Von Impulskontrollstörungen zum unerwünschten Verhalten des Hundes

Bei Verhaltensstörungen des Hundes werden oftmals übersteigerte Aggression, stereotypes Verhalten oder verhaltens- respektive objektbezogene Süchte betrachtet. Ein wichtiger Faktor bei unangemessener Aggression, aber auch bei unkontrollierbarem Jagdverhalten oder bei der Entstehung von Sucht ist eine Impulskontrollstörung.
Die Fähigkeit zur Impulskontrolle ist vorrangig genetisch bedingt, jedoch kann die Bereitschaft, Handlungen zugunsten anderer Verhaltensweisen zu hemmen, trainiert werden. Neben endogenen Ursachen für Impulskontrollschwächen können auch exogene, also umweltbezogene Erfahrungen, eine Rolle spielen. Verantwortlich für eine erworbene Schwäche der Impulskontrolle können sowohl neurologische Veränderungen, die durch anhaltenden Stress (erhöhte Cortisolproduktion und Hemmung der präfrontal-cortexalen Funktion) als auch erziehungsbedingte Defizite der Frustrationstoleranz sein. Ebenso stellen durch den Halter verursachte Süchte, häufig in Bezug auf Bewegungsreize, einen wesentlichen Faktor dar.

Bei der Entstehung von Impulskontrollstörungen spielt vorrangig die Amygdala, die für die emotionale Einstufung und die erlernten Assoziationen zwischen motivational relevanten sowie neutralen Reizen verantwortlich ist, eine große Rolle. Daneben ist der orbitofrontalen Cortex (OFC) von Bedeutung, welcher für die Koordination der zu erwartenden Resultate des jeweiligen Verhaltens verantwortlich ist; auch der anterior cinguläre Cortex (ACC), der für die Unterscheidung von relevanten und irrelevanten Erfahrungen ebenso wie für kognitive Kontrolle bedeutsam ist, in diesem Kontext wichtig. Der Hippocampus, der Verbindungen zwischen relevanten Erinnerungen in Bezug auf die jeweilige, derzeitige Motivation herstellt wie auch der Septal Nuclei, der Informationen für primitive Motivationen wie Nahrungsaufnahme und sexuelle Stimulierung bereitstellt, sind zusätzlich für die Fähigkeit, Impulse zu kontrollieren, verantwortlich.  [1, 4, 5-8]

Im Zusammenhang mit selbstbelohnendem Verhalten ist auch der Nucleus accumbens (NAcc), als Teil des mesolimbischen Systems, dem sogenannten Belohnungssystems, von erheblicher Bedeutung. Der Nucleus accumbens besteht aus einer Schale und einem Kern, die unterschiedliche, miteinander kooperierende Funktionen ausführen. Die Schale des NAcc ist wichtig, um motivationsbedingte Salienzen, die für die Hervorhebung der Wichtigkeit eines Reizes verantwortlich sind, zu modulieren, während der Kern stärker mit der Anwendung erlernter Verhaltensweisen, die für die jeweilige Motivation relevante Ereignisse in Aussicht stellen, verantwortlich ist.
Bei selbstbelohnenden Verhaltensweisen, zu denen auch Süchte gehören, werden die Regulationsprozesse des Nucleus accumbens gestört und dopaminerge Systeme aktiviert, die im Zusammenspiel mit einer erhöhten Cortisolproduktion zu einer Hemmung des präfrontalen Cortex und zu einer verminderten Fähigkeit der Impulskontrolle führen können.
Die Neurophysiologie der Sucht ist unter anderem aufgrund der hohen Übertragbarkeit und guten Kontrollierbarkeit von Tierversuchen derart gut erforscht. Eine Ratte zeigt das gleiche Zwangsverhalten, das man bei einer Person, die nach Suchtbefriedigung strebt, sehen würde – ebenso ist es beim Hund. Ein Hund, der seine Gelenke verschleißt, bis zum Kreislaufzusammenbruch oder zum Autounfall hetzt, zeigt sowohl auf neurologischer als auch auf psychologischer Ebene genau die gleichen Bausteine des Suchtverhaltens, die auch ein Heroinsüchtiger im menschenbezogenen Kontext zeigen würde. [1, 3, 9-11]

