Wolf, Hund & Wolfhund

Wölfe und Hunde sind verschiedene Spezies, doch werden seit einiger Zeit Wolfhunde gezüchtet, indem gezielt Wölfe mit Hunden verpaart, die Nachkommen über mehrere Generationen miteinander und mit anderen Wolfhunden verpaart werden , um die Folgegenerationen an Wolfhundhalter abzugeben.

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A very high content wolfdog next to a very low content wolfdog

Bekannt sind in Europa insbesondere die beiden anerkannten Wolfhunderassen, der Tschechoslowakische Wolfhund und der Saarloos Wolfhund. Beide Wolfhunderassen sind domestizierte Haushunde mit häufig sehr einheitlichem Aussehen und Charakter, die sich entsprechend ihres Rassestandards und des Zuchtziels verhalten, jedoch in ihrem Instinktverhalten, ihrer Reaktionsschnelligkeit, der Intensität der Kommunikation und der Eigenständigkeit von den meisten Hunderassen geringfügig unterscheiden.

Neben den anerkannten Rassen gibt es noch andere Wolfhunde, die häufig deutlich weniger von der letzten Wolfseinkreuzung entfernt sind und in ihrem Verhalten und ihrer Optik stärker an Wölfe erinnern. Diese Wolfhunde sind Mischlinge aus verschiedenen Hunderassen (häufig Siberian Husky, Malamute, Deutscher Schäferhund – selten Belgischer Schäferhund (Groenendael) oder Weißer Schweizer Schäferhund sowie Samojede) und amerikanischen Wolfsunterarten (häufig Timberwolf, British Columbia Wolf, Tundrawolf und Polarwolf) und können sich daher im Gegensatz zu den zwei anerkannten Wolfhundrassen sehr stark in ihrer Optik und ihrem Verhalten unterscheiden – die Unterschiede sind maßgeblich durch den theoretischen Wolfsanteil sowie durch die verwendeten Ausgangstiere, die Wolfsunterarten und die eingekreuzten Hunderassen bedingt.

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Low-content-Wolfdog und Saarloos Wolfhund, beide in einem ähnlichen Prozentbereich, dennoch sind deutliche Unterschiede in der Optik und im Verhalten zu erkennen.

Wolfhunde werden in unterschiedliche Prozentbereiche, die für den theoretisch vorhanden Wolfsanteil des jeweiligen Hundes stehen, unterteilt.

Es wird zwischen low content (20-49%), mid content (50-74%), upper mid content (75-85%) und high content (86-99%) unterschieden. Darüber hinaus werden Wolfhunde mit niedriger Filialgeneration (die Filialgeneration bezeichnet die Nachkommen der Parentalgeneration [Elterngeneration] – F1 sind die direkten Nachkommen, F2 ist die Nachzucht der direkten Nachkommen (F1 x Hund oder F1 x Wolfhund höherer F-Generation) – ab F5 gelten Wolfhunde in Deutschland als Haushunde, in Amerika werden sie häufig nur bis F4 gezüchtet, die meisten Wolfhunde sind dort F2-F3) in einem Bereich von 45-49% mitunter als „low mid content“ statt als low content eingestuft, weil sie verglichen mit anderen low contents ausgeprägtere wölfische Merkmale zeigen. Die Einteilung in Prozente ist jedoch nicht einheitlich gegliedert, in einigen Skalen werden sie niedriger oder höher angesetzt. Entscheidend für die Einstufung ist oftmals das Aussehen des Tieres, bezogen auf sein Standbild, seine Bewegungen und seine physiologischen Eigenschaften, aber auch der Charakter des jeweiligen Wolfhundes. Die in diesem Text verwendete Einteilung ist jene, die in den USA weitestgehend Gebrauch findet.
Neben dem Content können wölfische Attribute auch durch die Wahl der Zuchttiere, insbesondere durch die verwendeten Hunderassen, verstärkt werden, wodurch Übergänge zwischen den Contents fließend sein können und einzelne Tiere im Gesamtbild wölfischer erscheinen als Wolfhunde höheren Wolfsanteils.
Der Content bestimmt grundsätzlich die Intensität und Häufigkeit der wölfischen sowie hündischen Merkmale, jedoch kann auch ein niedrigprozentiges Tier – bedingt durch Sozialisation und Genetik – in seinem Verhalten wölfischer und schwieriger zu handhaben sein als ein höher- oder hochprozentiger Wolfhund.
Ein hochprozentiger Wolfhund, der unter ähnlichen Bedingungen gezüchtet und aufgezogen wurde wie ein niedrigprozentiger Wolfhund zeigt vergleichsweise grundsätzlich deutlich wölfischere Attribute in Optik und Verhalten – nichtsdestotrotz spielen Aufzucht und Selektion eine wesentliche Rolle; ein low content, dessen Aufzuchts- und Zuchtbedingungen miserabel waren, kann sich deutlich schwieriger als ein hochprozentiger Wolfhund, der unter idealen Bedingungen entstanden, verhalten.

