Der Wolf – Verbreitung, Ökologie, Verhalten und Gefahrenpotenzial

Den Wolf umgibt eine Vielzahl von Mythen – viele Menschen fürchten das mächtige Landraubtier, das noch immer große Ängste in Menschen schürt. Der Wolf – eine Gefahr für uns Menschen?
Über die letzten Jahre haben sich auch in Deutschland, einem der Länder mit der höchsten Bevölkerungsdichte Europas, immer mehr Wölfe angesiedelt.
Die Sichtungen von Wölfen werden häufiger, ihre Präsenz erregt mediale Aufmerksamkeit und sorgt dafür, dass sich auch Menschen, die zuvor wenig mit Wölfen zu tun hatten, mit der Frage auseinandersetzen, ob der Wolf einen Platz in Deutschland hat.

wolf-3241382_1280Bildquelle: Pixabay


Verbreitung des Grauwolfes und Erhebungen zu Gefahren seitens des Wolfes

Laut Untersuchungen aus dem Jahre 2003 existieren derzeit circa 300,000 Grauwölfe (Canis lupus) weltweit. Der größte Teil der Wolfspopulation lebt in Asien, Europa und Amerika. Das größte Verbreitungsgebiet hat der Eurasische Wolf / Europäische Grauwolf (Canis lupus lupus), der in Ostsibirien, Skandinavien, Osteuropa, Südosteuropa, Mitteleuropa, Südeuropa und Westeuropa lebt.

Tatsächlich liegt die Anzahl der gemeldeten Angriffe auf Menschen bei 138 erfassten Übergriffen von 2010 – 2018 weltweit – davon im Jahr 2018 sechs bekannte Attacken, die meisten in Osteuropa. Zu dieser Anzahl zählen sowohl Übergriffe von wildlebenden als auch von in Gefangenschaft lebenden Wölfen.
Die Population in den Ländern, in denen 2018 Angriffe von Wölfen auf Menschen stattfanden, liegt zusammengerechnet bei circa 39,500 Wölfen.
Auf die Anzahl der Individuen gerechnet, liegt die Zahl der Übergriffe von Wölfen auf einen oder mehrere Menschen bei der Gesamtpopulation in den Jahren 2010-2018 bei 0,05%, im Jahr 2018 bei 0,02%.

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Verteilung des Grauwolfes (Canis lupus) über den Globus

In Europa leben derzeit außerhalb von Russland ca. 18.000 Wölfe (Chapron 2014; Salvatori & Linnell 2005; Boitani 2000), Tendenz steigend, verteilt auf 28 Länder.

Die Angst vor einem Angriff des Wolfes ist auch hier in Europa  stark verbreitet – Studien haben bestätigt, dass eine signifikante Anzahl von Personen den Wolf fürchtet und das eigene Verhalten ändern würde, wenn bekannt wäre, dass sich Wölfe in der Region aufhalten (z.B. Kanzaki et al. 1996, Lohr et al. 1996, Blerke & Kaltenborn 2000, Bath 2001, Bath & Farmer 2000, Bath & Madjic 2001).  Diese Ängste haben bisher dazu geführt, dass öffentliche Debatten über Wolfsmanagement und Schutz oftmals hochemotional geführt werden, obwohl die tatsächliche von Wölfen ausgehende Gefahr als gering einzustufen ist. Die starke Angst vor Wölfen wirkt irrational, da sie vergleichsweise gegenüber tatsächlich bestehenden, größeren Gefahren, deutlich stärker ausgeprägt ist  – so sind beispielsweise Bären (Ursus spec.) schon lange dafür bekannt, dass sie tödliche Angriffe auf Menschen vornehmen oder jene in höherer Anzahl verletzen (Swenson et al. 1996) – dennoch ist das Ausmaß der Angst deutlich geringer als das vor dem Wolf.

