begeistern sind, da ihre Schnelligkeit und Geschicklichkeit herausgefordert werden, können sie auf einem Turnier aber auch einfach nicht mitmachen, weil ihnen gerade nicht danach ist. Die 100%ige Sicherheit hat man eben nie.

Was ihnen Spaß macht ist Nasenarbeit: Mantrail, Fährtensuche, aber auch hier Vorsicht mit Wiederholungen! Levi z.B. macht eine Runde Mantrail sehr gut, die zweite dagegen wird nicht sauber, sehr langsam oder mit Unterbrechungen ausgeführt. Und wehe er muss zweimal die gleiche Person suchen! Da kann er dann schon mal Umwege laufen, weil sie interessanter sind oder einer Katzenfährte hinterhergehen. Aber auch dann kann ich ihm nicht meinen Willen aufzwingen, weil er dann umdreht und zum Auto läuft.

Fürs Canicross kann ich ihn jedoch immer überzeugen: er läuft für sein Leben gerne.

Da ich selber aber auch nicht so der Hundesportler bin, kann ich nur auf Erfahrungen anderer zugreifen: in den USA machen sie Agility, Obedience, Herding, Barn Hunt und vieles mehr.

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Warum ich mich für einen Canaan Dog entschieden habe?

Ich mag ihre Eigenständigkeit, das selber denken, ihre Fähigkeit sich schnell anzupassen und auch wenn es manchmal nervig sein kann: das Hinterfragen und nicht jeden Befehl ausführen. Natürlich führt er mich vor, steht vor mir, weiß genau was er machen soll und tut es nicht. Ich sehe es ihm an! Sage ich ihm er soll sich setzen kommt es fast immer zu der Frage: warum?

Für Levi bin ich nicht die Herrscherin die alles bestimmt, sondern seine Freundin mit der er Abenteuer erleben kann. Wir sind ein Team was miteinander agiert, er folgt mir, weil er mir vertraut und nicht weil ich es ihm sage. Durch das Vertrauen was wir haben, fährt er in Berlin S-Bahn, obwohl er es unheimlich findet. Er würde niemals was tun, was ihm schadet, nur weil ich das gerne will. Und genau das mag ich an ihm: Er ist ein Hund mit allem was dazugehört, aber mit viel Grips und einen eigenen Willen.

Natürlich mag ich auch die Optik, auch wenn sie sich für einen Laien nicht viel vom Husky unterscheidet.

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Bücher:

Dres. R. und R. Menzel, Pariahunde
Myrna Shiboleth, The Israel Canaan Dog

Links:

http://www.canaandog.ch
http://www.canaandog.co.uk/
http://myrnash0.tripod.com/shaarhagai-canaandogs/