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In Verbindung mit dem Jagdverhalten stehen neben den Neurotransmittern Dopamin, Serotonin und Noradrenalin, die auch beim Suchtverhalten des Menschen eine Rolle spielen, vor allem der zentrale Nucleus der Amygdala und das periaquäduktale Grau als Teil des Mittelhirns, das sowohl für die Unterdrückung von Schmerzreizen als auch im Rahmen von defensiver Aggression für die Koordinierung von Fluchtreflexen zuständig ist. Der Zentralnucleus integriert die Fokussierung auf das Objekt sowie die Bewegungsabläufe bei zielgerichteten Verhaltensweisen, wodurch die Beuteverfolgung durch Projektionen auf die periaquäduktale graue Materie gesteuert wird.
Für das Suchtverhalten verantwortlich sind zusätzlich dazu insbesondere das dopaminerge System, der Nucleus accumbens, der präfrontale Cortex, das Striatum,  die Area tegmentalis ventralis, die Substantia nigra sowie der orbitofrontale Cortex.
Die Dopamin ausschüttenden Neurone bilden lediglich einen winzigen Bruchteil aller Neuronen, doch jedes dieser Neurone kann sich mit über 10.000 anderen Neuronen in weit entfernten Teilen des Gehirns vernetzen und dort zu suchtbedingten Veränderungen der Hirnchemie führen. Ein einziges jener Neurone kann ein wahres Feuerwerk im Belohnungssystem verursachen. [12, 13, 14]

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Betrachtung des Gehirns aus der hinteren Ansicht. Zu sehen sind die neuronalen Netze, die an der Suchtentstehung beteiligt sind.
Der Weg führt von Dopaminneuronen (zentral) zu Gebieten im Striatum by Kelly Hennigan

Neben den genetisch bedingten und erworbenen Grundlagen für eine gute Impulskontrolle spielen bei der Aggression ebenso wie beim Jagdverhalten auch erblich bedingte Faktoren eine Rolle. Sowohl bei Jagd- als auch bei Hütehunden ist eine niedrige Reizschwelle in Kombination mit einer Hemmung des letalen Bisses, die durch eine selektive züchterische Modifikation im Bereich der Formatio reticularis zustande kommt, gefördert worden. Das hat zur Folge, dass dem Zuchtziel entsprechende Hunde zwar ein hohes Appetenzverhalten bei Bewegungsreizen zeigen, die Beutefangmotivation jedoch vergleichsweise gering ist, wodurch die Kooperation am Bewegungsreiz erleichtert wird. Untersuchungen an Border Collies haben gezeigt, dass sich erfolgreiches Hüteverhalten vererben kann und damit einen hohen genetischen Aspekt im Vergleich zum erlernten Teil des erwünschten Hüteverhaltens hat. [15,16]
Während Hunde vorrangig aus einem angezüchteten Hetzbedürfnis jagen, ist die bei Wildtieren zugrunde liegende Motivation in erster Linie der Nahrungserwerb, wodurch das Jagdverhalten in funktionelle Aspekte gegliedert ist und weitestgehend erfolgsorientiert gezeigt wird. Die Impulskontrolle bei Wildtieren ist in den meisten Fällen aufgrund der überlebenssichernden Mechanismen und erlernten Strategien deutlich besser als bei Hunden, jedoch ist die Kontrollierbarkeit jenes Verhaltens seitens des Menschens oder anderer Gruppenmitglieder nicht gegeben. Bei Hunden wie auch bei Wildtieren kommt es gelegentlich dazu, dass deutlich mehr Beute gerissen wird als verzehrt werden kann, allerdings sind die Ursachen dafür unterschiedlich:
In mehreren Feldbeobachtungen töteten Füchse, Tüpfelhyänen und andere Fleischfresser, beispielsweise Wölfe, deutlich mehr Beutetiere als sie zur akuten Nahrungsbeschaffung benötigten. Schlussfolgerungen von Hans Kruuk zufolge dienen Mehrfachtötungen, die sogenannten „Surplus Killings“, sowohl dazu, im Fall einer Nahrungsknappheit eine sichere Nahrungsquelle für benachteiligte Gruppenmitglieder zu hinterlassen sowie natürlich vorkommende oder durch Viehzucht entstandene Populationsüberschüsse zu dezimieren. In einem ausgewogenen Ökosystem, das sowohl genügend Nahrung als auch ausreichend Beutegreifer enthält, wurden „Surplus Killings“ selten beobachtet. [17]