Eine wissenschaftliche Untersuchung des Norwegian Institute for Nature Research (NINA Institut) im Jahr 2001, bei der weltweit dokumentierte Fälle zusammengestellt und untersucht wurden, in denen Menschen von Wölfen angegriffen wurden, hat ergeben, dass zwischen 1950 und 2000 in Europa insgesamt 59 Zwischenfälle gemeldet wurden (1,18 Zwischenfälle pro Jahr, bei einer Population von 10.000 Wölfen 0,59%), bei denen neun Menschen nachweislich von Wölfen getötet wurden. Von den neun Todesfällen stellte sich bei fünf der Übergriffe heraus, dass die Wölfe an Tollwut erkrankt waren, das sind rund 55,6%.
Bei den weiteren Angriffen von nachweislich nicht tollwütigen Wölfen wurde bestätigt, dass die Tiere zuvor angefüttert oder provoziert wurden.

In den Ländern, in denen es im Jahr 2018 zu Wolfsangriffen kam, leben zusammengerechnet fast 40.000 Wölfe, davon 30.000 Wölfe in Russland (Stand 2003) –  der Großteil im asiatischen Teil Russlands, der flächenmäßig etwa 76,8% des Landes ausmacht – verzeichnet wurde 2018 eine Attacke auf Menschen, 2000 Wölfe in der Ukraine (Europa), bekannt sind zwei Attacken im Jahr 2018, 2000  Wölfe in Belarus (Europa) (Stand 2007), eine bekannte Attacke 2018, 2500 in Polen (Europa) (Stand 2017), bekannt ist eine Attacke auf Menschen 2018 und 3000 im Iran (Asien), eine bekannte Attacke auf Menschen 2018. Gerechnet auf die in Europa lebenden Wölfe (18.000) liegt die Zahl der attackierenden Individuen im Jahr 2018 bei bei 0,025%.
(Zur Gegenüberstellung: Von Januar bis Juli 2018 wurden hingegen 175200 Verkehrsunfälle mit Personenschaden allein in Deutschland festgestellt, das sind 0,2% der deutschen Bevölkerung (Statistisches Bundesamt, 2018).

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Status der Wolfspopulationen in Westeuropa und Nordamerika.
Hayes & Gunson 1995, Stephenson et al. 1995, International Wolf Foundation, Boitani 2000, Iliopoulos 2000, Linnell et al. 2001.

 

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Verteilung von Großraubtieren in Europa im Jahr 2011,Braunbären (oben links), Eurasischer Luchs (oben rechts), graue Wölfe (unten links) und Vielfraße (unten rechts). Dunkelblaue Zellen zeigen Bereiche mit permanentem Vorkommen an, hellblaue zeigen Bereiche sporadischen Auftretens an

In Deutschland gibt es gegenwärtig 60 Rudel und 13 Wolfspaare (NABU, 2017). Bestätigte Angriffe auf Personen seitens eines Wolfes gab es keinen.
Die 60 Rudel verteilen sich sich größtenteils auf den Osten Deutschlands, auf die Lausitz, die sich über Südbrandenburg sowie Teile Sachsens erstreckt und bis nach Polen reicht.  Sie hat eine Gesamtfläche von 13.000 km². ‎
In Deutschland leben zurzeit 82.792.351 Menschen (31. Dezember 2017) auf einer Gesamtfläche von ‎357.385.71‎ km², das sind ‎232 Menschen pro km² – davon ausgehend, dass in Deutschland derzeit circa 60 Rudel mit etwa 8 Tieren pro Rudel leben, kommen auf einen Quadratkilometer Grundfläche weniger als 0,14 Wölfe.

Von den 60 Rudeln und 13 Wolfspaaren leben derzeit 14 Wolfsrudel und vier Paare in Sachsen. Die weiteren Wolfsterritorien wurden in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Niedersachsen, Thüringen und Bayern nachgewiesen (siehe Karte zur Verbreitung in Deutschland).
Die Anzahl der in den Rudeln lebenden Wölfe schwankt je nach Jahreszeit in der Regel zwischen 5 und 10 Wölfen. Die Schwankungen ergeben sich durch die Geburt der Welpen, die Abwanderung der Jährlinge und Todesfälle (Wolf-Sachsen.de, 2017).
Das Wolfsvorkommen basiert größtenteils auf einer natürlichen Zuwanderung aus anderen Ländern, insbesondere aus Polen.