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high mid low

Low-Content-Wolfhunde gleichen optisch und behavioral mehr einem Hund als einem Wolf, obwohl ein Low-Content sich in jedem Fall durch bestimmte äußerliche und charakterliche Merkmale von einem Hund ohne Wolfsanteile unterscheidet; sie zeigen sichtbare physische, biologische und behaviorale Merkmale des Wolfseinflusses, aufgrund der hohen Anteile domestizierter Haushunde können sie auf den ersten Blick jedoch schwierig von Hunden ohne Wolfsanteil zu unterscheiden sein; nichtsdestotrotz weist jeder Low-Content-Wolfhund sichtbare Wolfsmerkmale auf, die die Unterscheidung von Tieren ohne Wolfsanteil ermöglichen.
Verglichen mit höherprozentigen Wolfhunden sind niedrigprozentige Wolfhunde (low bis mid content) deutlich hündischer im Verhalten, was sie oftmals leichter zu handhaben macht und eine bessere Integration in den Alltag ermöglicht, aber auch das Zusammenleben mit domestizierten Haushunden erleichtert.

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Low content wolfdogs (20-49%)

Low mid content- und mid content-Wolfhunde weisen in der Regel zu gleichen Teilen hündische und wölfische Merkmale auf. Ein Wolfhund im mittleren Prozentbereich sollte wie ein hündischer Wolf aussehen, die optisch sichtbaren Wolfsmerkmalen sollten geringfügig stärker ausfallen als die hündischen Züge. Mid-content-Wolfhunde sind häufig intensiver im Verhalten, sie zeigen ein ausgeprägteres Instinktverhalten, neigen häufiger zur Unverträglichkeit mit gleichgeschlechtlichen Artgenossen und können leichte bis moderate Züge saisonaler Aggression zeigen. Meist benötigen sie eine sichere Unterbringung in einem ausbruchssicheren Hundezimmer, einem Zwinger oder einem Gehege, können aber unter Aufsicht im Haus gehalten werden.
Im Gegensatz zu Low-Contents sind sie oftmals scheuer und deutlich schlechter darin, mit Veränderungen umzugehen.

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Low mid content wolfdogs (45-49%)

Niedrig- und mittelprozentige Wolfhunde können eine definierte, ausgeprägte Fellzeichnung/Maske aufweisen, blaue oder verschiedenfarbige Augen haben und eine eingerollte oder nach oben gestellte Rute besitzen.

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Mid content and solid mid content wolfdogs (50-74%)

Upper-mid-content-Wolfhunde weisen deutlich sichtbare wölfische Züge auf und sind in der Regel lediglich in wenigen Punkten von reinen Wölfen zu unterscheiden. Häufig zeigen Upper-mid-contens lediglich geringfügige hündische Züge, beispielsweise eine ungewöhnlich lange Rute, zu große Ohren, eine zu definierte Maske oder eine unwesentlich zu breite Brust.
Wolfhunde in diesem Prozentbereich unterscheiden sich in ihrem Wesen und ihrem Intsinktverhalten insignifikant von hochprozentigen Wolfhunden oder reinen Wölfen – sie sind oftmals weniger scheu und lassen sich besser durch eine menschliche Führung lenken, zeigen dafür jedoch häufig saisonale Aggression, Unverträglichkeit, Ausbruchs- und Erkundungsverhalten und Ressourcenverteidigung sowie häufig moderate bis starke neophobische Tendenzen.

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Upper mid content wolfdogs (75-85%)

Ein Tier dieses Prozentbereiches zu halten erfordert außergewöhnliche Hingabe und Wissen über echtes Wolfsverhalten. Upper-mid und high-content-Wolfhunde werden lediglich in den Frühjahrsmonaten geboren und sind ausschließlich während der Zeit von Januar bis April fertil – niedrigprozentige Wolfhunde können hingegen ganzjährig fertil sein. Höherprozentige Wolfhunde werfen ihre Unterwolle üblicherweise lediglich einmal jährlich ab und zeigen während der Paarungszeit ein ausgeprägtes Sexual- und Markierverhalten, das häufig von starker Lautgebung und Aggressivität begleitet wird. Viele dieser Tiere zeigen das sogenannte Schnüren, einen wildtiertypischen Passgang, der in der Regel weder bei Hunden noch bei niedrigprozentigen Wolfhunden beobachtet wird.

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High-content-Wolfhunde unterscheiden sich weder optisch noch charakterlich merklich von reinen Wölfen. Diese Tiere sind wesentlich mehr Wolf als Hund, in einem Ausmaß, dass sie von reinen Wölfen physisch oder behavioral bis auf geringfügige Merkmale kaum unterscheidbar macht. Es gibt nur wenige Ausnahmen von dieser Regel: Es spielt keine Rolle, wie die Jungtiere aufgewachsen sind oder wie „domestiziert“ sie sind – hochprozentige Wolfhunde werden fast alle physischen, biologischen und verhaltensspezifischen Aspekte von reinen Wölfen aufweisen.