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Dog hunting wild rabbit

Die Kontrollierbarkeit des Jagdverhaltens beim Hund unterliegt einerseits stark genetischen Aspekten, ist aber auch durch seine Sozialisierung, seine Erfahrungen und die erzieherischen Maßnahmen bedingt. Bei Hunden, die keine starke genetische Veranlagung zur Jagd mitbringen, sich aber aufgrund ihrer Lebensweise selbst versorgen mussten, spielt erlerntes Verhalten eine deutlich größere Rolle und kann ebenso Einfluss auf die für Jagd- und Suchtverhalten relevanten Bereiche nehmen; ebenso können aufzuchtsbedingte Faktoren, zum Beispiel suchtfördende Hetzspiele oder fehlendes Erlernen der Frustrationstoleranz durch einen anhaltenden, langfristigen Cortisolüberschuss während der körperlichen und kognitiven Entwicklung des Hundes zu Impulskontrollstörungen beitragen.

Einfluss auf die Impulskontrollfähigkeit des Hundes haben auch epigenetische Faktoren: Vorgeburtlicher Stress, sowohl während der Trächtigkeit als auch kurz vor der Entbindung spielen in vergleichbarem Ausmaß wie die Ausschüttung von Stresshormonen der laktierenden Hündin eine zentrale Rolle bei den Grundbausteinen einer Impulskontrollstörung im Welpenalter. Doch nicht nur durch die Aufnahme von Stresshormonen, sondern auch durch die Beobachtung von impulsiven Verhaltensweisen sowie das Aufwachsen in einem unruhigen, bedrohlichen oder unsteten Umfeld fördert die Entwicklung von Impulskontroll- und Verhaltensstörungen. [18,19]
Auch die Resilienzfähigkeit von Hund und Mensch hat epigenetische und umweltbedingte Ursachen. Die Bewältigung von Aufgaben sowie ein hohes Maß an positiv empfundener Eigenständigkeit wirken sich ebenso wie genetische Faktoren auf die Resilienz (Widerstandsfähigkeit) des Hundes aus. Erlernte Verhaltensabläufe können sich genauso wie als belohnend empfundene alternative Verhaltensmuster auf die Selbsthemmung des Hundes in selbstbelohnenden Situationen auswirken, da jene sowohl auf die dopaminergen Strukturen einwirken als auch Bereiche des Belohnungssystems aktivieren. Je höher die Selbstwirksamkeit und Eigeninitiative bei jenen Verhaltensmustern ist, desto besser lassen sich die Abfolgen in das Belohnungssystem integrieren und andere, aus menschlicher Sicht unerwünschte Verhaltensweisen verdrängen. [20]

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Dog attentively watching its environment