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Das Verhalten des Wolfes

Der Grauwolf ist die größte Spezies in der Familie der Canidae, die Hunde, Wölfe, Kojoten, Schakale und Füchse umfasst. Der Grauwolf (Canis lupus) ist seit dem späten Pleistozän in mehreren Unterarten in ganz Europa, weiten Teilen Asiens, einschließlich der Arabischen Halbinsel sowie Japan, und in Nordamerika verbreitet (Derr, 2011). In Osteuropa, auf dem Balkan, in Kanada, Sibirien, der Mongolei und zu einem geringeren Grade dem Iran gibt es noch größere zusammenhängende Populationen, ansonsten leben Wölfe aufgrund der Vertreibung durch Menschen, der Dezimierung des Lebensraumes und der Bejagung in kleinen, isolierten Beständen.

Wölfe leben in sogenannten Rudeln – Familienverbänden, die aus den Elterntieren, den Nachkommen des aktuellen Jahres und denen des Vorjahres, den „Jährlingen“, bestehen.
Die Elterntiere leben häufig dauerhaft zusammen und besetzen gemeinsam ein Revier. In unseren gemäßigten Zonen – beispielsweise in Deutschland – sind Wolfsrudel meist ortstreu, sobald sie sich niedergelassen haben. Ihr Revier umfasst eine Größe von durchschnittlich 250 km². In diesem Revier dulden Wölfe außer ihrem eigenen Nachwuchs keine anderen Wölfe. Die Jährlinge, die mit ihm Rudel leben, werden mit 10 bis 22 Monaten geschlechtsreif und wandern auf der Suche nach einem eigenen Revier und eigenem Partner ab.

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Bildquelle: Pixabay.com

Grauwölfe jagen vorwiegend Säugetieren, die größer sind als sie selbst (Nowak, 1999). Typische Beutetiere sind in Amerika Hirsche, Elche, Karibus, Bisons, Moschusochsen und Bergschafe.

In Deutschland besteht die Hauptnahrung des Wolfes aus Rehen (53%), gefolgt von Rotwild (15%) und Wildschweinen (18%), circa 13% der Nahrung bestehen aus Damhirsch, Muffelschaf, Hase und anderen kleinen und mittelgroßen Säugern.Dies haben Untersuchungen des Senckenberg Museums für Naturkunde (Görlitz) an über 6.000 gesammelten Kotproben aus den Jahren 2001 bis 2016 ergeben. Mit etwa einem Prozent der erbeuteten Biomasse sind Nutztierrisse die Ausnahme und spielen als Nahrung für das Überleben der Wölfe keine Rolle (NABU, 2017).
Wenn die Jagd auf ein Beutetier nicht schnell genug zum Erfolg führt oder das gejagte Tier gesund ist und sich dem Rudel stellt, wird die Jagd häufig aufgegeben (Nowak, 1999).

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Nahrungszusammensetzung der Wolfes in der Lausitz.
Datenquelle: http://www.wolfsregion-lausitz.de/nahrungszusammensetzung

Auch Mehrfachtötungen, die reißerisch oftmals als Blutrausch bezeichnet werden, sind nicht allzu häufig. In mehreren Feldbeobachtungen töteten Füchse, Tüpfelhyänen und andere Fleischfresser, beispielsweise Wölfe, deutlich mehr Beutetiere als sie zur akuten Nahrungsbeschaffung benötigten. Schlussfolgerungen von Hans Kruuk zufolge dienen Mehrfachtötungen, die sogenannten „Surplus Killings“, sowohl dazu, im Fall einer Nahrungsknappheit eine sichere Nahrungsquelle für benachteiligte Gruppenmitglieder zu hinterlassen sowie natürlich vorkommende oder durch Viehzucht entstandene Populationsüberschüsse zu dezimieren. In einem ausgewogenen Ökosystem, das sowohl genügend Nahrung als auch ausreichend Beutegreifer enthält, wurden „Surplus Killings“ selten beobachtet (Kruuk, 2009)
Normalerweise würden Wölfe, die auch Aas zu sich nehmen, später zurückkehren, um die „überschüssige“ Beute zu fressen.