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High content wolfdogs (86-99%)

Wölfe und Hunde weisen signifikante, offensichtliche Unterschiede in der Optik und im Verhalten auf. Wolfhunde zeigen – abhängig von ihrem Wolfsanteil und ihrer Sozialisierung – einige oder alle dieser Merkmale in unterschiedlicher Ausprägung.
Charakteristische Unterschiede zwischen Wölfen und Hunden sind das Paarungsverhalten, die Fähigkeit des Alleinbleibens, die Artgenossenverträglichkeit, die Orientierung am Menschen sowie die Problemlösungsstrategien und das Kommunikationsverhalten.
Wölfe sind im Gegensatz zu Hunden lediglich einmal jährlich paarungsbereit, in dem Zeitraum von Januar bis April – auch männliche Wölfe sind nur während der Wintermonate fertil, diese Zeit kann sich jedoch aufgrund klimatischer Unterschiede nach vorn verschieben. Wölfe und Wolfhunde sind in der Regel ausgesprochen erkundungsfreudig, destruktiv und werden spät bis nie stubenrein, weshalb eine Unterbringung in einem ausbruchssicheren Gehege meist unvermeidbar ist. Anders als Haushunde lernen die meisten Wolfhunde nicht, sich in der Abwesenheit ihrer Bezugsperson im Haus zu entspannen und verwüsten in dieser Zeit die Einrichtung oder suchen nach Ausbruchsmöglichkeiten.
Wölfe und höherprozentige Wolfhunde werden erst ab einem Alter von 2 bis 3 Jahren geschlechtsreif – low und mid content können bereits mit 1-2 Jahren paarungsreif sein. Sie erreichen, im Gegensatz zu Hunden, die meist ihr ganzes Leben lang juvenile Züge aufweisen, eine vollständige geistige Reife, die in den meisten Fällen mit einer Abkapselung der Gruppe einhergeht und eine Unverträglichkeit mit gleichgeschlechtlichen Artgenossen zur Folge hat. Ab der Geschlechtsreife kommt es insbesondere bei männlichen, höherprozentigen Wolfhunden während der Wintermonate zur saisonalen Aggression, dem sogenannten „Winter-Wolf-Syndrome“. Im Gegensatz zu Hunden orientieren sich Wölfe und andere Wildkaniden nicht an dem Menschen, sondern versuchen, eigene Konfliktlösungsstrategien zu entwickeln.

Education (8)

Je niedriger die Filialgeneration eines Tieres und je höher sein Wolfsanteil ist, desto mehr wölfische, für die meisten hundeaffinen Menschen unerwünschte Verhaltensweisen wird das Tier zeigen – die Sozialisation spielt bei der Intensität des Verhaltens und der Handhabbarkeit des jeweiligen Individuums zwar eine Rolle, wichtiger ist jedoch die genetische Veranlagung und die jeweilige Nähe zum Wolf.
Die Verhaltensweisen sind durch konsequentes, gutes Training nur bedingt beeinflussbar, insbesondere höherprozentige Wolfhunde lassen sich jedoch auch durch gezieltes Training in den wolfstypischen Veranlagungen nicht verändern.

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Neben den Wolfhunden, die aufgrund der Zucht mit in Gefangenschaft lebenden Wölfen und jahrelanger Selektion auf erwünschte Wesensmerkmale oftmals leichter zu halten sind als ungewollte Wolf-Hund-Verpaarungen oder reine Wölfe gibt es insbesondere in Amerika und Australien in Privathaushalten lebende Kreuzungen zwischen Kojoten und Hunden, sogenannte „Coydogs“ sowie Kreuzungen aus Dingos und Hunden, „Dingodogs“ oder „Dingo-X“ genannt. Diese Kreuzungen entstehen oftmals ungewollt oder aus erst seit wenigen Generationen in Menschenhand lebenden Wildtieren und Hunden, weshalb die jeweiligen Merkmale oftmals kaum gefestigt sind und sich das Wildtierverhalten deutlich stärker durchsetzt als ein gemäßigter, menschenbezogener Charakter.

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Viele dieser Mischlinge sind aus erster oder zweiter Filialgeneration, einige sogar entstanden aus wildlebenden Kojoten/Dingos und streunenden oder verwilderten Haushunden.
Selbst bei niedrigprozentigen Tieren werden aufgrund fehlender Selektion und fehlender Domestikation häufig extreme Verhaltensweisen beobachtet, die oftmals denen von mittel- bis hochprozentigen Wolfhunden gleichen; insbesondere bei Kojoten-Hund-Mischlingen wird eine extreme Scheu, eine ausgeprägte Neophobie, fehlende Stubenreinheit und eine reihe weiterer Wildtierverhaltensweisen beobachtet, die in dieser Ausprägung selten bei Wolf-Hund-Mischlingen oder Dingo-Hund-Mischlingen gleichen Contents beobachtet werden.

Quellen: http://writetochangetheworld.wikispaces.com/file/view/CanYouTurnAWolfIntoADog.pdf
http://www.texaswolfdogproject.org/resources/owning-a-wolfdog
http://www.texaswolfdogproject.org/resources/phenotyping/misrepresented-wolf-subspecies-content/misrepresentation
http://www.packwestwolfdogrescue.org/wolfdog-content.html
http://www.packwestwolfdogrescue.org/additional-links-and-information.html
http://www.indigomountain.org/winter-wolf.html