Im Bereich der übersteigerten Aggression, sowohl jener, die durch angeborene Impulskontrollstörungen als auch durch erworbene Schwächen der Selbstregulierung verursacht wird, spielt auch die Persönlichkeitsstruktur des Hundes für die Ausprägung aggressiven Verhaltens und die Manifestierung bestimmter Verhaltensstrategien eine Rolle.
Die Frage nach der Persönlichkeit des Hundes gilt als umstritten, jedoch lässt der identische Aufbau des Gehirns von Mensch, Hund sowie anderen Säugetieren darauf schließen, dass auch Hunde eine eigenständige, komplexe Persönlichkeit haben, die in ihren Kernmerkmalen mit menschlichen Persönlichkeitsstrukturen vergleichbar ist.
Säugetiere, die ein instabiles, introvertiertes Persönlichkeitsprofil aufweisen, zeigen im Gegensatz zu instabilen, aber extrovertierten Tieren eher autoaggressive und stereotype Verhaltensmuster, wohingegen extrovertierte Säugetiere mit gestörter Impulskontrolle dazu neigen, eher reaktive Aggression zu zeigen und anfällig für objektbezogene, aber auch verhaltensspezifische Süchte zu sein.
In einer Studie, in der die Zusammenhänge zwischen unterschiedlichen Persönlichkeitsmerkmalen nach dem Fünf-Faktoren-Modell und Neigung zu körperlicher Gewalt sowie gewalttätigem / aggressivem Verhalten untersucht wurden, erwiesen sich die Eigenschaften Neurotizismus, Extraversion, Offenheit und Anpassungsbereitschaft als begünstigend für physische Aggression. Anpassungsbereitschaft und Offenheit zeigten sich ebenso als indirekt mit gewalttätigem Verhalten in Verbindung stehend, da jene eine aggressive Grundhaltung / aggressives Auftreten zu begünstigen scheinen. [21]
Instabile, extrovertierte Hunde zeigen sich besonders reaktiv, wenn es um den Verlust ihres Komforts geht, während instabile, introvertierte Hunde eher einen Verlust ihrer Sicherheit fürchten. Anpassungsfähige Hunde hingegen bewegen sich eher im Bereich der proaktiv-instrumentellen Aggression und handeln vorrangig bedürfnisorientiert und belohnungs-/ sozial-motiviert, wohingegen reaktive Individuen eine erhöhte Involvierung der für Wut und Angst relevanten Bereiche zeigen (Handbook of Applied Dog Behavior and Training, Lindsay). Erfahrungsgemäß neigen stabile, aber extrovertierte Hunde im Bereich der übersteigerten Aggression eher zu status- und ressourcenmotivierter Aggressivität, wohingegen stabile, aber introvertierte Hunde auch ressourcenmotiviert, aber mitunter eher territorial und sozial motivierte Aggression zeigen.
Die Resilienz, sowohl bei traumatischen Erlebnissen als auch bei anhaltendem Stress und erlernten, aggressiven Strategien ist bei stabilen Individuen deutlich stärker ausgeprägt, Extra- und Introversion können sich jedoch je nach Ausprägung gleichermaßen positiv wie auch negativ auf die Manifestierung von Impulskontroll- und Verhaltensstörungen auswirken.

Hunde, die eine Impulskontrollstörung aufweisen, sind in den meisten Fällen stark instabil. Insbesondere im Bereich der enthemmten und reaktiven Aggression, aber auch bei übermäßiger ressourcenbasierten Aggression, die oftmals aufgrund des starken selbstbelohnenden Charakters einen suchtähnlichen Charakter hat, sind in erster Linie Managementmaßnahmen zur Reduzierung des Cortisolniveaus sowie die Stärkung der Widerstandsfähigkeit, des Selbstbewusstseins und der Frustrationstoleranz des Hundes wichtig, um Verhaltensstrategien zur Vermeidung von unkontrollierter Aggression oder unkontrolliertem, suchtbetontem Verhalten auszuarbeiten und die Aggressionsbereitschaft zu hemmen.
Bei einer Impulskontrollstörung in Verbindung mit aggressivem Verhalten ebenso wie bei einer Verhaltensstörung, die zu übermäßiger, reaktiver Aggression führt, hat der reagierende Part oftmals weder ein situationsbezogenes Bewusstsein für die übermäßig aggressive Handlung noch Kontrolle über seine hemmungslose, unangemessene Aggression, weshalb erlernte Verhaltensweisen in akuten Stresssituationen nicht greifen. In solchen Fällen ist eine dauerhafte Änderungen der Rahmenbedingungen, die gegebenfalls mit einer tierärztlichen und medikamentösen Betreuung, gezieltem Training und Management einhergeht, unerlässlich.

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Eysenck-Modell zur Persönlichkeitseinstufung by drstoica.wordpress.com