 

Die Rolle des Wolfes für ein stabiles Ökosystem

Der Wolf leistet einen wichtigen Bestandteil zur Biodiversität. Wölfe tragen aktiv dazu bei, dass Wildbestände vitaler werden und halten dadurch das Ökosystem im Gleichgewicht. Anders als bei der Jagd, die zwar für die Populationskontrolle eine Rolle spielt, aber keinen so wesentlichen Teil zum natürlichen Gleichgewicht beiträgt, frisst der Wolf nicht seine gesamte erlegte Beute auf einmal, während ein menschlicher Jäger die erlegten Tiere meist vollständig aus dem Wald entfernt oder sie lediglich an festlegten Plätzen, meist in der Nähe eines Hochsitzes zwecks weiterer Jagd, deponiert. Die an unterschiedlichen Stellen verstreuten Kadaverteile sind jedoch für viele Aasfresser eine lebenswichtige Nahrungsquelle und bilden somit für viele Organismen notwendige ökologische Nischen. Dadurch, dass der Wolf seine Beute nicht komplett verspeist, trägt er dazu bei, das Nahrungsangebot für andere Tierarten zu sichern. Durch die Anwesenheit des Wolfes wird das Nahrungsnetz größer, da die Nutznießer wiederum eine Nahrungsgrundlage für andere Tiere darstellen. Auch das restliche Aas wird durch Bakterien, Würmer und Insekten zersetzt, wodurch sehr nährstoffreiche Erde erzeugt wird, die wiederum eine Grundlage für eine Vielzahl an Pflanzen ist (Gross et al., 2009).

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Situation A ohne Wolf:
Der Wildbestand ist sehr hoch und schadet der Vegetation
Die Nahrung wird für viele Pflanzenfresser knapp
Das Wild muss durch menschliche Jagd reguliert werden

Situation B mit Wolf:
Der Wildbestand wird natürlich reguliert, die Population wird kleiner und verteilt sich besser
Der Wildbestand wird gesünder und vitaler
Die Vegetation kann sich erholen und bietet genügend Nahrung für viele Pflanzenfresser
Die Biodiversität vergrössert sich
Langfristiges ökologisches Gleichgewicht

(Quelle: CHwolf.org)

 

Die Bejagung des Wolfes

Nach wie vor werden Wölfe in einem Großteil ihres europäischen Verbreitungsgebietes regulär bejagt, insbesondere im östlichen Verbreitungsgebiet (Russland, Weißrussland, Ukraine).  Nach EU-Recht ist der Wolf eine streng geschützte Tierart und darf mit Ausnahme weniger Populationen in den Ländern der Europäischen Union nicht bejagt werden. In den baltischen Ländern und der Slowakei wird der Wolf dagegen noch immer regulär bejagt. Als Voraussetzung dafür müssen diese Länder nationale
Managementpläne vorlegen und ein genaues Monitoring der Populationen sowie die Nachhaltigkeit der Bejagung nachweisen. In den meisten Ländern können Ausnahmegenehmigungen für den Abschuss einzelner
Wölfe beantragt werden. Dies ist auch nach Art. 16 FFH-RL möglich, etwa, wenn gehäuft Schäden an Haus- oder Nutztieren in einem Gebiet auftreten, diese Bejagung wird dann von ausgebildeten Wildhütern oder staatlichen Stellen, teils auch von örtlichen Jägern ausgeführt (Reinhardt & Kluth 2006).

In Deutschland ist die Umsetzung von Natur- und Artenschutz Sache der Bundesländer.
Das heißt, die Zuständigkeiten beim Wolfsmanagement liegen auf Länder- und
nicht auf Bundesebene. Aktuell gibt es in Deutschland nur aus zwei Bundesländern Nachweise von permanent auftretenden Wölfen: aus Sachsen und Brandenburg.

Eine Bejagung von Wölfen ist demnach nur in Ausnahmefällen, beispielsweise bei auffällig gewordenen Wölfen oder „Hybriden“, Wolf-Hund-Mischlingen, erlaubt.
Fraglich ist zudem, ob eine konstante Bejagung tatsächlich zielführend ist.
Bei anderen in Familienverbänden lebenden Caniden, beispielsweise Kojoten, führt eine Bejagung zur Populationszunahme, da stabile Familienverbände (Rudel, englisch: pack) dadurch zerstört werden und sich jüngere Tiere, die ursprünglich noch im Familienverband leben würden, früher abwandern, um Nachkommen zu produzieren.