Reaktive Aggression kann, ebenso wie jedes natürliche Verhalten eines Säugetieres, zu dem Angst, Wut, Selbstschutz / Selbstversorgung inklusive des Jagdverhaltens und der Gruppenverteidigung sowie Fortpflanzung gehören, sowohl situativ angemessen als auch kontrolliert auftreten. Sowohl gehemmte als auch enthemmte Verhaltensweisen eines Individuums gehören zum natürlichen Verhaltensspektrum eines Säugetieres. Entscheidend ist, dass das jeweilige Verhalten sowohl dem Kontext angemessen als auch der Aktion und Reaktion des jeweiligen Gegenübers angepasst ist.
Ein Herdenschutzhund, dessen genetische Veranlagung ihn bereits empfänglicher für bedrohliche Situationen macht und eine erhöhte Handlungsbereitschaft bei jedoch vergleichsweise guter emotionaler Stabilität verursacht, entspricht seiner rassespezifischen Aufgabe, wenn er sich im Falle eines Wolfsangriffes in eine potenziell lebensgefährliche Situation begibt oder einen Hund, der der Herde gefährlich werden könnte, tötet. Ein Jagdterrier hingegen, der auf der Fährte ausschert, um einen unbeteiligten, auf dem Weg stehenden Rüden lebensgefährlich zu verletzen, handelt nicht dem Kontext angemessen, entspricht damit jedoch durchaus dem genetischen Bauplan seiner Rasse, die eine starke Vehemenz, niedrige Reizschwelle und damit einhergehend schwache Impulskontrolle, hohe Aggressionsbereitschaft, geringe Beeinflussbarkeit und niedrige Hemmbarkeit besitzen soll – nichtsdestotrotz würde jenes Verhalten zurecht als problematische, unangemessene Aggression angesehen werden, während derselbe Jagdterrier bei einem Übergriff auf ein Wildschwein, der wiederum bei Malteser als ungewöhnlich und trainingsbedürftig angesehen würde, als vollkommen rassetypisch wahrgenommen wird.
Ähnlich verhält es sich bei einem Hund, der in einem Konflikt mit einem Artgenossen zur Verteidigung seiner Gruppe, seines Sozialpartners, einer Ressource oder seines eigenen Wohles ausgeprägt droht oder sogar eine massive körperliche Auseinandersetzung führt. Dasselbe Verhalten, auch im Bereich des Drohverhaltens, ist an der Leine auf einige Meter Entfernung und ohne erkennbare Provokation des Gegenübers weder nachvollziehbar noch annehmbar.

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Dog intensively growling at other dog

Ob ein Hund in einer bestimmten Situation aggressives Verhalten zeigt, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab: Impulskontrolle, genetische Veranlagungen für aggressives oder angstmotiviertes Handeln, erlernte Handlungsstrategien, Einstufung der Situation, Aktion / Reaktion des Gegenübers, zu erwartender Erfolg und erlerntes Feedback.
Genauso wie beim Menschen gibt es Hunde, die allgemein sehr wenige aggressive Verhaltensweisen nutzen, um sich selbst zu schützen, Ressourcen zu verteidigen oder andere Konflikte zu lösen. Das hängt sowohl von der Erfahrung des Hundes als auch von seinem genetischen Bauplan und den angeborenen wie auch erworbenen Anteilen seiner Persönlichkeit ab. Ein Hund, der eher ängstlich und sehr introvertiert ist, kann, je nachdem, welche Handlungsstrategie sich für ihn als nützlich erwiesen hat, in nahezu jeder Situation, mitunter sogar in einer ausweglosen, zur Flucht tendieren und kaum Anzeichen von Aggression zeigen, wohingegen ein anderer Hund mit ähnlicher Persönlichkeitsstruktur bereits bei geringer Bedrohung Drohverhalten zeigt.

Aus den biologischen Faktoren und den Umwelteinflüssen – der Sozialisation, der Aufzucht und den Erfahrungen eines Individuums – setzt sich die Persönlichkeit des Hundes zusammen, die maßgeblich für die Bewertung möglicher Handlungsoptionen und der finalen Aktion verantwortlich ist. Faktoren, die jedoch in der Regel variabel sind und zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen führen können, sind der jeweilige Handlungspartner, beispielsweise ein anderer Hund, ein Mensch oder auch ein sonstiges Lebewesen, zum Teil sogar ein Objekt, auf das der Hund mit defensiver oder offensiver Aggression reagieren kann. Je nach Persönlichkeit des Gegenübers bestimmt sich die Entscheidung des Hundes – inwiefern jene aufgrund des Auftretens als bedrohlich angesehen wird, wie hoch die Erfolgschancen in einem möglichen Konflikt sind und wie sich das Gegenüber im Fall unterschiedlicher Handlungen, beispielsweise Droh- und Beschwichtigungsverhalten, verhält.
Ebenso wichtig ist die Situation – ein Hund, der einen Artgenossen in wenigen Metern Entfernung als Bedrohung einstuft, kann sich bei größerer Distanz entspannt zeigen, ebenso, wie ein Mensch es als völlig normal empfinden kann, auf der Straße von einem Fremden angesprochen zu werden, wohingegen dieselbe Situation nachts im eigenen Schlafzimmer meist zurecht als ausgesprochen bedrohlich empfunden wird. Hunde lernen sowohl situativ als auch orts-, personen-, und gegenstandsbezogen; ein Hund, der sich in der eigenen Wohnung oder an seiner üblichen Spazierstrecke territorial oder an einem bestimmten Ort ängstlich zeigt, wird sich üblicherweise an anderen Orten anders verhalten: angepasst an den jeweiligen Ort, die jeweilige Situation und das jeweilige Gegenüber.
Ebenfalls bedeutsam für die Handlung des Hundes ist das situative Erregungsniveau und die Stimmungslage des Hundes und seiner Beziehungsperson. Ein Hund, der gerade akut gestresst ist, hat grundsätzlich weniger Kontrolle über seine Impulse und fühlt sich deutlich schneller bedroht als ein entspannter, zufriedener Hund. Auch die Stimmungsübertragung von Halter zu Hund oder Hund zu Hund kann Einfluss nehmen: die innere Unruhe des Halters kann sich konfliktverschärfend auswirken, ebenso, wie eine merkliche Gelassenheit, Souveränität und positive Stimmung auf den Hund übergreifen und den Affekt des Hundes beeinflussen kann.

gam.jpgGeneralisiertes Allgemeines Aggressionsmodell von Robert Mehl nach DeWall, Anderson & Bushman

Sowohl defensive als auch offensive Aggression können den reaktiven Aktionsmustern zugeschrieben werden, die jedoch dennoch situativ angemessen sein können. Im Falle eines Hundes mit Impulskontrollstörung ist die Reizschwelle oftmals so niedrig, dass bereits kleinste Bedrohungen eine Reaktion auslösen, die der Situation und der Handlung des Gegenübers unangemessen, aber für den auslösenden Hund weder steuer- noch anpassbar ist. Es findet keine kontrollierte Aggression statt, der ausgeführten Handlung liegt in der Regel kein bewusster Entscheidungsprozess zugrunde, sondern eine sowohl stress- als auch erfahrungsbedingte, gefestigte und affektive Reaktion auf einen als bedrohlich empfundenen Reiz.
Dadurch, dass der reaktive Hund in diesem Fall keine Kontrolle über seine Handlung hat, werden keine Entscheidungsprozesse in das Handeln integriert, es findet kein Abwägen des Nutzens oder der zu erwartenden Konsequenzen, seien sie positiv (Erfolg) oder negativ (Misserfolg, Verletzung, Bestrafung) statt. Ein Hund mit einer Impulskontrollstörung kann die Konsequenzen seines Handelns, je nach Stärke der Kontrollschwäche und Verfestigung erlernter Strategien, nur bedingt in zukünftigen Konfliktsituationen anwenden. Bei zu hoher Erregungslage oder anhaltendem / starkem Stress werden neu erlernte Verhaltensstrategien erneut durch affektive, reaktiv-impulsive Verhaltensweisen ersetzt und die erlernten Konsequenzen nicht mehr einbezogen, obwohl das neu erlernte Alternativverhalten bei geringem bis mäßigem Stress funktionierte. Solche Verhaltensweisen zu durchbrechen und Hunde mit Impulskontrollstörung dauerhaft zu stabilisieren ist langwierig und oftmals nicht ohne dauerhaftes Management erreichbar.