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Infografik zur Bejagung bei Kojoten – auch auf das Beispiel des Wolfes anwendbar
Humanesociety.org

Untersuchungen im Yellowstone Nationalpark haben gezeigt, dass große Säugetiere, anders als beispielsweise Hasen und Kaninchen, selbst zur Populationskontrolle beitragen.  Zuvor ging man davon aus, dass die Verbreitung größerer Raubtiere durch die Verfügbarkeit ihrer Beutetiere bestimmt sind, allerdings deuten Untersuchungen der Charles Darwin University darauf hin, dass Landräuber wie der Wolf ihre eigene Populationsdichte begrenzen und so das Ökosystem im Gleichgewicht halten.
Großraubtiere wie Wölfe kontrollieren beispielsweise die Anzahl ihrer Gruppenmitglieder, indem sich nur bestimmte Mitglieder der Gruppe – in der Regel die Elterntiere oder die erfahrensten Tiere, vermehren (Weiler, 2015).

 

Verhaltensleitfäden im Umgang mit dem Wolf

Die meisten Menschen, die in Deutschland in Wolfsgebieten leben, bekommen nur selten
einen Wolf zu Gesicht. Zum einen bewohnen Wölfe sehr große Territorien von bis zu mehreren hundert Quadratkilometern. Zum anderen vermeiden Wölfe i.d.R. das Zusammentreffen mit Menschen, in dem sie ihm räumlich und zeitlich aus dem Wege gehen. Wölfe sind in Europa überwiegend nachtaktiv (Ciucci et al. 1997, Blanco et al. 2005, Pedersen et al. 2005, Reinhardt & Kluth 2011) und meiden Gebiete, in denen die Wahrscheinlichkeit auf Menschen zu treffen, am größten ist (Kaartinen et al. 2015). Untersuchungen in Finnland und Deutschland ergaben, dass Wölfe Ortschaften und Straßen meiden (Kaartinen et al. 2005; Kojola et al. 2016; Reinhardt & Kluth 2011, 2015).
(Quelle: DBBW, 2018)

Sollte es dennoch zu einer seltenen Konfrontation mit einem Wolf kommen, wird bei Begegnungen empfohlen, nicht wegzulaufen, sondern stehenzubleiben, den Wolf ruhig anzusprechen, um sich bemerkbar zu machen. Häufig führt das Bemerkt-Werden bereits zur Flucht des Wolfes. Es wird dringend dazu geraten, nicht zu versuchen, den Wolf anzufassen oder gar zu füttern. Das Anfüttern von Wölfen kann zur Habituation führen und eine deutliche Distanzverringerung zur Folge haben.
Durch lautes Sprechen, Armbewegungen und Klatschen lassen sich Wölfe vertreiben, dabei sollte man sich langsam entfernen.
(Quelle: Wolfsinformationszentrum Schleswig-Holstein)

Bei Spaziergängen mit dem Hund wird vom NABU und dem IFAW empfohlen, den Hund anzuleinen und ihn stets in der Nähe des Menschen zu führen, da Wölfe Begegnungen mit Menschen in den meisten Fällen scheuen. Vorfälle, bei denen Hunde von Wölfen angegriffen wurden, sind in Deutschland extrem selten.
In Skandinavien werden Jagdhunde von Wölfen angegriffen, da sie sich mitunter weit vom Halter entfernen. Untersuchungen der Vorfälle – die häufig in der Hauptjagdsaison im Oktober stattfinden – haben ergeben, dass es oft Hunde trifft, die frische Wolfsspuren verfolgen und dann fern von ihrem Besitzer auf den Wolf treffen, von dem sie als Eindringling wahrgenommen werden.
Die Auswertung der Daten von besenderten Wölfen in Deutschland hat gezeigt, dass Wölfe nicht von sich aus Hunde verfolgen.
Wird der Hund also auf dem Spaziergang mit seinem Halter an der Leine geführt oder bleibt zuverlässig in der Nähe des Menschen, ist die Gefahr durch den Wolf gering.