Neben der reaktiv-impulsiven Aggression gibt es auch die kontrollierte, instrumentelle Aggression. Instrumentelle Aggression sieht man bei Säugetieren im Alltag häufig, oftmals findet jene sehr subtil und ohne größeren Konflikt statt. Sei es bei der Inanspruchnahme eines Sitz- oder Liegeplatzes, beim Buhlen um einen Fortpflanzungspartner, zur Sicherung von Nahrung oder zur Bedürfnisbefriedigung.
Ein Hund, der einem anderen Hund den Knochen stehlen möchte und ihn deshalb bedroht, handelt in der Regel instrumentell und zeigt funktionale, angemessene Aggression, die sowohl durch die Situation als auch durch die Reaktion des Gegenübers und die zu erwartenden Konsequenzen beeinflussbar ist, da es sich um eine bewusstes, durchdachtes Verhalten handelt und dafür sowohl die Erfolgsaussichten als auch das Feedback relevant sind.
Im Bereich der kontrollierten, aber auch der impulsiven Aggression spielt die Motivation des Hundes ebenfalls eine erhebliche Rolle, wobei reaktive Hunde oftmals eine geringere Unterteilung in wichtige und unwichtige Motivationen haben und sowohl aufgrund der verminderten Impulskontrolle als auch wegen der höheren Anfälligkeit für selbstbelohnendes und suchtbasiertes Verhalten in mehreren Motivationsbereichen auslösen, beispielsweise zur Ressourcenverteidigung, zum Selbstschutz, zum Status oder sozial motiviert.
Instrumentelle Aggression hat häufig wenige, aber bedeutsame Motivationen, die mittels aggressiver Strategien erhalten oder durchgesetzt werden sollen.
Hunde, die gelernt haben, ihren Liegeplatz vor dem Menschen durch Knurren verteidigen zu können, werden diese Strategie immer wieder als Instrument, als Mittel zum Zweck, nutzen und können die Intensität je nach Reaktion des Menschen anpassen. Stellen sie jedoch fest, dass sich dieses Verhalten im Rahmen eines Kosten-Nutzen-Vergleiches nicht mehr lohnt, sind sie in der Lage, jenes einzustellen, wohingegen ein Hund, der reaktiv-impulsiv Ressourcen verteidigt, eher dazu neigt, etwas um jeden Preis zu verteidigen und diese Strategie nicht einfach aufgibt, weil keine Erfolgsaussicht besteht oder die Konsequenzen unangenehm sind.

Im Bereich der Motivation wie auch des konsequenzbasierten Lernens ist die Beachtung der Impulskontrollfähigkeit für die Einstufung des Handels und den verhaltensmodifizierenden Strategien unerlässlich.
Ein Mensch, dessen Motivation es ist, andere zu berauben, setzt jene in der Regel funktional-instrumentell durch. Hat jener gelernt, dass es zielführend ist, anderen eine runterzuhauen, um an sein Ziel, das Portemonnaie, zu kommen, die Handlung jedoch absolut bewusst sowie kontrolliert stattfindet, die Konsequenzen abschätzbar sind und Alternativen bekannt sind, liegt dieses Verhalten nicht an mangelnder Impulskontrolle, sondern ist eher instrumenteller Aggression bzw. erlernten Strategien zuzuschreiben – der Mensch nutzt Aggression als Mittel zum Zweck. Die jeweilige Handlungsweise ist adjustierbar, das heißt, der Raubtäter kann lernen, dass es weniger lohnenswert ist, muskulöse, selbstbewusste Männer oder Personen mit großen, aggressionsbereiten Hunden zu überfallen, genauso, wie er lernen kann, dass auf sein Handeln ein Erfolg, aber auch eine negative Konsequenz folgen kann. Die instrumentelle Aggression lässt sich sowohl durch hemmende Mechanismen (Strafe, Erfolglosigkeit) als auch durch alternative Verhaltensstrategien beeinflussen: Lernt das jeweilige Individuum, dass sein Handeln ihm gewalttätige Übergriffe, eine Haftstrafe, soziale Ausgrenzung oder schlicht Erfolglosigkeit beschert und werden jene Konsequenzen von ihm als negativ wahrgenommen, wird es diese zukünftig zu vermeiden versuchen. Wird zusätzlich ein Alternativverhalten, das für die jeweilige Person lohnenswert ist, angeboten und damit ebenso das Belohnungszentrum aktiviert, kann die kontrollierte Aggression ausbleiben und das erlernte Verhalten dauerhaft eingedämmt werden.
Wählt ein Individuum nun aber bei jedem, der ihn aus seiner Sicht schief anguckt oder von dem er sich bedroht fühlt, die Strategie der direkten Gewalt, weil er sich sofort in völlig übersteigerter Erregungslage und in reaktiv-impulsiver Aggression befindet, lässt jenes Verhalten auf eine Impulskontrollstörung schließen. Bei jenem Verhalten findet ein Abwägen der jeweiligen Reaktion oftmals nicht statt, es werden weder die Erfolgsaussichten noch alternative Handlungsweisen bedacht – ebenso wenig, wie die Möglichkeit, dass auf das Handeln eine Strafe folgt, einkalkuliert wird, weil der Fokus auf die auszuführende Handlung bereits so stark ist, dass jegliche Konsequenzen und Alternativen ausgeblendet werden. In diesem Fall liegt der Motivation das diffuse Empfinden einer Bedrohung, sei es jene einer Ressourcen, des Status oder der eigenen Sicherheit zugrunde, wodurch eine situativ unangemessene, unkontrollierte und nicht auf das Gegenüber sowie andere, bedeutsame Faktoren abgestimmte Handlung erfolgt.

Bei Hunden ohne Impulskontrollstörung kann die Fähigkeit, Impulse zu kontrollieren zwar generell verbessert werden, ist aber nur bedingt übertragbar. Ein gesunder Hund kann natürlich lernen, sich in Bezug auf Bewegungsreize andauernd zurückzunehmen, sowohl über hemmende Strategien als auch, indem man sich das Belohnungssystem zu Nutze macht und Selbsthemmung belohnt. Das bedeutet jedoch nicht, dass ein Hund, der vor dem Napf, an der Straße und im Spiel warten kann, sich auch beim Anblick eines Bewegungsreizes zurücknehmen kann oder, dass ein Hund situations- und stimmungsunabhängig in der Lage ist, seinen Impuls bei der Jagd oder im Bereich der Aggression zu kontrollieren.
Das Zurücknehmen respektive die Impulskontrolle funktioniert jedoch nur, solange das Cortisollevel des Hundes niedrig genug ist, um die bewusste Impulskontrolle beziehungsweise alternative Handlungsstrategien zuzulassen. Hunde, bei denen das dopaminerge System gerade die gesamte Verhaltenssteuerung auf Bedürfniserfüllung ausgelegt hat, beispielsweise beim Jagdverhalten, können sich auch trotz ansonsten guter Impulskontrolle oder gefestigter Verhaltensstrategien nicht kontrollieren, ebenso sind Hunde, die einer akuten Bedrohung oder einer als bedrohlich empfundenen Situation in hoher Stress-/Erregungslage nur noch bedingt in der Lage, den eigenen Impuls zu kontrollieren und alternative Strategien zur Flucht oder Aggression anzuwenden.
Um dauerhaft zielführend mit der Impulskontrollfähigkeit des Hundes zu arbeiten, ist es sinnvoll, das Erregungsniveau niedrig zu halten, ein ausgewogenes Cortisollevel zu ermöglichen, alternative, möglichst selbstbelohnende Verhaltensweisen mit hoher Eigeninitiative und der Motivation entsprechend zu fördern, aber auch den Blick auf die Situation, das Gegenüber und die Persönlichkeit des Hundes zu legen – wie gut ein Hund sich selbst regulieren kann, ist letztendlich immer auch genetisch bedingt, wie gut er sich sein genetisches Potenzial zu Nutze machen kann, hängt jedoch von der Umwelt, zu der Halter maßgeblich gehört, ab.

 

Literaturverweise:
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17. https://www.researchgate.net/publication/229928398_Surplus_killing_by_carnivores
18. https://www.mpg.de/431776/forschungsSchwerpunkt
19.Implication of sperm RNAs in transgenerational inheritance of the effects of early trauma in mice, Gapp et. al
20. S. Scarr, L. McCartney: How people make their own environments: A theory on genotype environment effects. In: Child Development. 54, 1983, S. 424–435.
21. https://public.psych.iastate.edu/caa/abstracts/2010-2014/12BA.pdf

Ein Gedanke zu “Von Impulskontrollstörungen zum unerwünschten Verhalten des Hundes

  1. Ein ganz hervorragender Artikel , den sich so einige Hundetrainer zu Gemüte führen sollten . Sehr toll beschrieben, ich kann das Verfasste nur Unterstützen durch meine gemachten Erfahrungen! Ich habe inzwischen den Eindruck gewonnen , dass die Epigenetik eine wesentlich höhere Rolle spielt als bisher angenommen . Vielen Dank für diesen tollen Artikel

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