 

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Bildquelle: Pixabay.com

Obwohl Wölfe meist scheu sind und menschliche Nähe meiden, gibt es in seltenen Fällen Wölfe, die sich auffällig verhalten. Unter auffälligem Verhalten werden Verhaltensweisen bezeichnet, die wiederkehrend außerhalb der Bandbreite des Verhaltens der meisten Individuen dieser Art liegt (DBBW, 2018).
Als auffällige Verhaltensweisen werden unter Anderem „Siedlungstoleranz“ und dreistes Verhalten, das durch eine drastische Unterschreitung der normalen Fluchtdistanz eines Wolfes zum Menschen gekennzeichnet ist, bezeichnet.

Ein häufig als problematisch und bedrohlich eingestuftes Verhalten von Wölfen tritt bei sogenannten „Nahbegegnungen“ auf, bei denen sich ein Wolf einem Menschen auf eine Distanz von unter 30m nähert und bei denen der Mensch als solcher für den Wolf erkennbar ist (nicht in einem Fahrzeug, auf einem Pferd, et cetera).
Nahbegegnungen gelten jedoch nicht als per se problematisch, da der Wolf sich bei den meisten dieser Begegnungen zurückzieht, sobald er den Menschen als solchen erkannt hat. Duldet ein ausgewachsener Wolf wiederholt Menschen auf eine Distanz von unter 30m oder nähert sich ihnen sogar aktiv auf oder unter dieser Distanz an, so kann dies ein Hinweis auf eine starke Habituierung oder positive Konditionierung sein. Die 30m wurden als Anhaltspunkt gewählt, da die Fluchtdistanz der meisten Wölfe deutlich größer ist (z.B. Wam 2002, Karlsson et al. 2007).
Bei Wölfen, die wiederholt durch dieses Verhalten auffallen, wird meist eine sogenannte „letale Entnahme“, also eine Tötung des Wolfes angeordnet. Mitunter gehen dieser vorherige Vergrämungsversuche voraus.

Im „Konzept zum Umgang mit Wölfen, die sich Menschen gegenüber auffällig verhalten“ von Reinhardt, Kaczensky, Frank, Knauer und Kluth (2018) heißt es dazu:
„Aus den Jahren 2000 bis zum Frühjahr 2016 wurden aus Sachsen 1.999 Wolfssichtungen
(mit Entfernungsangabe) gemeldet. Bei 478 (24 %) betrug die angegebene Entfernung unter 30m. Der weitaus größte Teil dieser Beobachtungen fand allerdings aus dem Fahrzeug heraus oder vom Hochsitz aus statt. In 5 % (n = 97) dieser Sichtungen waren die Menschen zu Fuß unterwegs. Nur neun Mal (0,4 %) wurde berichtet, dass sich in einer solchen Situation der Wolf weiter annäherte, obwohl er den Menschen (wahrscheinlich) bemerkt hatte. Dabei ist davon auszugehen, dass Sichtungen auf kurze Distanz eher gemeldet werden, als Wolfssichtungen auf 100m, weil erstere für den Beobachter oft besonders beeindruckend sind. Der Anteil von Sichtungen auf kurze Distanz dürfte daher eher überrepräsentiert sein.“

 

 

Abschließende Bemerkungen

Grundsätzlich bedeutet dies also, dass sich auffällig verhaltende Wölfe sehr selten sind und dass sich Begegnungen mit dem Wolf – auch aus geringerer Distanz – meist harmlos gestalten.
Bei korrektem Verhalten gegenüber dem Wolf besteht für Menschen und Hunde keine Gefahr, auch die Gefahr für Nutztiere durch den Wolf ist gering.

Durch zielführende Aufklärung über das Verhalten des Wolfes, zuverlässige Daten über Verbreitung, bestehende Gefahren und Nahrungsquellen ließe sich die Angst vor dem Wolf, die aufgrund der bestehenden Daten als unberechtigt anzusehen ist, möglicherweise eindämmen und eine generelle Akzeptanz des Wolfes fördern, der nicht nur eines der ältesten Landraubtiere ist, sondern auch eine wichtige Rolle für unser Ökosystem spielt.
Quellen:
Header –  Chris Taiga Photography

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Boitani, L. Action plan for the conservation of Wolves in Europe (Canis lupus)

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